Das Büro ist kein statischer Ort mehr. Es wird zunehmend als System verstanden, das sich an Organisation, Technologie und Gesellschaft anpasst. In vielen Unternehmen hat sich hybrides Arbeiten etabliert. Zugleich wächst der Druck, Flächen effizienter zu nutzen, diverse Anforderungen zu erfüllen und eine Belegschaft mit vielfältigen Bedürfnissen zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund verschieben sich die Leitfragen für das Jahr 2026: Wofür braucht es das Büro, wenn Arbeit auch anderswo möglich ist? Welche Räume fördern Zusammenarbeit, Lernen und Kultur? Welche Bedingungen sind nötig, damit Menschen gesund und konzentriert arbeiten können?
Hybrid wird Standard – aber nur mit Raumankern
Hybrides Arbeiten gilt vielerorts als Normalität, bleibt jedoch organisatorisch anspruchsvoll. Wenn Teams zeitlich und räumlich getrennt voneinander arbeiten, drohen neue Reibungsverluste: Spontane Abstimmungen werden schwieriger, die Bindung ans Unternehmen kann abnehmen und Bürozeiten werden mitunter zur Aneinanderreihung von Online-Meetings. Die Raumdenkerinnen-Kolumne im IBA Forum bringt diese Spannung auf den Punkt: Flexibilität braucht Raumanker. Also Orte und Routinen, die Zusammenarbeit und Zugehörigkeit zuverlässig ermöglichen. Für 2026 bedeutet das: Es geht nicht mehr um die bloße Anwesenheit, sondern um bewusst gestaltete gemeinsame Zeit. Formate wie feste Teamtage, gemeinsame Rituale oder kuratierte Austauschformate gewinnen an Bedeutung, damit der Weg ins Büro einen klaren Mehrwert hat. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an Rückzug und Fokus im Büro als Gegenpol zu offenen Kollaborationsflächen bestehen.
Adaptive Flächen und Activity-based Working: Das Büro als Toolkit
Ein weiterer Trend für das Jahr 2026 ist die Abkehr von starren Raumprogrammen. Organisationen verändern sich schneller, Projektteams arbeiten dynamischer, die Auslastung schwankt. Damit steigt der Wert anpassbarer Strukturen. Activity-based Working bleibt ein Leitbild, wird aber zunehmend als Baukasten verstanden. Räume sollen sich mit wenig Aufwand umkonfigurieren lassen. Der Tomorrow’s Office Report spricht in diesem Zusammenhang vom adaptiven Büro als Toolkit mit mobilen Elementen, flexiblen Zonen und Mischformen aus Arbeits‑, Lern- und Communityflächen. Entscheidend ist dabei weniger die maximale Offenheit als die Passung: Menschen brauchen Wahlfreiheit, aber auch Orientierung. Gute Konzepte unterscheiden deshalb klar zwischen Fokus, Austausch, Kreativität, Lernen und Regeneration und machen die Nutzung einfach, statt sie zu verkomplizieren.
Das Smart Office wird alltagstauglich: Daten als Grundlage für bessere Nutzung
Sensorik, Belegungsdaten und Auswertungen zum Raumklima sind zwar nicht neu, werden 2026 aber pragmatischer eingesetzt. Das Ziel ist nicht, Hightech um der Hightech willen einzusetzen, sondern ein Flächen- und Betriebsmanagement einzurichten, das sich auf valide Daten stützen kann: Welche Bereiche werden wirklich genutzt? Wo entstehen Engpässe? Wo wird Energie verbraucht, obwohl Räume leer stehen? Und welche Services erhöhen den Komfort, ohne neue Hürden zu schaffen? Damit Smart-Office-Ansätze im Alltag funktionieren, rücken Fragen nach Governance und Akzeptanz stärker in den Vordergrund. Aus Nutzersicht ist dabei entscheidend, ob die Technologie unaufdringlich unterstützt, etwa durch einfache Buchung, verlässliche Technik oder eine bessere Umgebungsqualität.
