Kartenschatten

Newsroom

KI als Gestaltungspartner: Was Gensler über die Zukunft von urbanen Strukturen und Arbeitswelten prognostiziert

Workplace of Tomorrow

iStock Foto. Credit: Peshkova
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
6 Minuten

Wenn sich internationale Architekturbüros mit strategischen Zukunftsfragen beschäftigen, dann geht es meist um mehr als rein ästhetische Trends. Der aktuelle Design Forecast 2026 von Gensler versteht sich explizit als strategischer Kompass für eine Branche im Umbruch.

Unter der Überschrift „AI, agility, and adaptation“ beschreibt das weltweit tätige Planungsbüro sechs Trends, die den Wert von Immobilien, die Organisation von Arbeit und die Entwicklung urbaner Räume grundlegend verändern werden. Im Zentrum steht dabei nicht allein die technologische Beschleunigung, sondern auch eine strukturelle Wende: Künstliche Intelligenz trifft auf ökonomische Volatilität, veränderte Nutzererwartungen und veränderte Arbeitsmodelle. Design wird damit weniger zur Formfrage, sondern zu einer Frage der strategischen Infrastruktur, insbesondere dort, wo Arbeitsorte zu zentralen Plattformen für Innovation und Zusammenarbeit werden.

KI als kreativer Hebel 

Besonders deutlich wird diese Verschiebung im Trend „AI revolutionizes what’s possible in the built environment“. Darin wird KI nicht primär als Automatisierungswerkzeug beschrieben, sondern als kreativer Partner im Entwurfsprozess. KI soll verborgene Muster im Nutzerverhalten sichtbar machen, räumliche Szenarien schneller simulieren und Entscheidungsprozesse datenbasiert untermauern. Dadurch verändert sich nicht nur die Geschwindigkeit der Planung, sondern auch ihr Erkenntnishorizont. Für die Gestaltung von Büro- und Arbeitswelten führt das zu einer gänzlich neuen Datengrundlage: Bewegungsströme, Aufenthaltsdauer, Kollaborationsmuster oder Flächenauslastung können präziser analysiert werden. Auf dieser Basis lassen sich Raumangebote differenzierter entwickeln. Welche Zonen fördern konzentrierte Wissensarbeit? Wo entstehen produktive Zufallsbegegnungen? Welche Flächen bleiben dauerhaft wenig genutzt? KI wird so zum Instrument, um Arbeitsumgebungen evidenzbasiert weiterzuentwickeln und strategische Entscheidungen über Flächeninvestitionen fundierter zu treffen. Neben Effizienz rückt dabei Innovation als Wettbewerbsfaktor in den Vordergrund. Wenn Unternehmen ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten, stellt sich auch die Frage, wie physische Arbeitsorte diesen Wandel unterstützen können. Der Forecast deutet darauf hin, dass KI dabei helfen kann, räumliche Strukturen als Innovationsbeschleuniger zu nutzen.

Lesen Sie auch

Interstuhl IBA Forum Showroom: UP (Leistungsklasse 1) What if we fly?
Nachgefragt Nachgefragt: Welche Trends prägen 2026 das Büro?

Der Arbeitsplatz als strategische Infrastruktur

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der „Next workplace revolution“. Gensler beobachtet, dass Unternehmen nach Jahren hybrider Experimente wieder strategischer in ihre physischen Arbeitsorte investieren. Der Wettbewerb um Talente, nationale Standortstrategien und die Notwendigkeit, Unternehmenskultur erlebbar zu machen, führen dazu, dass Büros verstärkt als strategische Ressource betrachtet werden. Dabei steht weniger eine spektakuläre Innenarchitektur im Fokus als vielmehr die Frage nach dem konkreten Mehrwert des Arbeitsorts. Räume sollen die Identifikation ermöglichen, die Zusammenarbeit erleichtern und Innovationsprozesse unterstützen. Gleichzeitig müssen sie flexibel auf wechselnde Teamgrößen, projektbasierte Arbeitsformen und unterschiedliche Anwesenheitsquoten reagieren können. Hier zeigt sich erneut, welche Möglichkeiten die KI bietet: Datenbasierte Analysen können dabei helfen, Arbeitsplatzkonzepte kontinuierlich zu optimieren. Meetingflächen, Rückzugsräume, Lernzonen oder informelle Begegnungsbereiche lassen sich an reale Nutzungsmuster anpassen. Workplace-Design wird somit zu einem iterativen Prozess, der strategische Unternehmensziele mit räumlichen Lösungen verbindet.

