Die deutsche Wirtschaft steht unter Druck. Klassische Leitindustrien verlieren an Dynamik, geopolitische Spannungen verändern Absatzmärkte und gleichzeitig beschleunigen sich weltweit technologische Entwicklungen. Künstliche Intelligenz gilt als eine der Schlüsseltechnologien dieser Phase. Doch Innovationsdruck und regulatorische Vorsicht führen oft zum Zögern. Im Interview mit dem IBA Forum erläutert Tina Klüwer, Expertin für Innovationspolitik und Autorin von Zukunft made in Germany, warum KI weit mehr ist als ein Effizienztool und weshalb Nichthandeln für Unternehmen und den Standort Deutschland selbst zum Risiko werden kann.
Frau Klüwer, welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die künftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?
Künstliche Intelligenz spielt eine zentrale Rolle, ebenso wie andere Zukunftstechnologien, etwa Quantentechnologien oder neue Halbleiterarchitekturen. Wir erleben derzeit eine Phase, in der sich die klassische deutsche Wirtschaftsstruktur stark wandelt. Neben geopolitischen Faktoren sehe ich vor allem eine Innovationskrise. Innovationen erneuern wirtschaftliches Handeln. Sie schaffen neue Märkte, neue Produkte und neue Wertschöpfung. Wir können diese Technologien aktiv nutzen, um daraus Wohlstand zu entwickeln. Oder wir lassen diese Chance ungenutzt. Genau hier stehen wir an einer Weggabelung. KI ist keine isolierte Technologiefrage, sondern eine strategische Standortentscheidung.
Wo stehen wir heute beim Thema KI?
Deutschland verfügt über eine exzellente Wissenschaftslandschaft. Unsere Forschung ist stark und unsere Institute liefern international sichtbare Ergebnisse. Das Problem liegt weniger im Wissen als in der Umsetzung. Innovation funktioniert nur, wenn die gesamte Kette von der Erfindung über das Geschäftsmodell bis zur Marktdurchdringung trägt. Diese Kette reißt bei uns jedoch häufig ab. Wir produzieren Spitzenforschung, bringen aber zu selten skalierbare Produkte auf den Markt. Genau diese Lücke kostet uns Dynamik.
Wo sehen Sie die größten strukturellen Defizite?
Wir haben zu wenig Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Wechsel in beide Richtungen sind kompliziert und kulturell oft nicht erwünscht. Gleichzeitig hat sich unsere Branchenstruktur verändert. Jahrzehntelang war die Automobilindustrie der Innovationsmotor. Heute entstehen Wachstumsdynamiken jedoch vor allem in den Bereichen Software, KI und digitale Infrastrukturen. In diesen Bereichen fehlt uns ein starkes Ökosystem. In den USA stützen sich große Technologieunternehmen gegenseitig, investieren, kooperieren und erzeugen Sogeffekte. In Deutschland haben wir mit SAP zwar ein großes Softwareunternehmen, aber kein vergleichbares Netzwerk aus starken Playern, das die systematische Skalierung ermöglichen würde.
Wo liegen für Unternehmen die größten Hebel?
Viele Unternehmen setzen KI derzeit vor allem zur Effizienzsteigerung in den Bereichen Prozessoptimierung, Automatisierung und Kostensenkung ein. Das ist sinnvoll und notwendig. Wer hier nicht mitzieht, wird Wettbewerbsnachteile haben. Aber Effizienz allein reicht nicht aus. Wenn alle dieselben Tools einsetzen, nivelliert sich dieser Vorteil. Der nachhaltige Unterschied entsteht durch Produktinnovation. KI kann neue Wertangebote schaffen, Geschäftsmodelle verändern und Märkte erschließen. Genau dort liegt der strategische Hebel.
Welche Hürden erleben Sie in der Praxis?
Meiner Meinung nach ist es eine Mischung aus fehlender strategischer Klarheit, Kompetenzfragen und Kulturunterschieden. Interessant ist, dass sich die Dynamik verändert hat. Anfangs waren die Mitarbeiter oft neugierig, während Führungskräfte zögerten. Heute beschäftigen sich zwar viele Führungskräfte intensiver mit KI, allerdings nicht immer strukturiert. Einige Unternehmen verpflichten ihre Mitarbeiter zur Nutzung von KI-Tools, ohne ihnen dafür Zeit zu geben oder sie entsprechend zu qualifizieren. Andere blockieren Anwendungen aus Datenschutzgründen vollständig. Beides führt in eine Sackgasse. Besonders kritisch wird es, wenn Mitarbeiter KI informell nutzen, weil offizielle Leitplanken fehlen.
