Kartenschatten

Newsroom

Inklusive Räume: Wie Raumgestaltung Diversität und Teilhabe ermöglichen kann

Raumdenkerinnen-Reihe

Dr. Ann Sophie Lauterbach und Amelie Marie Fischer
IBA Forum-Gastbeitrag IBA Forum-Gastbeitrag ·
7 Minuten

Büros sind mehr als Kulisse. Sie beeinflussen konkret, ob Menschen sich sicher fühlen, Privatsphäre haben und Zugehörigkeit erleben. Ein Großraumbüro kann den Austausch fördern – für manche bedeutet es aber auch Lärm, ständige Unterbrechungen und das Gefühl, permanent beobachtet zu sein. Fehlende Rückzugsorte erschweren vertrauliche Gespräche, konzentriertes Arbeiten und kurze Momente der Erholung. Enge Wege oder schlecht zugängliche Bereiche schließen Menschen mit Einschränkungen aus. Auch Fragen wie „Wer ist sichtbar?“ „Wer kann sich zurückziehen, ohne negativ aufzufallen?“ werden durch Räume mitentschieden. Arbeitsräume schaffen damit nicht nur Bedingungen für Produktivität, sondern auch für Zugehörigkeit – oder für Ausschluss.

Zitat Symbol

WER HAT ZUGANG ZU WELCHEN RESSOURCEN?

Das Konzept der Spatial Justice wurde maßgeblich von Edward W. Soja (2009) geprägt und stellt die Frage, wer Zugang zu räumlich verteilten Ressourcen hat – sowohl zu physischen Infrastrukturen als auch zu weniger greifbaren Ressourcen wie Ruhe, Sicherheit, Sichtbarkeit und Einflussmöglichkeiten. So versteht Soja räumliche Gerechtigkeit sowohl als Ergebnis als auch als Prozess. Ungleichheiten zeigen sich in konkreten räumlichen Strukturen, entstehen jedoch zugleich durch soziale und politische Mechanismen, die diese Strukturen immer wieder reproduzieren.

Räumliche Ungleichheiten in Arbeitsumgebungen zeigen sich entlang verschiedener Dimensionen. Arbeitsräume sind häufig implizit für einen vermeintlich „typischen“ Beschäftigten konzipiert – meist männlich und ohne Einschränkungen (Tagliaro et al., 2023; Klinksiek et al., 2025). Der heutige Anspruch sollte sein, Arbeitsumgebungen von Anfang an barrierearm und für viele Menschen nutzbar zu machen (Tagliaro et al., 2023; Klinksiek et al., 2025).

Das aus der Architektur stammende Konzept des universellen Designs zielt darauf ab, Umgebungen von vornherein so zu gestalten, dass sie für möglichst alle zugänglich sind und nicht nachträglich angepasst werden müssen. Dadurch können nicht nur Personen mit spezifischen Bedarfen, sondern auch andere Nutzer:innen ihr Potenzial voll entfalten.

Ein universell angelegtes, inklusives Design bezieht beispielsweise genderneutrale Toiletten ein, sodass der Raum der Sanitärbereiche von allen gerecht genutzt werden kann. Es kann auch Neurodiversität unterstützen, indem Arbeitsumgebungen Möglichkeiten für sensorische Anpassungen bieten und zu einem Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit beitragen (Scholz et al., 2026; Weber et al., 2024). Auch religiöse Praktiken können im Arbeitsalltag häufig durch scheinbar neutrale Routinen strukturiert oder eingeschränkt werden (Tagliaro et al., 2023; Klinksiek et al., 2025). Universelle Raumgestaltung bedeutet hier: Bedürfnisse anzuerkennen und flexible Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen, etwa durch multifunktionale Rückzugsräume.

