Kartenschatten

Newsroom

RESI Bamberg: Lowtech-Bürogebäude mit Netto-Null-Energie-Anspruch

IBA vor Ort

RE Bamberg, EG Kreativbereich, Bild: Karolina Parot
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
6 Minuten

Auf dem Lagarde-Campus in Bamberg, einem ehemaligen Kasernengelände, hat die Alpha IC GmbH mit RESI ein Bürogebäude errichtet, das nach Unternehmensangaben auf Ressourcenschonung und Netto-Null-Energie setzt. Das dreigeschossige Gebäude kommt ohne klassische Heizungs- und Kühlanlagen aus und soll als Modellprojekt für energieeffizientes Bauen dienen. Geschäftsführer Sebastian Hölzlein beschreibt das Grundprinzip wie folgt: „Weniger Technik, mehr Intelligenz – und das mit Netto-Null-Energie.“

Von der Idee zum Pilotprojekt

RESI ist das Akronym für Responsibility, Excellence, Sustainability und Innovation – die Leitgedanken, die laut Alpha IC von Beginn an im Zentrum der Planung standen. Das Ziel war nicht nur, ein funktionales Bürogebäude zu schaffen, sondern auch, einen Beitrag zur Diskussion über klimaresiliente Bauweisen zu leisten. Das Architekturbüro hehnpohl architektur bda (Münster) entwarf das Gebäude mit einer klaren, zurückhaltenden Formensprache. Die Fassaden aus wiederverwendeten Klinkerriemchen greifen die Ziegeloptik der umgebenden, ehemals militärisch genutzten Gebäude zeitgemäß auf und vermitteln zugleich einen langlebigen, robusten Eindruck. Die Bauzeit von etwa 13 Monaten vom Baubeginn bis zur Fertigstellung Anfang 2025 wurde nach Angaben von Alpha IC durch eine intensive Planungszeit mit allen Beteiligten und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Generalunternehmer Zech Bau SE ermöglicht. Der Vertrag wurde als „Garantierter Maximalpreis“ abgeschlossen, sodass früh Planungssicherheit über Kosten und Termine bestand.

Lowtech-Strategie und Raumklima

Der bewusste Verzicht auf konventionelle Heiz- und Kühlsysteme ist der Kern des Konzepts. Stattdessen kommt massives, wärmespeicherndes Mauerwerk ausRecycling-Beton zum Einsatz. Ein Lüftungssystem mit Nachtkühlung nutzt die natürliche Thermik, um das Raumklima passiv zu regulieren. Lediglich für Ausnahmefälle steht ein elektrisches Heizregister bereit. Sebastian Hölzlein erklärt: „Wir wollen die physikalischen Eigenschaften von Materialien und Luftströmungen konsequent nutzen, statt mit komplexer Technik zu kompensieren.“ Nutzer berichten, dass die Raumtemperatur selbst an heißen Sommertagen stabil bei etwa 25 bis 26 °C bleibt. Externe, unabhängige Bewertungen zum Raumklima werden aktuell im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit mit der TH Nürnberg Georg Simon Ohm dokumentiert und analysiert. Zudem wird in Zusammenarbeit mit der Firma Hermos daran gearbeitet, die Gebäudeperformance live zugänglich zu machen.

Netto-Null-Bilanz und Kreislaufprinzip

Eine großflächige Indach-Photovoltaikanlage gewährleistet die Energieversorgung. Im Jahresmittel produziert sie mehr Strom, als das Gebäude verbraucht. Überschüsse werden in das öffentliche Netz eingespeist, Defizite kurzfristig ausgeglichen. Dadurch ergibt sich eine Netto-Null-Bilanz im Betrieb. Alpha IC betont, dass die Energieeffizienz auch wirtschaftliche Vorteile bietet. Niedrigere Betriebskosten ermöglichen langfristig stabile Bruttowarmmieten, was angesichts steigender Energie- und CO2-Preise insbesondere für Mieter von Vorteil ist. Das Projekt verfolgt zudem einen konsequenten Kreislaufansatz: Recycling-Beton und wiederverwendete Klinkerriemchen kamen zum Einsatz, ein Gebäuderessourcenpass dokumentiert alle verwendeten Materialien zur Sicherstellung ihrer Rückgewinnung am Lebenszyklusende. Die Ökobilanz der RESI im Rahmen der Zertifizierung nach dem System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) erreicht 100 von 100 Punkten; insgesamt wird die Auszeichnungsstufe DGNB Gold angestrebt und erwartet.

