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Mut ist kein Zufall:
Miriam Höller über Resilienz, Verantwortung und Veränderungskultur

Leadership

Miriam Höller. Bild: Martin Miseré
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
10 Minuten

Veränderung gehört zum Alltag von Organisationen und wird dennoch häufig als Ausnahmezustand erlebt. Im Gespräch mit dem IBA Forum spricht Miriam Höller über den konstruktiven Umgang mit Kontrollverlust, die Rolle von Führung in unsicheren Zeiten und darüber, warum Resilienz trainierbar ist. Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit konkreten Impulsen für Unternehmen, Teams und Arbeitsumgebungen.

Sie sprechen auf der Bühne über Mut, Resilienz und Veränderungsbereitschaft, Themen, die gerade viele Unternehmen beschäftigen. Was hat Sie persönlich dazu gebracht, sich so intensiv mit Veränderung als Lebensthema zu befassen?

Meine eigenen schmerzhaften Tiefschläge. Anfangs war die Auseinandersetzung mit den größten Herausforderungen meines Lebens nicht freiwillig – ich hatte das Gefühl, es zu müssen. Es war anstrengend. Ich wollte das Leben nicht analysieren oder verstehen. Ich wollte es einfach leben. Ich war schon immer eine lebendige, mutige und aufgeweckte Persönlichkeit. Doch der Verlust meiner Gesundheit, meines Berufs, meines Hauses und der Unfalltod meines Lebenspartners – all das in kurzer Zeit – stürzte mich in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise. Ich verlor nicht nur das Vertrauen in mich selbst und andere Menschen, sondern auch das grundlegende Vertrauen ins Leben. Ich musste es wiederfinden, um überhaupt weitermachen zu können.

Viele Menschen erleben Veränderungen im Job zunächst als Kontrollverlust. Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende erste innere oder praktische Schritt, um dieses Gefühl hinter sich zu lassen und wieder zu handeln?

Das Gefühl von Kontrollverlust entsteht, weil wir uns in der Illusion verlieren, dass alles so weitergehen werde wie bisher. Doch das wird es nicht. Leben ist Veränderung – zu jeder Zeit. Und deshalb sollten wir lernen, gut mit ihr umzugehen. Wir wollen in allen Lebensbereichen Kontrolle haben, weil sie uns Sicherheit vermittelt. Doch was uns das Leben als Nächstes abverlangt, können wir nicht kontrollieren – unseren Umgang damit jedoch schon. Der wertvollste erste Schritt ist, den gefühlten Kontrollverlust nicht als existenzielle Bedrohung wahrzunehmen, sondern als Möglichkeit zur positiven Veränderung.

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Aus Ihrer Zeit als Stuntfrau kennen Sie Risiko, Vorbereitung und den bewussten Umgang mit Angst sehr genau. Welche Prinzipien aus dieser Welt lassen sich direkt auf Veränderungsprozesse in Unternehmen übertragen?

Wenn du Angst hast, bist du oft genau an dem Punkt, an dem Wachstum beginnt. Der richtige Umgang mit Angst ist entscheidend, denn wir bewerten sie häufig falsch. Angst ist wichtig – sie schützt uns vor realer Gefahr. Doch in Veränderungsprozessen sind wir nicht in Lebensgefahr – wir sind in Lebensdynamik. Es geht darum, die Symptome neu zu bewerten. Die vielen Gedanken, die Anspannung, die Ungewissheit – das ist der Moment, in dem du an der geöffneten Tür eines Flugzeugs stehst. Tief in dir weißt du: Du hast alle Fähigkeiten, zu springen, zu fliegen und zu landen. Doch die meisten Menschen bleiben sitzen. Auch das ist eine Entscheidung. Der Pilot trägt Verantwortung – er fliegt, wohin er will. Mutige Menschen übernehmen diese Verantwortung für ihr eigenes Leben. Sie vertrauen sich, springen über ihre Angst hinaus in die Unsicherheit – und nutzen sie als Chance für Wachstum.

Resilienz ist in vielen Strategiepapieren zum Modewort geworden. Wie definieren Sie Resilienz ganz konkret und welche Missverständnisse oder falschen Erwartungen begegnen Ihnen in Unternehmen besonders häufig?

