Homeoffice ist fester Bestandteil der Arbeitsrealität. Laut ifo-Institut liegt die Homeoffice-Quote in Deutschland stabil bei rund 25 %. Doch obwohl hybride Modelle organisatorisch stark diskutiert werden, bleibt eine zentrale Frage oft unbeantwortet: Wie sehen die physischen Arbeitsbedingungen zu Hause tatsächlich aus und was bedeuten sie für Gesundheit, Produktivität und Raumplanung? Der IU Home-Workspace-Kompass 2025 liefert hierzu eine umfassende Bestandsaufnahme. In einer Online-Erhebung wurden räumliche, ergonomische und verhaltensbezogene Parameter von 794 regelmäßig im Homeoffice arbeitenden Personen in der DACH-Region systematisch erfasst. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Arbeitsform Homeoffice an sich, sondern auf dem konkreten physischen Umfeld, dem Home-Workspace.
Der typische Home-Workspace: funktional, aber nicht immer exklusiv
Das Bild des typischen Homeoffice-Arbeitsplatzes ist klar konturiert: Ein Schreibtisch vor einer weißen Wand, seitlich ein Fenster, ein höhenverstellbarer Bürostuhl und eine Schreibtischleuchte. 49 % der Befragten arbeiten vorwiegend in einem eigenen Arbeitszimmer, 23 % im Wohnzimmer und 18 % im Schlafzimmer. Dabei sind strukturelle Unterschiede auffällig. So verfügen Männer signifikant häufiger über ein separates Arbeitszimmer (60 % gegenüber 44 % bei Frauen). Zudem wird das Arbeitszimmer von Frauen häufiger zweitgenutzt, etwa als Gäste‑, Hobby- oder Abstellraum. Der Home-Workspace ist somit auch eine Frage der Verteilung und der Verfügbarkeit im Haushalt. Ein weiteres Gefälle zeigt sich zwischen Stadt und Land: Menschen, die in ländlichen oder kleinstädtischen Regionen leben, haben deutlich häufiger Zugang zu einem eigenen Arbeitszimmer als Großstadtbewohner. In Kombination mit der Bewertung der Eignung des Arbeitsplatzes ergibt sich somit ein klarer Hinweis auf eine strukturelle Benachteiligung urbaner Haushalte mit begrenztem Wohnraum. Gleichzeitig arbeiten 58 % der Befragten nicht ausschließlich in ihrem primären Arbeitsraum, sondern weichen regelmäßig auf andere Räume aus, allen voran das Wohnzimmer und die Wohnküche. Der Home-Workspace ist somit häufig kein klar abgegrenzter Ort, sondern Teil eines räumlich flexiblen Alltagsarrangements.
Ergonomie: Professionalisierung mit Luft nach oben
Entgegen der verbreiteten Annahme, dass vor allem improvisierte Küchentischlösungen genutzt werden, zeigt die Studie eine zunehmende Professionalisierung. 87 % der Befragten nutzen einen klassischen Schreibtisch als Hauptarbeitsfläche, 35 % verfügen bereits über einen höhenverstellbaren Tisch. Auch bei den Arbeitsstühlen dominieren ergonomische Modelle. Nur 13 % arbeiten ohne anpassbare Komfortfunktionen. Die Mehrheit arbeitet aufrecht sitzend am Schreibtisch; weniger als 20 % geben an, regelmäßig in unkonventionellen Haltungen, etwa auf dem Sofa oder im Bett, zu arbeiten. Gesundheitlich zeigt sich ein differenziertes Bild. Insgesamt führt die Arbeit im Homeoffice nicht zu einer signifikanten Zunahme gesundheitlicher Beschwerden. Im Gegenteil: Müdigkeit, Stress und Unruhe haben bei 28 % der Befragten abgenommen, nur 13 % berichten von einer Zunahme. Eine Ausnahme sind Rückenschmerzen, die bei 21 % liegen. Die Daten deuten auf einen Zusammenhang zwischen der ergonomischen Ausstattung des Stuhls und Rückenbeschwerden hin.
