Expertenwissen

Was ist eigentlich Wissensarbeit?

Etwa 40 % der Beschäftigten in den entwickelten Industrieländern zählen zu den Wissensarbeitern. Aber was ist Wissensarbeit überhaupt? Klar ist: Nicht jede Informationsverarbeitung ist Wissensarbeit. Wissensarbeit ist auch nicht gleichbedeutend mit Forschung und Entwicklung und sie findet längst nicht nur in den Top-Management-Positionen statt.


Definition und Abgrenzung

  • Thomas H. Davenport, Professor am Babson College in Wellesley, Massachusetts, USA, beschreibt Wissensarbeit wie folgt: Wissen zu schaffen, verteilen oder anzuwenden ist nicht nur ein Teil der Aufgaben von Wissensarbeitern, sondern der Kern ihrer Tätigkeit. Oder anders ausgedrückt, Denken ist ihr Lebensunterhalt (thinking for a living).
  • James M. Manyika, Senior Partner bei McKinsey, Silicon Valley, USA, grenzt die Definition weiter ein und betont die Bedeutung komplexen Erfahrungswissens (tacit knowledge) für die Wissensarbeit. Dem stellt er Routinetätigkeiten gegenüber, die vornehmlich der Wissensverarbeitung dienen (transactional labour).
  • Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, bezieht den sozialen und kognitiven Umgang mit dem Wissen in ihre Abgrenzung der Wissensarbeit ein. Die Autoren des IAO-Wiki beschreiben Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen als Menschen, die sich bei ihrer Arbeit in starkem Austausch mit Kunden und Projektpartnern befinden. Demzufolge sind Kreativität, Teamarbeit und die Pflege von Netzwerken Indikatoren für Wissensarbeit.

Besonderheiten

Kenntnisse und Erfahrungen sowie die Fähigkeit zur kreativen Nutzung von Wissen, sind elementare Voraussetzung für echte Wissensarbeit.

Wissensarbeit ist damit stets Kopfarbeit. Sie entsteht aus einer Mischung aus individuellem Wissen und kommunikativem Austausch. Der eigentliche Prozess der Wissensarbeit bleibt fast immer im Verborgenen.

Die Ergebnisse der Wissensarbeit sind nur selten direkt messbar. Vielmehr zeigt sich der Erfolg der Wissensarbeit fast immer mit zeitlicher Verzögerung als Teil von Zahlen und Ereignissen, die wiederum nur schwer einzelnen Personen oder Aktivitäten zuzuordnen sind.McKinsey mahnte daher schon im Jahr 2005, dass die Steigerung der Effektivität von Wissensarbeit weit schwieriger zu erreichen sei als Effizienzsteigerungen in der Produktion und bei reproduktiven Tätigkeiten. Unproduktive Wissensarbeiter könnten sich, so die Einschätzung der US-amerikanischen Experten, zu einem entscheidenden Kostennachteil für betroffene Unternehmen entwickeln. Andererseits lägen in der Wissensarbeit auch große Chancen und Wettbewerbsvorteile für innovative Unternehmen.


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Wissensarbeit ist branchenübergreifend die Arbeitsform, die den stärksten Einfluss auf die Wertschöpfung der Unternehmen nimmt. Die Herausforderung besteht darin, optimale Voraussetzugnen für die Wissensarbeit zu schaffen.


Fließende Übergänge

Wissensarbeit wird üblicherweise gegen Tätigkeiten mit hohem Routineanteil abgegrenzt. Das suggeriert ein Entweder-oder, das es so in der Praxis nur ganz selten gibt. Tatsächlich sind die Übergänge zwischen Routinetätigkeiten und Wissensarbeit fließend.

  • Selbst Wissensarbeiter in Führungspositionen oder FuE-Abteilungen verrichten Routinetätigkeiten – und sei es nur die Vorbereitung einer Reisekostenabrechnung.
  • Andererseits können und müssen auch Personen, die Informationen in Routinetätigkeiten verarbeiten kreativ werden, um gelegentliche Sonderfälle zu bearbeiten oder ihre Arbeit effizient zu organisieren.

Die Zurechnung von Beschäftigten zu der einen oder anderen Gruppe wird in der Regel anhand der vorherrschenden Tätigkeitsform vorgenommen. Für eine allgemeine Beschreibung von Anforderungen oder statistische Zwecke ist dies ausreichend. Für arbeitsorganisatorische Planungen und die Gestaltung des Arbeitsumfeldes greift die schematische Betrachtung allerdings zu kurz. Hier sind detailliertere Analysen erforderlich.