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Farb- und Lichtgestaltung: Einfluss auf das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Arbeitsmotivation

Work Culture Festival

Dr. Axel Buether auf dem Work Culture Festival 2024. Bild: IBA
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
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Auf dem Work Culture Festival hielt Prof. Dr. Axel Buether einen Vortrag zum Thema Farb- und Lichtgestaltung, in dem er die Auswirkungen von Farben und Licht auf das menschliche Erleben und Verhalten sowie auf die Arbeitsmotivation und Gesundheit beleuchtete. Seine Erkenntnisse basieren auf umfangreichen Forschungsarbeiten zur Farbpsychologie und zeigen, wie gezielte Farbgestaltung Arbeitsumgebungen optimieren kann.

Farben als stärkstes Kommunikationssystem

Farben sind ein zentrales Wahrnehmungselement des Menschen und wirken auf emotionaler, kognitiver sowie physiologischer Ebene. Sie dienen nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern erfüllen auch grundlegende biologische Funktionen: Farben erleichtern die Orientierung im Raum, unterstützen die nonverbale Kommunikation und beeinflussen unmittelbar unser Wohlbefinden. Das Farbensehen beansprucht einen beträchtlichen Teil der Gehirnkapazität und ist schneller als viele andere kognitive Prozesse. Schon Bruchteile von Sekunden nach dem Betreten eines Raums bewerten wir ihn unbewusst – maßgeblich beeinflusst durch Farben. Diese Wirkung entfaltet sich, bevor rationale Überlegungen einsetzen, und trägt dazu bei, ob eine Umgebung als angenehm, anregend oder belastend empfunden wird. Farben sind also ein leistungsfähiges Kommunikationssystem, das Erwartungen steuert und soziale wie räumliche Informationen vermittelt. Sie prägen unser Verhalten subtil, ohne dass wir das im Alltag immer bewusst wahrnehmen.

Die Evolution der Farbwahrnehmung

Die menschliche Farbwahrnehmung ist das Ergebnis eines langen evolutionären Anpassungsprozesses. Sie entwickelte sich aus der Notwendigkeit, sich in einer komplexen Umwelt zu orientieren und lebenswichtige Informationen zu erkennen. Während manche Tierarten farbenblind sind und ohne diese Fähigkeit auskommen, nutzen andere Farben gezielt zur Kommunikation, Tarnung oder Partnerwahl. Beim Menschen ermöglicht die Trichromasie – drei Zapfentypen in der Netzhaut, die für unterschiedliche Wellenlängenbereiche empfindlich sind –, dass wir eine große Bandbreite von Farbtönen unterscheiden können. Von besonderer Bedeutung ist die Sensibilität im mittleren Wellenlängenbereich (Grün), da Grünflächen über Millionen Jahre den primären Lebensraum des Menschen beherrschten. Farben wie Blau oder Grün signalisieren Stabilität und Sicherheit, während warme Farbtöne wie Rot oder Orange die Aufmerksamkeit wecken und potenziell wichtige Reize hervorheben.

Auch in der Natur hatten Farben früh eine funktionale Bedeutung: Pflanzen nutzten Farbstoffe zur Anpassung an Lichtverhältnisse, Tiere entwickelten Farben und Muster zur Orientierung, Arterkennung oder Warnung. Diese evolutionären Mechanismen erklären, warum Farben bis heute eine starke Wirkung auf Wahrnehmung und menschliches Verhalten ausüben. Die Farbwahrnehmung ist also nicht nur ein ästhetisches Phänomen, sondern vor allem ein biologisches Kommunikationssystem, das Orientierung, Emotionen und Verhalten nachhaltig beeinflusst. Funktionen, die auch in modernen Arbeitsumgebungen von Relevanz sind. Sich diese Mechanismen bewusst zu machen und sie zu verstehen, ermöglicht es, Farben gezielt so einzusetzen, dass sie im Arbeitskontext neben ihrer funktionalen auch eine emotionale und psychologische Wirkung entfalten.

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Farben als Instrument der Verhaltenssteuerung

So kann eine unpassende Farbwahl Unruhe oder Stress begünstigen, wohingegen eine abgestimmte Gestaltung Konzentration, soziale Interaktion und das subjektive Wohlbefinden fördern kann. In Büroanwendungen werden kühle, gedeckte Blautöne häufig mit fokussierter Arbeit in Verbindung gebracht, wohingegen wärmere Nuancen eher kommunikative und kreative Prozesse unterstützen. Farben wirken dabei nicht nur implizit, sondern prägen auch die Erwartungen an Unternehmenskultur und Arbeitsklima. Anhand eines Praxisprojekts aus dem Klinikbereich veranschaulichte Buether den möglichen Effekt: Nach der Überarbeitung des Farb- und Lichtkonzepts auf einer Intensivstation sank der Einsatz bestimmter Medikamente um rund 30 %, der Krankenstand des Personals um etwa 35 % und das Wohlbefinden stieg um circa 44 %. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Farbgestaltung im jeweiligen Kontext messbar im Zusammenhang mit psychischen und physischen Parametern steht.