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Licht- und Klimabedingungen
84 % der Befragten geben an, tagsüber über ausreichend Tageslicht zu verfügen. Gleichzeitig berichten jedoch 55 % von Blendungen oder Bildschirmreflexionen. Dies deutet auf Optimierungspotenzial bei der Positionierung von Arbeitsflächen und Monitoren hin. Beim Lüftungsverhalten zeigen sich ebenfalls überwiegend positive Werte: 86 % lüften bei warmen Temperaturen regelmäßig oder dauerhaft. Im Gegensatz zum Büro können Nutzer im Wohnraum Licht- und Klimabedingungen individuell steuern. Die Qualität des Home-Workspaces hängt somit stark von der konkreten räumlichen Situation ab und davon, wie gut sie sich anpassen lässt.
Verhalten und Arbeitsrhythmus
Die Arbeit im Homeoffice konzentriert sich überwiegend auf den Vormittag. 73 % der Befragten legen spätestens nach zwei bis vier Stunden eine Pause ein. 49 % wechseln dafür bewusst den Raum innerhalb der Wohnung, das Haus selbst wird jedoch seltener verlassen. Die Pausen sind häufig mit Essen, Haushaltsaufgaben oder kurzen Wegen verbunden – der Alltag bleibt integriert. In kommunikativer Hinsicht zeigt sich hingegen ein Defizit: Sowohl die Quantität als auch die Qualität der Kommunikation werden im Vergleich zum Büro – insbesondere bei persönlichen Themen – als geringer wahrgenommen. Hier liegt eine zentrale Herausforderung hybrider Modelle: Die physische Autonomie geht teilweise zulasten der informellen Interaktion.
Bewertung und Investitionsbereitschaft
Die Befragten bewerten die Arbeit im Homeoffice insgesamt positiv. Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen Personen mit eigenem Arbeitszimmer und solchen, die im Wohn- oder Schlafzimmer arbeiten. Erstere bewerten ihre Konzentrationsfähigkeit, ihre Motivation und ihre funktionale Eignung signifikant besser. Die räumlichen Konsequenzen sind beträchtlich. So haben 63 % in den vergangenen drei Jahren neue Möbel angeschafft, 33 % die Möbel neu angeordnet und 23 % die Zimmeraufteilung verändert. 16 % sind aufgrund des vermehrten Homeoffice sogar umgezogen. Auch für die Zukunft planen 26 % die Anschaffung neuer Möbel und 14 % ziehen einen Umzug in Betracht. 31 % würden ein Beratungsangebot zur Optimierung ihres Home-Workspaces annehmen, 40 % würden dies möglicherweise tun.
Implikationen für Planung und Immobilienwirtschaft
Der IU Home-Workspace-Kompass 2025 macht deutlich, dass der häusliche Arbeitsplatz zu einem relevanten Teil der Arbeitswelt geworden ist. Seine Qualität hängt stark von Wohnform, Lage, Geschlecht und verfügbarer Fläche ab. Gleichzeitig zeigen die Daten eine zunehmende Professionalisierung und Investitionsbereitschaft. Für Projektentwicklung, Wohnungsbau und Bestandsentwicklung ergeben sich daraus konkrete Fragen: Wie können Grundrisse künftig flexibler auf hybride Arbeitsmodelle reagieren? Welche Rolle spielen akustische und visuelle Qualität im Wohnraum? Und wie lassen sich Beratungs- oder Serviceangebote rund um den Home-Workspace integrieren?
Der IU Home-Workspace-Kompass 2025 wurde von Prof. Miriam Irle und Prof. Felix Klingmüller von der IU Internationalen Hochschule durchgeführt. Grundlage der Studie ist eine Online-Befragung von 794 regelmäßig im Homeoffice arbeitenden Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Zeitraum von Juli 2023 bis März 2024.
Titelbild: @Nowy Styl