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Nachhaltigkeit in der Büromöbelbranche: 2026, das Jahr der Weichenstellung

Nachhaltigkeit

Kinnarps IBA Forum Showroom - Serie OAS
Volker Weßels Volker Weßels ·
6 Minuten

Die Diskussion um nachhaltige Büro- und Arbeitswelten hat in den vergangenen Jahren eine neue Qualität erreicht. Was früher vor allem ein Imagethema war, ist heute zu einem harten Steuerungsparameter für Unternehmen geworden. Treiber sind neben einem deutlichen Bewusstseinswandel im Markt vor allem neue regulatorische Anforderungen, allen voran im Bereich ESG und Nachhaltigkeitsberichterstattung. Für die Büromöbelbranche ist 2026 ein Jahr, in dem sich entscheidet, wie konsequent sie diesen Wandel gestaltet und ob sie ihre Rolle als Lösungspartner für Kreislauf-Konzepte ausfüllt.

CSRD, ESG & Co.: Nachhaltigkeit wird prüfbar

Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und den dazugehörigen europäischen Berichtsstandards steigt der Druck auf Unternehmen, Umwelt- und Sozialkennzahlen strukturiert zu erfassen und zu veröffentlichen. Das betrifft nicht nur klassische Industrieunternehmen, sondern in wachsendem Maße auch Dienstleister und die öffentliche Hand. Für alle gilt: Investoren, Kunden und Mitarbeitende erwarten nachvollziehbare, vergleichbare Daten. Auch wenn noch die nationale Umsetzung der Richtlinie aussteht und eine Verschiebung oder Änderung der europäischen Vorlage die direkte Betroffenheit vieler Unternehmen vorerst hintanzustellen scheint: Der grundlegende Wandel ist nicht aufzuhalten. Große Kunden werden schon bald ihren Anspruch auf nachvollziehbare Daten in den Ausschreibungen konkret formulieren, wenn es nicht schon jetzt der Fall ist. Zwar steht auch das deutsche Lieferkettengesetz in einigen Punkten zur Diskussion, die Politik lässt sich dabei jedoch von rückwärtsgewandten Marktakteuren in die Pflicht nehmen, die ihre Energie weiterhin in veraltete Geschäftsmodelle investieren, statt den Wandel aktiv mitzugestalten.

Für die Büromöbelbranche ist das in zweierlei Hinsicht relevant. Zum einen werden Hersteller selbst stärker von proaktiven Kunden in die Pflicht genommen, Emissionen in der Lieferkette, eingesetzte Materialien und Produktlebenszyklen transparent zu machen. Zum anderen werden ihre Produkte Teil der ESG-Logik ihrer Kunden. Wer eine Bürofläche neu einrichtet oder umbaut, muss künftig detaillierter nachweisen, welche Auswirkungen dies auf Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen und Kreislaufführung hat. Damit verschiebt sich der Fokus von der isolierten Produktkennzeichnung hin zu ganzheitlichen Konzepten. Entscheidend ist nicht nur, wie ein Bürostuhl oder ein Schreibtisch produziert wurde, sondern auch, wie lange er genutzt wird, was bei Umnutzung oder Umzug geschieht und welche Optionen für Wiederverwendung oder Verwertung bestehen.

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R‑evolve: Transformation statt einmalige Umstellung

Der Begriff R‑evolve steht exemplarisch für einen Wandel, der nicht als einmalige Umstellung, sondern als kontinuierlicher Transformationsprozess verstanden werden muss. „R‑evolve“ ist dabei der Name eines großen EU-finanzierten Branchenprojekts mit 24 Partnern aus 7 Ländern. Im Zentrum steht die Erkenntnis, dass regulatorische Vorgaben wie ESPR, Digital Product Passport (DPP) und Green Deal zwar den Rahmen setzen, der eigentliche Mehrwert aber erst dann entsteht, wenn Unternehmen diese Instrumente aktiv für bessere Produkte, Services und Kundenbeziehungen nutzen. Im R‑evolve-Projekt zeigt sich, dass der digitale Produktpass weit über die bloße Erfüllung von Berichtspflichten hinausgeht: Er kann verlängerte Garantien, produktbezogene Updates oder neue Serviceangebote ermöglichen und so eine dauerhafte Verbindung zwischen Herstellern und Nutzern schaffen. Gleichzeitig macht R‑evolve deutlich, dass sich Produkte oft mit vergleichsweise kleinen, gezielten Änderungen entscheidend in Richtung Nachhaltigkeit verbessern lassen, etwa durch konstruktive Anpassungen, die Reparierbarkeit, Demontage und Variantenreduktion erleichtern. Pilotprojekte, in denen Design, Daten und Rücknahmekonzepte gemeinsam gedacht werden, dienen dabei als Labor für die Praxis: Sie erproben Governance-Regeln für den Umgang mit DPP-Daten, simulieren künftige Ausschreibungsanforderungen und zeigen, wie Rücknahme, Prüfung und Wiederverwendung in realen Projekten funktionieren. R‑evolve versteht sich damit als Brücke zwischen politischem Rahmen und Unternehmensrealität – mit dem Ziel, skalierbare Modelle zu entwickeln, die die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft messbar voranbringen.