Resilienz ist unsere psychische Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. So leicht es klingt, so schwierig ist es. Doch jede Fähigkeit haben wir irgendwann einmal erlernt. Und je häufiger wir sie trainieren, desto stärker wird sie. Genauso verhält es sich mit unserer psychischen Widerstandskraft. Wenn du dich dein Leben lang nur in deiner Komfortzone bewegt, nie etwas gewagt und dich nie über deine Ängste und Grenzen hinaus ausprobiert hast – wie willst du dann gelernt haben, dich in Extremsituationen auf dich selbst verlassen zu können? Die Stuntarbeit war für mich eine jahrelange Vorbereitung auf meine schwerste Lebenskrise. In dieser Krise hatte ich vergessen, wer ich bin. Ich musste mich nur daran erinnern, dass ich fähig bin, mich selbst in gefährlichen Situationen zu tragen. Resilienz ist trainierbar. Und sie ist entscheidend. Deshalb sollten wir sie bewusst stärken – nicht erst, wenn das Leben uns prüft, sondern im Alltag. Es müssen keine großen Heldentaten sein. Es reichen kleine Herausforderungen, in denen wir uns immer wieder beweisen: Ich schaffe das.

Wenn alles anders kommt als geplant, Projekte scheitern, Märkte wegbrechen, Teams umgebaut werden: Welche Kernfragen können sich Menschen stellen, um nicht im Problem stecken zu bleiben, sondern wieder eine Perspektive zu entwickeln?

Jede Krise stellt dir nur eine Frage: Bleibst du liegen – oder stehst du auf? Also, willst du Opfer deiner Umstände bleiben – oder übernimmst du Verantwortung für dein nächstes Kapitel? Fokussiere dich. Nicht auf das, was passiert ist. Sondern auf das, was du jetzt daraus machst. Was muss ich akzeptieren, auch wenn es mir nicht gefällt? Und was kann ich verändern? Und dann die entscheidende Frage: Was kann – im besten Fall – aus diesem Desaster entstehen? Für dich. Für andere. Vielleicht genau das, was ohne diesen Moment niemals möglich gewesen wäre.

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Veränderung ist nicht nur eine individuelle, sondern auch eine organisatorische Aufgabe. Woran erkennen Sie, ob eine Organisation wirklich veränderungsbereit ist?

Es beginnt mit der Haltung. Organisationen bestehen aus Menschen. Und Menschen stehen mit einer bestimmten Haltung im Leben. Diese zeigt sich in der Körpersprache, in der Sprachkultur: Sind Sätze leidend formuliert oder lösungsorientiert? Wie wird mit Fehlern umgegangen und wie werden Entscheidungen getroffen? In Gruppen entsteht genau daraus Dynamik. Es gibt immer Leader – Menschen mit der Fähigkeit und Kompetenz, klar zu denken, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen. Für sie ist es entscheidend zu wissen: Sie werden beobachtet. An ihnen wird sich orientiert. Viele Mitglieder sind unsicher und stellen sich innerlich die Frage: Aufgeben oder kämpfen? Sie möchten keine Verantwortung tragen. Sie würden gerne mitkämpfen und später auch mittriumphieren – doch ihnen fehlt noch das Selbstvertrauen, den ersten Schritt zu gehen. Wenn sie wachsen wollen, sollten sie sich an den Leadern orientieren. Und dann gibt es jene, die innerlich aufgeben, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Sie schwächen die Dynamik. Die Gefahr: Sie ziehen andere mit nach unten. Leider braucht es oft großen Schmerz, enormen Druck oder existenzielle Angst, bevor wir beginnen zu handeln. Wir sind häufig nicht bereit – oder glauben, es nicht zu sein. Ich war es auch nicht. Doch wir erfahren erst, wie stark wir wirklich sind, wenn wir uns auf den schweren Weg wagen.

Welche Rolle kommt Führungskräften im Umgang mit Brüchen und Unsicherheit zu? Was wünschen Sie sich von Führung im Hinblick auf Transparenz, Fehlerkultur und den Umgang mit Emotionen in Veränderungsprozessen?

Die Rolle des Phönix steht sinnbildlich für den Neuanfang. Im Team ist Neugier ein zentraler Antrieb. Jeder Mensch fragt sich: Was steckt in mir? Wie stark bin ich wirklich? Werde ich es schaffen? Viele bleiben jedoch an der Oberfläche – nicht, weil sie unfähig sind, sondern weil sie den Aufwand scheuen, es herauszufinden. Führungskräfte sollten verstehen, diese Neugier gezielt zu wecken und gleichzeitig jedem Einzelnen die Bedeutung seiner Entwicklung im Veränderungsprozess bewusst zu machen. Wichtig ist dabei, Menschen nur so viele Informationen zu geben, wie sie verarbeiten können. So können sie sich auf ihren Verantwortungsbereich konzentrieren, statt von der gesamten Wucht der Veränderung überwältigt zu werden. Genauso entscheidend ist es, immer wieder zum Handeln zu ermutigen – und klarzumachen: Fehler werden passieren. Fehler sind kein Scheitern. Sie sind gesammelte Informationen. Sie schärfen Fähigkeiten. Als Führungskraft ist es zudem essenziell, die grundlegenden Emotionen zu verstehen, die Menschen in Veränderungsprozessen bewegen. Diese Emotionen werden im Team sichtbar – und entwickeln eine Dynamik. Mit Offenheit und klarer Kommunikation lässt sich diese Dynamik bewusst gestalten und auch wieder nutzen.