Wie sollte ein mittelständisches Unternehmen beim Thema KI konkret vorgehen?
Zunächst sollte das Unternehmen prüfen, ob es über die notwendige interne Expertise verfügt oder externe Unterstützung benötigt. Ich rate klar davon ab, einfach loszulegen, ohne jemanden einzubinden, der die Maßnahmen strategisch einordnen kann. Im nächsten Schritt folgt eine strukturierte Analyse: Wo entstehen echte Wertpotenziale? Welche Prozesse, Produkte oder Services bieten realistische Chancen auf einen hohen ROI? Derzeit bauen viele Organisationen unkoordiniert KI-Agenten für ähnliche Aufgaben wie E‑Mail-Zusammenfassungen, Recherche-Tools oder Reporting. Ohne zentrale Übersicht entsteht häufig Doppelarbeit. Unternehmen sollten das Experimentieren ermöglichen, aber gleichzeitig koordinieren und priorisieren.
Wie verändert KI die Zusammenarbeit in Unternehmen?
KI kann die Bereiche Onboarding, Weiterbildung und Wissensarbeit erheblich unterstützen. In Zeiten des Fachkräftemangels schafft dies Entlastung. Neue Mitarbeiter können Informationen schneller abrufen und eigenständig lernen. Gleichzeitig verändert sich die Teamdynamik. Wenn KI Aufgaben übernimmt, verschiebt sich die Verantwortung. Teams müssen neu definieren, wer entscheidet, bewertet und gestaltet. Diese Veränderung kann nur gelingen, wenn Führung sie aktiv begleitet und in den Wertekanon des Unternehmens einbettet.
Welche Fähigkeiten benötigen Führungskräfte in dieser Transformationsphase?
Sie müssen Vertrauen schaffen und Orientierung geben. Sie sollten technologische Entwicklungen verstehen, ohne dabei jede technische Detailfrage selbst lösen zu müssen. Entscheidend ist, dass sie Chancen und Risiken offen kommunizieren. Meiner Meinung nach gelingen Change-Prozesse nur, wenn Führungskräfte Begeisterung zulassen, gleichzeitig aber auch Sorgen ernst nehmen. KI ist eine starke technologische Disruption, doch die Mechanik der Transformation ist uns aus früheren Digitalisierungswellen bekannt. Vertrauen, Transparenz und klare Zielbilder bleiben entscheidend.
Sie setzen sich für verantwortungsvolle KI ein. Wie gelingt der Spagat zwischen Innovationsgeschwindigkeit und Regulierung?
Das ist kein einmaliger Balanceakt, sondern ein permanenter Prozess. Jede Anwendung erfordert eine konkrete Risikoabwägung. Unternehmen müssen Risiken identifizieren, bewerten und managen, statt sie pauschal zu vermeiden. Was mich zunehmend beunruhigt, ist, dass viele Organisationen diese unternehmerische Abwägung gar nicht mehr vornehmen. Sie entscheiden sich aus Vorsicht grundsätzlich gegen Innovation. Dabei übersehen sie, dass auch das Nichtentscheiden ein Risiko darstellt, nämlich das Risiko, vom Wettbewerb überholt zu werden.
Fehlt uns ein positives Zukunftsnarrativ?
Wir definieren uns stark durch unsere industrielle Vergangenheit. Diese Identität hat uns Wohlstand beschert. Doch sie allein trägt uns nicht mehr. Wir müssen uns deshalb fragen: Wer wollen wir in zehn oder zwanzig Jahren sein? Wir haben starke Unternehmen, Hidden Champions, exzellente Forschung und internationale Talente hierzulande. Die Ausgangsbasis ist gut. Aber wir müssen uns bewusst als Zukunftstechnologienation verstehen. Wenn wir nur versuchen, alte Strukturen zu konservieren, werden wir den Anschluss verlieren.
Wer sollte hier vorangehen?
Es braucht ein Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Unternehmen können beispielsweise stärker mit Start-ups kooperieren und Innovationen einkaufen. Die Wissenschaft kann die Verwertung ihrer Forschungsergebnisse aktiver betreiben. Die Politik kann Anreize setzen, damit diese Akteure enger zusammenarbeiten. Aber letztlich kann jeder heute beginnen. Wer wartet, bis andere vorangehen, verschenkt Zeit. Zukunft entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch konkrete Entscheidungen.
Frau Klüwer, vielen Dank für das Interview.