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Work Culture Festival

Valeria Segovia auf der ORGATEC. Bild: IBA
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
6 Minuten

Beim Work Culture Festival sprach Valeria Segovia, Principal & Design Director bei Gensler, über die Zukunft von Arbeitsumgebungen. In ihrem Vortrag verknüpfte sie die Anforderungen an moderne Bürogebäude mit den Herausforderungen nachhaltigen Handelns. Ihr zentrales Anliegen: Die Transformation beziehungsweise die Revitalisierung bestehender Gebäude muss im Mittelpunkt der Zukunftsgestaltung stehen.

Herausforderungen der gebauten Umwelt

Segovia begann ihren Vortrag mit einer Bestandsaufnahme: Etwa 39 % der weltweiten CO2-Emissionen werden durch den Gebäudesektor verursacht. In London beispielsweise sind 70 % der bestehenden Bürogebäude nicht zukunftsfähig und müssten entweder umfassend saniert oder neu gedacht werden. Doch statt auf Abriss und Neubau zu setzen, plädiert sie für die Umnutzung und Revitalisierung bestehender Strukturen. Denn: Die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Architektur zeige sich auch in den Ansprüchen der jüngeren Generationen. Die Arbeitnehmer der Zukunft, so Segovia, werden bewusst nach Unternehmen suchen, deren Büroflächen nachhaltige Werte widerspiegeln und deren Unternehmenszweck einen gewissen Purpose verfolgt. Gebäude, die mit umweltfreundlichen Materialien gebaut oder umgestaltet wurden, könnten so zu einem Wettbewerbsfaktor werden.

Fünf Prinzipien für das Büro der Zukunft

Segovia stellte fünf zentrale Faktoren vor, die die Arbeitsumgebungen der Zukunft bestimmen werden:

  1. Das Büro als Destination: Die Hauptmotivation für Mitarbeiter, ins Büro zu kommen, ist der persönliche Austausch. Um attraktive Arbeitsplätze zu schaffen, gilt es, räumliche Erlebnisse zu bieten, die über den reinen Arbeitsplatz hinausgehen. Dazu gehört ein Umfeld, das inspiriert und Anreize schafft, bewusst ins Büro zu kommen, statt zu Hause zu arbeiten. Aufenthaltsqualität, soziale Interaktionsmöglichkeiten und eine durchdachte Gestaltung tragen dazu bei, das Büro mit einem echten Mehrwert zu versehen.
  2. Klare Wertekommunikation: Ein starkes Wertebewusstsein wird immer wichtiger. Das bedeutet, die Unternehmensidentität und Philosophie architektonisch auszudrücken, sie auch spürbar zu machen, um sich als Arbeitgeber klar zu positionieren. Dies kann durch Materialien, Farbgestaltung, Designkonzepte oder die Integration nachhaltiger Elemente geschehen.
  3. Community im Zentrum: Arbeitsplätze sollten keine isolierten Orte sein, sondern in das urbane Umfeld integriert werden. Die Verbindung von Unternehmens- und Stadtkultur schafft Arbeitswelten mit hoher Identifikation. Die Verbindung zur lokalen Gemeinschaft, die Nutzung von Gebäuden für unterschiedliche Zwecke oder auch die Bereitstellung von Räumen für kulturelle und soziale Veranstaltungen sind wichtige Aspekte hierbei.
  4. Freiheit zum Experimentieren: Die Arbeitswelt der Zukunft erfordert Flexibilität. Räumlichkeiten sollten so gestaltet werden, dass sie sich dynamisch verändernden Bedürfnissen anpassen können. Dazu gehören modulare Arbeitsplätze, wandelbare Raumstrukturen und intelligente Technologien, die eine Atmosphäre schaffen können, die zur jeweiligen Nutzungssituation passt.
  5. Nachhaltigkeit als Leitmotiv: Ein zukunftsfähiges Büro ist ressourcenschonend. Materialkreisläufe, energieeffiziente Sanierungen und intelligente Raumkonzepte müssen in die Planung integriert werden. Mit nachhaltigen Baustoffen, CO2-neutralen Energiequellen und durchdachten Gebäudestrategien können Unternehmen langfristig sowohl die Umwelt als auch die Betriebskosten entlasten.

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Beispiele aus der Praxis: Nachhaltige Transformation von Bestandsgebäuden

Anhand konkreter Projekte zeigte Segovia, wie bestehende Gebäude nachhaltig revitalisiert und an moderne Arbeitsanforderungen angepasst werden können. 