Viele unserer Leser arbeiten in Büros, an Projekten und in hybriden Arbeitsumgebungen. Welche kleinen, realistischen Alltagsroutinen oder Rituale empfehlen Sie Teams, um widerstandsfähiger und mutiger mit Veränderungen umzugehen?

Du kämpfst gern mit und für Menschen, die dir nahestehen. Was uns verbindet, ist unsere Verletzlichkeit. In kleinen wie in großen Runden kann jeder die Frage beantworten: Was war mein größter Fehler in dieser Woche – und was habe ich daraus gelernt? Durch das ehrliche Beantworten dieser Frage entsteht Nähe. Man lernt voneinander und miteinander – und baut eine echte, tragfähige Fehlerkultur auf. Wir kämpfen auch dann besonders engagiert, wenn wir wissen, wofür. Ein emotionales Ziel ist entscheidend. Es lässt uns morgens aufstehen. Es lässt uns dranbleiben, auch wenn es anstrengend wird. Belohnt wird nicht das Anfangen – sondern das Durchhalten. Hilfreich kann es sein, eine visuelle Timeline zu entwickeln: Das Team definiert einen klaren Startpunkt und ein konkretes Ziel. Dazwischen werden alle wichtigen Ereignisse, Lernerfahrungen und Zwischenerfolge sichtbar gemacht. So wird Fortschritt greifbar. Und Motivation entsteht nicht aus Druck, sondern aus erlebter Entwicklung.

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Wenn Sie an die Arbeitswelt der nächsten Jahre denken: Wozu möchten Sie Menschen, unabhängig von Branche, Funktion oder Hierarchie, ermutigen?

Du bist wichtig. Nicht irgendwann. Nicht, wenn du befördert wirst. Nicht, wenn du offiziell Verantwortung trägst. Jetzt. Deine Haltung wirkt. Deine Worte wirken. Deine Entscheidungen wirken. Du wirst beobachtet – ob du willst oder nicht. Die Frage ist nur: Wofür stehst du? Für Zweifel oder für Zuversicht? Für Ausreden oder für Lösungen? Für Stillstand oder für Bewegung? Unterschätze niemals deinen Einfluss. Denn positive Dynamik entsteht nicht im Leitbild – sondern im täglichen Verhalten jedes Einzelnen. Und vielleicht beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem du beschließt, sie vorzuleben.

Veränderung braucht nicht nur Haltung, sondern auch passende Rahmenbedingungen. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Arbeitsumgebung, Räume und Strukturen dabei, ob Menschen mutig handeln oder sich zurückziehen?

Veränderung braucht Räume – reale und psychische. Reale Räume wirken direkt: Licht, Offenheit, flexible Settings fördern Beteiligung, starre Strukturen eher Rückzug. Die Umgebung beeinflusst, ob Menschen sich sicher und handlungsfähig fühlen. Genauso entscheidend sind psychische Räume: Gibt es Platz für Fragen, Fehler und ehrliches Feedback? Wo psychologische Sicherheit herrscht, entsteht Mut. Und: Entwicklung braucht Spielräume und Auszeiten. Kinder wachsen, indem sie spielen – sie testen Grenzen, scheitern, probieren neu. Wenn wir Herausforderungen als Übungsfeld statt als Bedrohung begreifen, verändert sich die Energie. Pausen schaffen Klarheit, Spiel fördert Kreativität. Erst wenn reale Räume, psychische Sicherheit und bewusste Erholung zusammenkommen, entsteht echte Veränderungskraft.

Miriam, vielen Dank für das Gespräch.

Miriam Höller ist Top-Keynote-Speakerin und SPIEGEL-Bestseller Autorin zu den Themen Resilienz, Mut und Veränderung. Zuvor arbeitete sie über ein Jahrzehnt als professionelle Stuntfrau und war unter anderem durch ihre Teilnahme an Germany’s Next Topmodel sowie als Moderatorin von GRIP – das Motormagazin einem breiteren Publikum bekannt. Nach einem schweren Unfall im Jahr 2016 und dem kurz darauf folgenden Tod ihres Lebenspartners verlagerte sie ihren beruflichen Schwerpunkt und ging Fragen von Resilienz und Veränderung nach. Heute ermutigt sie in ihren Vorträgen Menschen und Unternehmen, ihre Angst vor Herausforderungen zu überwinden – und diese als wertvolle Chancen für persönliches und unternehmerisches Wachstum aktiv zu nutzen. Weitere Informationen: www.miriamhoeller.com

Titelbild: Martin Miseré