Agilität als ökonomische Notwendigkeit

Neben technologischen Entwicklungen thematisiert der Forecast auch die wirtschaftliche Realität. Der Trend „Agility and intelligence turn volatility into advantage“ beschreibt Designagilität als strategische Fähigkeit. Gemeint ist die Kombination aus vorausschauender Kostenanalyse, datengetriebener Planung und Kollaboration zwischen Projektbeteiligten in Echtzeit. Für die Büro- und Gewerbeimmobilienentwicklung bedeutet das, dass Projekte so konzipiert werden müssen, dass sie auf veränderte Marktanforderungen reagieren können. Flexible Grundrisse, modulare Ausbausysteme und anpassungsfähige technische Infrastrukturen gewinnen dabei an Bedeutung. Unternehmen, die ihre Flächenstrategie regelmäßig überprüfen und anpassen, können wirtschaftliche Risiken besser abfedern. KI-gestützte Planungsinstrumente unterstützen diesen Prozess, indem sie verschiedene Szenarien durchspielen und Entscheidungsoptionen offenlegen. So wird Anpassungsfähigkeit zu einem ökonomischen und nicht nur zu einem architektonischen Faktor.

Lesen Sie auch

Oskar Trautmann, Manager Strategy Agentic AI im House of Communication bei Plan.Net Studios
Workspaces of Tomorrow Zusammenarbeit neu organisiert: Wie KI-Agenten Arbeit und Organisation verändern

Erlebnis als Wertmaßstab

Ein weiterer Trend betrifft die Neubewertung von Immobilienwerten. „Experience becomes the true measure of real estate value“ beschreibt, wie sich der Fokus von der Flächenquantität zur Erlebnisqualität verschiebt. Immobilien werden demnach nicht mehr primär anhand ihrer Größe oder Lage bewertet, sondern anhand der Qualität der Nutzungserfahrung. Für Arbeitsorte bedeutet das eine stärkere Orientierung an Nutzerbedürfnissen. Entscheidende Faktoren sind: Aufenthaltsqualität, Atmosphäre, Licht, Akustik und soziale Interaktionsmöglichkeiten. Büros konkurrieren nicht nur mit der Ausstattung anderer Arbeitgeber, sondern auch mit alternativen Arbeitsorten wie dem Homeoffice oder Co-Working-Spaces. Der physische Arbeitsplatz muss daher einen erkennbaren Mehrwert bieten – sowohl funktional als auch emotional. In urbanen Kontexten zeigt sich diese Entwicklung auch in der stärkeren Vernetzung von Bürostandorten mit kulturellen, gastronomischen oder öffentlichen Angeboten. Arbeitsorte werden Teil gemischter Quartiere, die unterschiedliche Lebensbereiche miteinander verbinden.

Neue Nutzungen für bestehende Typologien

Der Gensler Design Forecast 2026 identifiziert zudem eine zunehmende Durchlässigkeit klassischer Gebäudetypologien. Einkaufszentren werden zu Bildungsorten, Verkehrsknotenpunkte zu Kulturplattformen und ehemalige Handelsflächen zu Arbeits- und Innovationshubs. Diese adaptive Umnutzung reagiert auf veränderte Konsum‑, Mobilitäts- und Arbeitsmuster. Für Unternehmen eröffnen sich dadurch neue Standortoptionen. Bestehende Strukturen können zu flexiblen Arbeitsumgebungen transformiert werden, die die Nähe zu urbanen Angeboten mit funktionaler Anpassungsfähigkeit verbinden. Der urbane Grundriss wird somit neu interpretiert: Nutzungen sind weniger strikt getrennt und es gibt mehr hybride Modelle.

Fazit

Der Design Forecast 2026 von Gensler analysiert aktuelle Entwicklungen strategisch. KI wird darin als Instrument beschrieben, das Planungsprozesse beschleunigt und neue Erkenntnisse über Nutzungsmuster und Raumqualitäten ermöglicht. Gleichzeitig rücken Agilität und Nutzererlebnis als zentrale Faktoren der Wertschöpfung in den Vordergrund. Für Unternehmen, Immobilienentwickler und Workplace-Verantwortliche ergeben sich daraus konkrete Fragestellungen: Wie lassen sich Daten systematisch in Flächenstrategien integrieren? Welche Rolle spielen physische Arbeitsorte künftig im Wettbewerb um Talente? Und wie können Büroflächen so konzipiert werden, dass sie an veränderte Anforderungen angepasst werden können?

Der Forecast liefert keine fertigen Rezepte, benennt jedoch zentrale Handlungsfelder. Deutlich wird: Die Gestaltung von Arbeitsorten entwickelt sich zunehmend zu einer strategischen Aufgabe an der Schnittstelle von Technologie, Ökonomie und Unternehmenskultur.

Lesen Sie auch

Febrü Flexrack
Workplace of Tomorrow Was Menschen von Gebäuden erwarten und warum Anpassungsfähigkeit zur Grundanforderung wird

Der Gensler Design Forecast 2026 ist ein jährlich erscheinender Bericht des internationalen Architektur- und Designbüros Gensler. Er analysiert zentrale Entwicklungen im gebauten Umfeld und identifiziert Trends, die Immobilienmärkte, Arbeitswelten und urbane Räume prägen. Die Ausgabe 2026 legt einen Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz, Designagilität und neue Nutzungskonzepte im Kontext wirtschaftlicher und technologischer Transformation. Der vollständige Report steht als digitale Publikation zur Verfügung: https://www.gensler.com/press-releases/design-forecast-2026-ai-future-cities-trends

Titelbild: iStock @ Peshkova