Am 22. Januar 2026 fand die Adaptable Building Conference am Nieuwe Instituut in Rotterdam unter der Leitfrage „What if buildings could adapt to our changing needs and requirements over time?“ statt. Ein Panel unter der Moderation von Claire Brodka stellte sich diese Frage aus der Perspektive der Nutzer und nahm damit die Realität von Wohnen und Arbeiten in den Blick. Unter dem Titel „What people want from buildings – changing needs in living and working“ diskutierten Robert Schmidt III., Mattijs Kaak und Lukas Kauer darüber, was Menschen heute von Gebäuden erwarten, warum klassische Typologien an ihre Grenzen stoßen und welche Konsequenzen sich daraus für Entwurf, Projektentwicklung und Richtlinien ergeben.
Veränderte Arbeitsrealitäten erfordern anpassungsfähige Gebäude
Wer heute über die Anpassungsfähigkeit von Gebäuden spricht, verweist häufig auf eindrucksvolle Transformationsprojekte oder technologische Innovationen. Das Panel wählte einen pragmatischeren Zugang und rückte die veränderten Arbeitsrealitäten in den Mittelpunkt. Denn insbesondere die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren strukturell gewandelt. Hybride Modelle, projektbasierte Zusammenarbeit, flexible Anwesenheitsquoten und interdisziplinäre Teams prägen zunehmend den Alltag vieler Organisationen. Dadurch sind Arbeitsorte weniger eindeutig definiert als noch vor wenigen Jahren. Tätigkeiten wechseln schneller zwischen konzentrierter Einzelarbeit, digitaler Kollaboration und physischem Austausch. Unternehmen reagieren darauf mit Desk-Sharing-Konzepten, variablen Flächenstrategien und neuen Raumformaten. Was früher eine Ausnahme war, ist heute in vielen Branchen Standard. Diese Entwicklungen stellen neue Anforderungen an Gebäude. Es reicht nicht mehr aus, Büroflächen ausschließlich auf einen festen Nutzungstyp hin zu optimieren. Gefragt sind vielmehr Strukturen, die unterschiedliche Arbeitsweisen unterstützen und sich auf grundlegenderer Ebene anpassen lassen, beispielsweise bei der Erschließung, der technischen Infrastruktur und der regulatorischen Einordnung von Flächen. Damit wird Anpassungsfähigkeit zu einer strategischen Frage der Immobilienentwicklung und ist nicht mehr allein ein Thema der Innenraumgestaltung.
Offene Systeme statt festgelegter Nutzungsmodelle
Robert Schmidt III., Professor für Architectural Design an der Loughborough University, ordnete die Diskussion auf struktureller Ebene ein. Seiner Meinung nach sollten Gebäude nicht als abgeschlossene Produkte verstanden werden, sondern als offene Systeme, die sich während ihres gesamten Lebenszyklus verändern können. Dabei gehe es weniger um einzelne flexible Elemente als um grundsätzliche Planungsentscheidungen. Tragstrukturen, Erschließungskerne, Geschosshöhen oder die technische Infrastruktur bestimmen maßgeblich, ob ein Gebäude später an neue Arbeitsformen angepasst werden kann. Diese Anpassungsfähigkeit müsse daher frühzeitig in Entwurfsprozesse, Planungsrichtlinien und politische Rahmenbedingungen integriert werden. Schmidt wies darauf hin, dass viele Bestandsgebäude nicht an mangelnder Substanz scheitern, sondern an zu spezifischen Festlegungen. Wenn sich Arbeitsmodelle schneller verändern als Immobilien, entsteht ein strukturelles Missverhältnis, das langfristig zu Leerstand oder teuren Umbauten führt.
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Arbeitswelten zwischen Effizienz und Aufenthaltsqualität
Mattijs Kaak, Founding Partner von Ditt Officemakers, brachte die Praxisperspektive in die Arbeitsplatzgestaltung ein. Unternehmen stünden heute vor der Aufgabe, Büroflächen neu zu legitimieren. In Zeiten hybrider Arbeit ist physische Präsenz keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern muss einen erkennbaren Mehrwert bieten. Aus seiner Erfahrung gewinnen Aspekte wie Aufenthaltsqualität, Komfort und Nutzungsvielfalt an Bedeutung. Arbeitsumgebungen sollten unterschiedliche Modi wie konzentrierte Einzelarbeit, kollaborative Projektarbeit oder auch informelle Begegnungen ermöglichen. Dadurch werde die Flächennutzung komplexer und dynamischer. Laut Kaak funktionieren flexible Arbeitsmodelle nicht allein durch organisatorische Regelungen, sondern benötigen auch räumliche Voraussetzungen. Gebäude müssten daher so konzipiert sein, dass sie unterschiedliche Belegungsquoten, wechselnde Teamgrößen und neue Arbeitsformate aufnehmen können, ohne dass grundlegende bauliche Eingriffe erforderlich werden.