Gerade in Open-Space-Büros lässt sich Farbe zur funktionalen Zonierung nutzen. Bereiche für konzentriertes Arbeiten profitieren oft von kühleren, zurückhaltenden Tönen, während Besprechungs- und Austauschzonen durch wärmere, aktivierende Farben gekennzeichnet werden können. Akzentfarben unterstützen die Orientierung, heben Funktionsbereiche hervor und erleichtern die intuitive Navigation. Umgekehrt kann eine monotone oder ungünstige Farbwahl Desinteresse, Ermüdung oder eine erhöhte Reizbelastung begünstigen. Die im Krankenhauskontext nachgewiesenen Effekte lassen sich allerdings nicht eins zu eins übertragen. Sie liefern jedoch Anhaltspunkte dafür, wie eine bewusst gestaltete Farb- und Lichtatmosphäre die Arbeitszufriedenheit erhöhen, Belastungen reduzieren und somit auch in Büroumgebungen gesundheitsförderliche Bedingungen schaffen kann.

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Farben im Büro: Mehr als nur Ästhetik

In Arbeitsumgebungen ist eine funktionale Farbgestaltung von besonderer Bedeutung. Wie Buether betonte, geht es nicht darum, Räume möglichst bunt zu gestalten, sondern Farben gezielt zur Unterstützung verschiedener Tätigkeiten einzusetzen. Im Folgenden finden Sie einige konkrete Anwendungsbeispiele:

Konzentrationsförderung: Helle, kühle Farben wie Blau und Grün eignen sich für Arbeitsplätze, an denen fokussiertes Arbeiten erforderlich ist. Sie wirken beruhigend, senken den Stresslevel und steigern die kognitive Leistungsfähigkeit.

Kreativitätssteigerung: Warme Farben wie Gelb und Orange regen die Vorstellungskraft an und fördern die Kommunikation. Gerade in Besprechungsräumen oder Kreativbereichen können diese Farben eine inspirierende Umgebung schaffen.

Erholung und Regeneration: Gedämpfte, erdige Farbtöne unterstützen Entspannungsprozesse und bilden einen Gegenpol zu leistungsfördernden Farbschemata. Ruhezonen oder Lounge-Bereiche profitieren besonders von diesen Farbtönen, da sie helfen, Stress abzubauen.

Teamdynamik und Identität: Einheitliche Farbkonzepte mit Akzenten in den Unternehmensfarben können die Identifikation mit dem Unternehmen stärken und eine harmonische Atmosphäre schaffen.

Zonierung und Orientierung: Farblich differenzierte Zonen erleichtern die räumliche Orientierung und helfen Mitarbeitern, sich intuitiv im Büro zu bewegen. So können beispielsweise Arbeitszonen optisch von Kommunikationszonen abgegrenzt werden.

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Zusammenspiel von Farbe und Licht

Auch Licht ist ein zentraler Faktor, da es die Wirkung von Farben verstärkt oder abschwächt. Die Lichttemperatur beeinflusst nicht nur die visuelle Wahrnehmung, sondern auch die Hormonausschüttung und somit Faktoren wie Wachheit, Motivation oder Entspannung. Kühles, tageslichtähnliches Licht fördert die Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit, während wärmeres Licht Geborgenheit vermittelt und Regenerationsprozesse unterstützt. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel von Farbe und Licht: Erst in Kombination entsteht eine konsistente Raumwirkung, die Tätigkeiten gezielt unterstützt und zugleich das Wohlbefinden stärkt. Besonders wirksam ist dabei eine dynamische Lichtgestaltung, die den natürlichen Tagesrhythmus aufgreift. In Verbindung mit abgestimmten Farbkonzepten lassen sich so Arbeitsumgebungen schaffen, die tagsüber aktivierend wirken und in Pausen oder am Abend Ruhe und Erholung fördern.

Es gilt also, ein Gleichgewicht zwischen stimulierenden und beruhigenden Elementen zu finden, um langfristig produktivere und zufriedenere Mitarbeiter zu haben. Mithilfe von evidenzbasierter Farbpsychologie und gezielter Lichtgestaltung lässt sich eine solche Umgebung schaffen.

Prof. Dr. Axel Buether ist Wahrnehmungspsychologe, zählt zu den weltweit führenden Farbexperten und ist einer der renommiertesten Farbforscher im deutschsprachigen Raum. Als Professor für Visuelle Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal verbindet er wissenschaftliche Forschung mit praktischer Anwendung. Sein interdisziplinärer Ansatz vereint Erkenntnisse aus den Bereichen Wahrnehmungspsychologie und Architektur. Als Leiter des Instituts für Farbpsychologie verfolgt er einen anwendungsorientierten, naturwissenschaftlich fundierten Forschungsansatz, der auf empirischen Studien in realen Lebenssituationen basiert. Zentrales Thema seiner Forschung ist die Psychologie des Raums, insbesondere die Wirkung von Farbe und Licht auf Wohlbefinden, Gesundheit und Arbeitsmotivation. Weitere Informationen finden Sie unter axelbuether.de.

 

Titelbild: IBA