Rücknahme als Schlüssel zur Glaubwürdigkeit

Ein zentrales Element zirkulärer Konzepte ist die organisierte Rücknahme gebrauchter Büromöbel. Für die Branche bedeutet dies, die Rücknahme nicht länger nur als nachgelagerten Service zu betrachten, sondern als integralen Bestandteil des Leistungsversprechens. Das beginnt im Vertrieb: Projekte, in denen die Rücknahme frühzeitig mitgedacht wird, lassen sich anders konzipieren und erläutern als solche, in denen sie erst kurz vor der Anlieferung der neuen Möbel zum Thema wird. Rücknahmeangebote schaffen Vertrauen, weil sie zeigen, dass Verantwortung auch nach der Lieferung übernommen wird. Gleichzeitig eröffnet eine professionell organisierte Rücknahme neue wirtschaftliche Perspektiven. Qualitativ hochwertige Produkte lassen sich in Second-Life-Kanälen weitervermarkten oder im Rahmen von Miet- und Servicemodellen länger im Umlauf halten. Wo eine Weiterverwendung nicht möglich ist, ermöglichen klare Prozesse und Partnerstrukturen eine möglichst hochwertige Verwertung. Um diese Rücknahmeprozesse effizient und transparent zu gestalten, kommt digitalen Lösungen eine Schlüsselrolle zu. Eine Plattform, die Endkunden, Hersteller, Handel und Verwerter in einem einheitlichen Ablauf verbindet, kann hier ein wichtiger Enabler sein.

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2026 als Weichenstellung

Das Jahr 2026 markiert für die Büromöbelbranche einen Wendepunkt. Die Kombination aus regulatorischen Anforderungen, veränderten Kundenerwartungen und neuen technischen Möglichkeiten macht deutlich, dass Nachhaltigkeit kein Randthema mehr ist. Es geht um die Frage, wie Büros geplant, eingerichtet, genutzt und transformiert werden und welche Rolle Hersteller, Handel und Verbände in diesem Prozess übernehmen. Wer jetzt in Datenfähigkeit, zirkuläre Geschäftsmodelle und verlässliche Rücknahmestrukturen investiert, schafft die Grundlage für belastbare ESG-Strategien und neue Wertschöpfungspotenziale. Entscheidend ist, ihn konsequent zu beschreiten. Schritt für Schritt, Projekt für Projekt. Die Büromöbelbranche verfügt über das nötige Gestaltungswissen: Sie kennt die Anforderungen moderner Arbeitswelten, sie versteht die technischen Möglichkeiten und sie ist in den Unternehmen präsent, in denen die Transformation von Arbeit und Nachhaltigkeitsansprüchen konkret wird. 2026 bietet die Gelegenheit, dieses Wissen mit klaren Strukturen zu verbinden und damit Kreislaufwirtschaft im Büro vom Anspruch in die Praxis zu überführen.

Volker Weßels verantwortet beim IBA das Themenfeld Nachhaltigkeit und arbeitet seit Jahren in der europäischen Normung mit. Er leitet das European LEVEL-Programm (Nachhaltigkeitslabel für Büromöbel) und vertritt den IBA im EU-Projekt R‑evolve. Weitere Informationen: iba.online, https://r‑evolve.eu/ und https://www.levelcertified.eu/de/.

Titelbild: Kinnarps IBA Forum Showroom