Im Rahmen des EU-Projekts R‑evolve arbeitet ein internationales Konsortium daran, die Kreislaufwirtschaft in der Möbelbranche praxisnah voranzubringen. Ziel ist es, Unternehmen auf kommende regulatorische Anforderungen vorzubereiten und gleichzeitig konkrete Ansätze für Produktdesign, Datenmanagement, Geschäftsmodelle und Materialstrategien zu entwickeln. Im Interview mit dem IBA Forum erläutert Angelika Tisch, Umweltwissenschaftlerin und Koordinatorin des Projekts, wie R‑evolve aufgestellt ist, wo das Projekt aktuell steht und warum die Ergebnisse insbesondere für Unternehmen relevant sind, die intern noch nicht umfassend aufgestellt sind, um die Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft anzugehen.
Frau Tisch, R‑evolve bringt Partner aus mehreren europäischen Ländern und unterschiedlichen Bereichen zusammen. Wie ist das Konsortium aufgebaut?
Wir haben im Wesentlichen drei Gruppen von Partnern im Projekt. Zum einen sind das Verbände, Vereinigungen und Clusterorganisationen aus mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, Italien, Slowenien, Dänemark und Spanien. Zum anderen gibt es wissenschaftliche und technische Partner, also Universitäten, Forschungsinstitutionen und anwendungsorientierte Einrichtungen. Die dritte Gruppe bilden die Unternehmen, die im Projekt als Praxispartner eingebunden sind. Gerade diese Mischung ist wichtig, da die Kreislaufwirtschaft in der Möbelbranche nicht allein eine Frage von Forschung oder Regulierung ist, sondern auch die Bereiche Produktentwicklung, Materialeinsatz, Datenverfügbarkeit, Geschäftsmodelle und letztlich die Marktumsetzung betrifft. Dafür braucht es Partner, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Was macht Ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit in einem so komplexen europäischen Projekt besonders wertvoll?
Ein wesentlicher Mehrwert liegt im Austausch selbst. Wir sprechen im Projekt mit Akteuren, mit denen wir im normalen Arbeitsalltag wahrscheinlich kaum oder gar nicht zusammenarbeiten würden. Allein der europäische Blick auf den Fortschritt, die Herangehensweisen und auch die Schwierigkeiten in anderen Ländern ist sehr hilfreich. Die Zusammenarbeit im Projekt ist zugleich sehr konstruktiv. Die Partner arbeiten ernsthaft an den Themen und die Atmosphäre ist insgesamt sehr angenehm. Das mag selbstverständlich klingen, ist es in großen Projekten aber nicht unbedingt. Gerade deshalb ist der Austausch innerhalb des Konsortiums aus meiner Sicht schon ein wichtiger Projekterfolg.
Wie gelingt es, dass alle an derselben Vision arbeiten, gerade wenn viele Partner mit unterschiedlichen Interessen zusammenarbeiten?
Zu Beginn des Projekts haben wir in einem umfangreichen Prozess unter Begleitung der Hochschule Darmstadt eine gemeinsame Vision erarbeitet, die sich in all unseren Aktivitäten widerspiegelt. Gleichzeitig muss man realistisch sagen: Eine erarbeitete Vision bedeutet noch nicht automatisch, dass sie bei allen Partnern in gleichem Maße angekommen ist. Was jedoch alle eint, ist das konkrete Ziel, sich auf die kommenden regulatorischen Anforderungen, insbesondere im Hinblick auf die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) und die erwarteten delegierten Rechtsakte, vorzubereiten. Für die Unternehmen ist das ein sehr starker Motivator. Sie wissen, dass sich die Anforderungen verändern werden und dass sie gut aufgestellt sein müssen. Einige Partner orientieren sich stärker an dem, was gesetzlich notwendig sein wird, während andere ambitioniertere Nachhaltigkeitsziele verfolgen. Diese Spannbreite ist in einem solchen Konsortium normal. Wichtig ist, dass daraus anwendbare Ergebnisse entstehen.
Wo steht das Projekt aktuell? Sind Sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden?
Ich habe den Eindruck, dass wir gut im Plan liegen. Wir haben das Projekt mit einer Forschungsphase begonnen. Dabei ging es vor allem um vier Themen: Erstens um zirkuläre Geschäftsmodelle, also Geschäftsmodelle, mit denen sich Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich sinnvoll umsetzen lässt. Zweitens um Governance-Fragen rund um den digitalen Produktpass, also um die Frage, welche Daten in welcher Qualität wie und für wen bereitgestellt werden müssen. Drittens um Produktdesign, also darum, wie Möbel gestaltet sein müssen, damit Strategien wie Reparierbarkeit, Langlebigkeit oder Kreislaufführung überhaupt funktionieren können. Und viertens um Materialien, etwa um die Frage, welche Informationen zu Recyclingmaterialien für die Einschätzung deren Qualität erforderlich sind. Parallel dazu laufen die Pilotprojekte mit den Unternehmen, in denen die bisherigen Erkenntnisse überprüft, angewendet und weiterentwickelt werden. Dabei zeigt sich naturgemäß, dass die Partner mit unterschiedlicher Geschwindigkeit vorankommen. Insgesamt sind wir jedoch gut unterwegs und arbeiten mit vielen engagierten und proaktiven Projektpartnern zusammen.