Wohn- und Arbeitsräume im Wandel
Lukas Kauer, Gründer des Concept and Venture Studio Fragile, ergänzte die Diskussion um die Perspektive des Wohnens, insbesondere dort, wo Wohnen und Arbeiten räumlich zusammenfallen. Homeoffice-Phasen, temporäre Projektarbeit oder selbstständige Tätigkeiten führen dazu, dass Wohnräume zunehmend multifunktional genutzt werden. Kauer verwies auf Forschungsvorhaben wie die Adaptable Home Survey, die die Nutzererwartungen systematisch untersuchte. Die Ergebnisse zeigen, dass sich viele Menschen Räume wünschen, die sich im Lebensverlauf an veränderte Anforderungen anpassen lassen, etwa bei veränderten Haushaltsgrößen oder neuen Arbeitsformen. In diesem Zusammenhang gewinnen auch industrielle Lösungen an Bedeutung, die Umbauten vereinfachen oder die zirkuläre Nutzung von Bauteilen ermöglichen.
Konsequenzen für Planung und Entwicklung
In der Gesamtschau wurde deutlich, dass Anpassungsfähigkeit nicht nur eine gestalterische Aufgabe ist. Sie betrifft Projektentwicklung, Bewertungssysteme und regulatorische Vorgaben gleichermaßen. Immobilien werden häufig noch auf einen klar definierten Nutzungstyp hin optimiert. Ändert sich dieser Typ, entstehen erhebliche Anpassungskosten. Für die Planung bedeutet dies, stärker mit robusten, nutzungsoffenen Strukturen zu arbeiten. Entwickler müssen sich die Frage stellen, wie sich langfristige Flexibilität in Geschäftsmodelle integrieren lässt. Auf politischer Ebene wird zu klären sein, wie Regelwerke gestaltet werden können, die Veränderungen ermöglichen, ohne Planungssicherheit zu verlieren.
Das Panel machte deutlich, dass sich insbesondere die Arbeitswelt weiterhin dynamisch entwickeln wird. Gebäude, die diese Dynamik aufnehmen können, werden somit zu einem strategischen Faktor für Unternehmen, Städte und Investoren gleichermaßen.
Robert Schmidt III. ist Professor für Architectural Design an der Loughborough University in Großbritannien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen anpassungsfähige Architektur, flexible Gebäudestrukturen und zukunftsorientierte Entwurfsstrategien. Er untersucht, wie sich bauliche Anpassungsfähigkeit in Planungsprozesse, regulatorische Rahmenbedingungen und räumliche Konzepte integrieren lassen. Weitere Informationen: https://www.lboro.ac.uk/
Mattijs Kaak ist Founding Partner von Ditt Officemakers in den Niederlanden. Das Unternehmen entwickelt und realisiert Arbeitsumgebungen nach dem Design-Build-Prinzip. Kaak ist für die kommerzielle und kreative Ausrichtung des Büros verantwortlich und befasst sich mit hybriden Arbeitsplatzkonzepten, die Flexibilität, Aufenthaltsqualität und organisatorische Anforderungen verbinden. Ditt Officemakers ist als B‑Corp zertifiziert und Mitglied der Studio Alliance. Weitere Informationen: https://www.ditt.nl/
Lukas Kauer ist Gründer des Concept and Venture Studio Fragile. Er initiiert und begleitet Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich adaptiver und zirkulärer Wohn- und Arbeitskonzepte. Zu seinen Initiativen zählen unter anderem die Adaptable Home Survey sowie Produkt- und Systementwicklungen zur flexiblen Gestaltung von Innenräumen. Weitere Informationen: https://www.panels.systems/
Moderiert wurde das Panel von Claire Brodka, Managing Editor bei Designboom. In ihrer Funktion ist sie für redaktionelle Inhalte und internationale Fachdebatten zu Architektur und Design verantwortlich. Weitere Informationen: https://www.clairebrodka.com/
Die Adaptable Building Conference ist ein eintägiges Fachsymposium zum Thema anpassungsfähiges Bauen. Die erste Ausgabe fand am 22. Januar 2026 im Nieuwe Instituut in Rotterdam statt. Es brachte internationale Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur, Planung, Immobilienwirtschaft, Politik und Industrie zusammen, um flexible, zirkuläre und zukunftsfähige Gebäude- und Raumkonzepte zu diskutieren. Weitere Informationen: https://www.adaptablebuilding.club/
Titelbild: @Febrü