RESI Gebäude Außenansicht. Bild: hehnpohl architektur bda
RESI Gebäude Außenansicht. Bild: hehnpohl architektur bda
Tribüne im EG mit Graffiti. Bild: hehnpohl architektur bda
Tribüne im EG mit Graffiti. Bild: hehnpohl architektur bda
Treppenhaus 1. OG. Bild: hehnpohl architektur bda
Treppenhaus 1. OG. Bild: hehnpohl architektur bda
Kreativbereich im EG. Bild: Karolina Parot
Kreativbereich im EG. Bild: Karolina Parot
Kollaborationsfläche im EG. Bild: Karolina Parot
Kollaborationsfläche im EG. Bild: Karolina Parot
Treppenhaus 1. OG. Bild: Karolina Parot
Treppenhaus 1. OG. Bild: Karolina Parot
Besprechungsraum 2. OG. Bild: hehnpohl architektur bda
Besprechungsraum 2. OG. Bild: hehnpohl architektur bda
Desksharing Arbeitsplätze. Bild: hehnpohl architektur bda
Desksharing Arbeitsplätze. Bild: hehnpohl architektur bda
Social Hub für Pausen und Co. Bild: Greb Wohnwork
Social Hub für Pausen und Co. Bild: Greb Wohnwork

Partizipation und Vertrauenskultur

Die Einbindung der Beschäftigten war ein zentraler Aspekt bei der Planung von RESI. Bereits in frühen Phasen wurden Workshops und Feedbackschleifen organisiert, um die Anforderungen an Arbeitsplätze und Raumaufteilung zu definieren. Dabei ging es nicht nur um Grundrissfragen, sondern auch um die Entwicklung und Umsetzung eines zukunftsorientierten Arbeitsplatzkonzeptes nach Activity-Based-Working. Heute bietet das Gebäude eine Vielfalt an aktivitätsbezogenen Arbeitsumgebungen: offene Zonen für Teamarbeit, Rückzugsräume für konzentriertes Arbeiten, Telefonboxen, kreative Workshop-Flächen, eine Tribüne für Austausch und Veranstaltungen und flexible Besprechungsräume. Eine Besonderheit ist, dass die Nutzung dieser Flächen völlig frei und ohne Anwesenheitspflicht erfolgt. Arbeits- und Bürozeiten basieren vollständig auf Vertrauen; gebucht wird über eine selbst programmierte App. Nach Angaben von Alpha IC führt dieser Ansatz dazu, dass viele Beschäftigte gern und auch überdurchschnittlich häufig ins Büro kommen.

Offenheit für die Stadtgesellschaft

RESI versteht sich nicht nur als Unternehmenszentrale, sondern auch als offener Ort für die Öffentlichkeit. Ein Café im Erdgeschoss ist für Besucher zugänglich, Teile der Büroflächen können von externen Unternehmen genutzt werden. Alpha IC hebt auch den Aspekt des Wertedialogs hervor, bei dem gesellschaftliche Themen wie Nachhaltigkeit, Verantwortung und Innovation im Vordergrund stehen. Im direkten Umfeld des Kulturquartiers Lagarde sollen Kooperationen mit Start-ups, Technologieunternehmen und kreative Projekte gefördert werden, um Impulse für Innovation und Zusammenarbeit zu schaffen. Ein visuelles Zeichen setzt das großflächige Graffiti „Human Rights Square“ im offenen Erdgeschoss und Eingangsbereich. Es nimmt Bezug auf den Standort am Platz der Menschenrechte und unterstreicht den Anspruch, Werte und Haltung sichtbar zu machen – wenn auch zurückhaltend und als Teil der Gesamtgestaltung.

RESI im Kontext einer neuen Bau- und Arbeitskultur

Mit RESI zeigt Alpha IC, wie sich ökologische Verantwortung, kreislauforientiertes Bauen und flexible Arbeitsmodelle miteinander verbinden lassen. Das Gebäude steht beispielhaft für eine Entwicklung, die auch in der IBA Forum-Community diskutiert wird: Wie können Orte entstehen, die neben Ressourcenschonung auch Werte, Zusammenarbeit und Dialog fördern? RESI versteht sich als Reallabor für diese Fragen und als praktische Antwort auf Probleme wie Klimaresilienz, Energieeffizienz und eine sich wandelnde Arbeitswelt. Zugleich wirft das Projekt neue Fragen auf: Lässt sich ein Lowtech-Ansatz in größerem Maßstab oder anderen Klimazonen umsetzen? Welche Voraussetzungen sind für die flächendeckende Anwendung solcher Konzepte erforderlich?

 

Im Rahmen der „IBA vor Ort“-Serie soll RESI als Impulsgeber dienen. Es zeigt, dass nachhaltige Bauweisen und ein vertrauensbasiertes Arbeitsumfeld kein Widerspruch sein müssen, sondern ein zukunftsfähiges Modell sein können – vorausgesetzt, es werden konsequent die Nutzer mit einbezogen.

Lesen Sie auch

Sebastian Hölzlein, Alpha IC. Bild: Karolina Parot
Workspaces of Tomorrow Low tech, high trust: Sebastian Hölzlein über nachhaltige Arbeitswelten im RESI Bamberg

Die IBA Forum Redaktion sprach mit Sebastian Hölzlein, Co-Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Alpha IC GmbH, und Andrea Schmidt, Partnerin und Change Expertin bei der Alpha IC. Das Unternehmen mit rund 80 Beschäftigten berät seit fast 25 Jahren im Bereich nachhaltiger Immobilienstrategien und entwickelt Konzepte für klimaresiliente Arbeitswelten. Mit RESI auf dem Lagarde-Campus in Bamberg hat Alpha IC nun auch seinen eigenen Hauptsitz nach diesen Prinzipien gestaltet. Weitere Informationen finden Sie unter https://www.alpha-ic.com/.

Titelbild: Karolina Parot

Fotos: Karolina Parot, hehnpohl architektur bda, Greb Wohnwork