Welche konkreten Ergebnisse sollen aus R‑evolve hervorgehen?
Unser Ziel ist es, die Ergebnisse aus Forschung und Pilotprojekten so aufzubereiten, dass verständliche und anwendbare Leitfäden für Unternehmen entstehen. Es geht also nicht nur um Berichte für Fachkreise, sondern um Materialien, die in der Praxis angewendet werden können. Der nächste große Schritt ist ein Innovationsprogramm mit 50 Möbelherstellern. Diese sollen aus einem Angebot verschiedener Ansätze, etwa zu Geschäftsmodellen, Produktdesign, Materialinformationen oder Datenstrukturen, wählen und diese in ihrem eigenen Kontext erproben können. Die Verbände werden dabei eine wichtige Rolle spielen, da sie die Unternehmen eng begleiten und als Schnittstelle zwischen Projekt und Praxis fungieren.
Das klingt nach einem recht konkreten Unterstützungsangebot für die Branche. Was können Unternehmen aus dem Projekt tatsächlich mitnehmen?
Unterstützung ist genau das Ziel bei R‑evolve. Wir wollen Unternehmen befähigen, mit unserer Hilfe Maßnahmen umzusetzen, die sie auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft voranbringen. Das betrifft die Gestaltung von Produkten, den Umgang mit Materialien, mögliche neue Geschäftsmodelle und perspektivisch auch die Anforderungen rund um den digitalen Produktpass. Wichtig ist dabei: Die Ergebnisse des Projekts stehen grundsätzlich allen zur Verfügung. Unternehmen, die an dem begleiteten Innovationsprogramm teilnehmen, erhalten darüber hinaus konkrete Unterstützung, Gespräche und fachliche Begleitung. Das ist ein erheblicher Mehrwert, gerade für Unternehmen, die intern nicht alle Kompetenzen und Kapazitäten selbst vorhalten können.
Inwiefern ist das Projekt auch mit Blick auf die Regulierung relevant?
Wir können heute noch nicht garantieren, dass jede Maßnahme am Ende ohne Anpassungen eins zu eins verordnungskonform sein wird, da zentrale Details der Regulierung noch ausstehen. Aber wir können sehr wohl sagen, dass Unternehmen mit den im Projekt entwickelten Ansätzen deutlich besser vorbereitet sein werden. Darüber hinaus wollen wir die Ergebnisse in den regulatorischen Diskurs einbringen. Zeigt sich im Projekt, welche Anforderungen in der Praxis funktionieren und wo die Grenzen liegen, kann dies dabei helfen, die künftigen Vorgaben realitätsnah zu gestalten. Unternehmen, die sich jetzt mit diesen Themen beschäftigen, beginnen also nicht bei null, wenn die Anforderungen konkret werden.
Warum ist das Projekt gerade jetzt für die Branche so relevant?
Weil viele Unternehmen zwar wissen, dass Veränderungen bevorstehen, im Alltag aber oft weder die Zeit noch die personellen Ressourcen haben, um sich strategisch damit zu befassen. Genau hier setzt das Projekt an. Es bündelt Wissen, testet Ansätze in der Praxis und macht daraus verwertbare Angebote. Hinzu kommt ein Punkt, der oft noch unterschätzt wird: Daten werden zunehmend zur Voraussetzung für Marktfähigkeit. Oder, wie es im Projektkontext sehr treffend formuliert wurde: „No data, no market.“ Wer künftig keine belastbaren Produkt- und Nachhaltigkeitsdaten liefern kann, wird es auf dem Markt schwerer haben. Auch deshalb ist die Auseinandersetzung mit Kreislaufwirtschaft kein reines Nachhaltigkeitsthema mehr, sondern eine strategische Frage für die gesamte Branche.
Was sollte Ihrer Meinung nach bei der Betrachtung von R‑evolve besonders im Gedächtnis bleiben?
Dass das Projekt nicht nur über Kreislaufwirtschaft spricht, sondern auch konkrete Hilfestellungen dafür entwickelt, wie Unternehmen handeln können. Und dass Europa dabei ein wichtiger Lernraum ist. Wir haben sehr starke Partner aus unterschiedlichen Ländern, insbesondere aus Italien und Deutschland, die viel Know-how in die Zusammenarbeit einbringen. Dieser europäische Austausch ist ein zentraler Bestandteil von R‑evolve. Letztendlich geht es darum, Unternehmen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie regulatorische Anforderungen erfüllen und den Wandel aktiv gestalten können.
Frau Tisch, vielen Dank für das Gespräch.