KI verändert die Zusammenarbeit – und damit auch die Räume
Ein besonders dynamischer Treiber für das Jahr 2026 ist die Künstliche Intelligenz. KI wird dabei nicht nur als Tool, sondern auch als Impulsgeber für neue Formen der Zusammenarbeit diskutiert. Wenn KI Inhalte strukturiert, Wissen zugänglich macht, Arbeitsabläufe vorbereitet oder als „Agent“ mitarbeitet, verändern sich Rollen, Verantwortung und Lernbedarfe. Der Pre-Read zur „New Work Order“-Studie Kollaboration mit KI betont, dass Unternehmen dafür Regeln, Kompetenzen und neue Routinen brauchen und dass Räume diesen Wandel unterstützen müssen. Für 2026 lässt sich daraus ein Raumtrend ableiten: Mehr Flächen für Co-Creation, Prototyping, Review und Lernen, während Räume, die reine Konferenzräume sind, an Bedeutung verlieren. Das Büro wird somit stärker zur realen „Sandbox“, in der Teams KI-gestützte Arbeitsweisen erproben, reflektieren und gemeinsam weiterentwickeln. An dieser Schnittstelle setzt auch die Arbeit von Manuela Lieber an, die die neuropsychologischen Anforderungen neuer Lern- und Transformationsräume beschreibt. Sie zeigt, dass KI-Transformationen selten linear verlaufen und hohe Anforderungen an Räume für Austausch, Fehlerkultur, Orientierung und kognitive Entlastung stellen. Dadurch verschiebt sich der Fokus: Räume werden nicht mehr nur nach Flächentypen, sondern nach Denk- und Lernprozessen geplant.
Architekturpsychologie und Workplace-Strategie: Räume gestalten Verhalten
Zunehmend rückt die Frage in den Vordergrund, wie Räume Verhalten prägen und Unternehmenskultur sichtbar machen. Sandra Gauer, Workplace-Strategin und Architekturpsychologin, beschreibt Arbeitswelten als Schnittstelle von Raum, Kultur und Verhalten. Ihr Ansatz verweist darauf, dass Flexibilität auch psychologisch haltbar sein muss. Räume sollen Individualität und Orientierung zugleich ermöglichen und damit Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Vertrauen stärken. Entscheidend ist die Balance zwischen Offenheit und Struktur. Für die Praxis bedeutet das: Rückzug und Konzentration sind genauso relevant wie Orte der Begegnung, der informellen Vernetzung oder des Lernens. So wird Architektur zum kulturellen Führungsinstrument.
Wellbeing und Erlebnisqualität: Das Büro als Ort, der Gesundheit und Bindung mitprägt
Parallel dazu gewinnt das Arbeitserleben an Gewicht. Wenn Präsenz nicht mehr selbstverständlich ist, wird die Qualität des Büros zum entscheidenden Faktor für Bindung, Motivation und Innovation. Laut der Gensler Global Workplace Survey 2025 ist der physische Arbeitsplatz ein Anker moderner Organisationen, dessen Funktion sich jedoch verändert. Die Beschäftigten nennen soziale Gründe wie Austausch, Zugehörigkeit und Zusammenarbeit als wichtige Motive für den Gang ins Büro. Zugleich erwarten sie vielseitige, inspirierende und komfortable Umgebungen. Das bedeutet für das Jahr 2026: Akustik, Licht, Luftqualität und Ergonomie werden stärker als Basisleistung betrachtet. Ergänzend rücken Rückzugs- und Regenerationsorte, biophile Elemente und eine „Hospitality“-Logik in den Fokus.
Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit: vom Zusatz zum Designprinzip
Nachhaltigkeit prägt 2026 nicht nur die Materialien, sondern auch die Entscheidungen über Umbau, Betrieb und Lebenszyklen. Der Tomorrow’s Office Report nennt Nachhaltigkeitsanforderungen als zentralen Treiber und beschreibt zirkuläre, langlebige und anpassbare Lösungen als Grundlage für Resilienz. In der Praxis steigt damit der Wert modularer Systeme, wiederverwendbarer Komponenten und flexibler Planung, die Veränderungen im Bestand ermöglichen.
Fazit
2026 markiert einen Übergang: Das Büro entwickelt sich vom rein funktionalen Arbeitsort zu einem gestalteten sozialen und kognitiven Umfeld, das Zusammenarbeit, Lernen und Gesundheit ermöglicht. Entscheidungen über Flächen und Technologien werden strategischer, Gestaltung evidenzbasierter und Räume zu Instrumenten der Organisation selbst. Erfolgreich sind dabei vor allem jene Modelle, die Adaptivität, Nutzerorientierung und kulturelle Klarheit verbinden. Für Unternehmen heißt das: Nicht das Büro als solches steht zur Diskussion, sondern seine Rolle. Und diese gewinnt an Bedeutung, je vielfältiger Arbeit wird.
Jasmin Najiyya