Bürokomplex Covent Garden
Ein Beispiel ist die Revitalisierung eines Bürokomplexes im Londoner Stadtteil Covent Garden. Ursprünglich als Bankgebäude konzipiert, war der Bau von seiner Umgebung abgeschottet und vermittelte einen wenig einladenden Eindruck. Die Herausforderung bestand darin, die starre Struktur aufzubrechen und das Gebäude stärker mit dem städtischen Leben zu verbinden. Durch die gezielte Öffnung des Innenhofs, die Einführung flexibler Arbeitsbereiche und die Integration öffentlicher Zonen wurde das Gebäude in einen lebendigen Treffpunkt verwandelt. Besucher und Mitarbeiter profitieren nun von einem offenen Raumkonzept, das sowohl das konzentrierte Arbeiten als auch die soziale Interaktion fördert.

Rathaus London
Ein weiteres Beispiel für nachhaltige Umgestaltung ist die Transformation des Londoner Rathauses, eines Wahrzeichens der Stadt, entworfen von Norman Foster. Ursprünglich als Sitz der Greater London Authority konzipiert, entsprach das Gebäude nicht mehr den modernen Anforderungen an eine flexible und integrative Nutzung. Um die Umweltbilanz zu verbessern und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, wurden nachhaltige Gestaltungsmaßnahmen ergriffen. Die ehemals statische Fassade erhielt Elemente, die begrünt sind, sich teilweise öffnen lassen und passive Heiz- und Kühlsysteme unterstützen. Zudem wurde das Gebäude barrierefrei umgestaltet, um den Zugang für alle Nutzergruppen zu erleichtern. Durch gezielte Eingriffe konnte hier ein das Ortsbild prägendes Gebäude mit minimalem Ressourceneinsatz einer neuen Nutzung zugeführt werden.

Hochhaus in Canary Wharf
Eindrucksvoll ist auch die Umgestaltung eines Hochhauses in Canary Wharf, das aufgrund seiner veralteten Bauweise nicht mehr den aktuellen Standards für Bürogebäude entsprach. Statt das Hochhaus abzureißen, wurde es in einen multifunktionalen Gebäudekomplex umgewandelt, der Büroflächen mit Co-Working-Spaces, Bildungs- und Freizeitbereichen kombiniert. Um das Raumklima zu optimieren und den Energieverbrauch zu senken, fügte man in der Mitte des Gebäudes ein Atrium ein. Durch die natürliche Belüftung ließ sich der Bedarf an künstlicher Klimatisierung signifikant reduzieren. Darüber hinaus machen die unterschiedlichen Nutzungszonen das Gebäude zu einem lebendigen Ort, der sich wechselnden Bedürfnissen anpassen kann und weit über ein klassisches Bürogebäude hinausgeht.

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Regeneration statt Neubau

Für Valeria Segovia liegt die Zukunft der Architektur in der intelligenten Umnutzung bestehender Strukturen, in der Revitalisierung statt bloßer Sanierung. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Betrachtung von Materialkreisläufen, sprich: im Recycling vorhandener Baustoffe und ihrer Integration in neue Gebäudekonzepte. So wurden in Projekten Fassadenverkleidungen aus alten Gebäuden entfernt, gereinigt und als Bodenbelag in anderen Projekten wiederverwendet. Auch der Einsatz von Sensortechnik spielt für Segovia eine zentrale Rolle. Durch die Erfassung von Gebäudedaten lasse sich analysieren, wie Arbeitsräume tatsächlich genutzt werden und welche Änderungen sinnvoll sind. Das könne künftig die Energieeffizienz weiter optimieren und eine bedarfsgerechte Gestaltung gewährleisten. Segovia schloss mit einer Zukunftsvision: das Büro als lebendiger Ort, der sich beständig anpasst und mit seiner Umgebung interagiert – und das auf nachhaltige Weise.

Valeria Segovia ist Principal & Design Director bei Gensler und verfügt über 18 Jahre Erfahrung in der Architektur- und Designbranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf der nachhaltigen Transformation bestehender Gebäude, um sie zukunftsfähig zu machen und negative Umwelteinflüsse zu minimieren. Segovia leitet interdisziplinäre Projektteams und setzt sich für innovative, identitätsstiftende Raumkonzepte ein. Als Mitglied des Design Review Panels des Hackney Councils engagiert sie sich für die Weiterentwicklung urbaner Räume. Segovia setzt sich für Diversität und Chancengleichheit in der Architektur ein und unterstützt aktiv die nächste Generation von Designerinnen und Designern. Weitere Informationen: gensler.com

Titelbild: @ IBA