Lesen Sie auch

Dr. Ann Sophie Lauterbach und Amelie Marie Fischer
Raumdenkerinnen-Kolumne Wo ist mein Platz? Verdichtung und die emotionale Logik von Desksharing
Zitat Symbol

GESTALTUNGSPRINZIPIEN UND PRAKTISCHE EMPFEHLUNGEN

Bei der Gestaltung von Arbeitsumgebungen sind drei Prinzipien wesentlich: Erstens Wahlfreiheit ermöglichen und Arbeitsorte flexibel an Aufgaben und Bedürfnisse anpassen. Zweitens sind Rückzugsmöglichkeiten notwendig, um Überforderung zu vermeiden und konzentriertes Arbeiten zu fördern. Drittens ist Beteiligung entscheidend: Inklusive Räume entstehen, wenn Nutzer:innen in die Gestaltung eingebunden sind. So stellt die Einbindung von Mitarbeitenden im Co-Design sicher, dass Räume den tatsächlichen Bedürfnissen gerecht werden. In der organisationswissenschaftlichen Literatur wird dieser Ansatz dahingehend konkretisiert, dass Arbeitsräume an vielfältige Bedürfnisse angepasst, durch flexible Strukturen ergänzt und gemeinsam mit den Beschäftigten gestaltet werden sollten (z. B. Bergefurt et al., 2024; Klinksiek et al., 2025; Kropman et al., 2023; Scholz et al., 2024). In der Praxis empfehlen sich daher verschiedene konkrete Gestaltungsansätze:

  • Zonen nach Logik und sensorischer Qualität: 
    Verschiedene Arbeitsbereiche in logischer Reihenfolge basierend auf typischer (aufgabenbezogener) Nutzung (sogenannter comfort in patterns and schedules)
  • Klare Linien: 
    Keine vollen Räume (Menschen, Ausstattung, Papierkram), klare, barrierefreie Fluchtwege und Sicherheitsvorkehrungen
  • Kleine Arbeitscluster: 
    Aufteilung von Großraumbüros in Einheiten von zwei bis fünf Personen mit akustischer und visueller Trennung zur Förderung von Konzentration und Engagement
  • Die Möglichkeit zu Rückzugs- und Individualarbeitsplätzen:
    Ruhige Arbeitsplätze mit sensorischen Anpassungen (z. B. Beleuchtung oder Kopfhörer) reduzieren Reizüberlastung und fördern konzentriertes Arbeiten, insbesondere für neurodivergente Beschäftigte
  • Störstimuli minimieren:
    Klare Ruhebereiche, Vermeidung lauter Lüftungen oder quietschender Stühle, Begrenzung von Essensbereichen und Reduzierung von starken Putzmitteln oder Parfümgerüchen
  • Adaptives Soundmasking (ASM):
    Sensoren messen in Echtzeit die Lautstärke im Raum und das System passt einen Maskierungston dynamisch an die Geräuschkulisse an – reduziert Ablenkungen durch Hintergrundgespräche und verbessert mentales Wohlbefinden
  • Lichtoptimierung:
    Dynamische LED-Beleuchtung, die sich am natürlichen Tagesrhythmus orientiert, kann die Konzentration steigern und Ermüdung reduzieren
  • Biophile Gestaltung:
    Die Integration von ein bis drei Pflanzen pro Arbeitsplatz kann die Produktivität steigern und Stresssymptome reduzieren; auch natürliche Ausblicke wirken messbar stressmindernd
  • Digitale Barrierefreiheit:
    Untertitel und automatische Übersetzungen in digitalen Meetings verbessern die Zugänglichkeit sowohl für hörbeeinträchtigte Beschäftigte als auch für internationale Teams

Lesen Sie auch

Dr. Ann Sophie Lauterbach und Amelie Marie Fischer
Raumdenkerinnen-Reihe Flexibel, aber fragmentiert? Die neue Logik hybrider Arbeitswelten
Zitat Symbol

FAZIT

Bei einer ganzheitlichen Planung von Arbeitsräumen sollte berücksichtigt werden, wer auf Barrieren stößt und wer sich einbringen kann. Die Perspektive der räumlichen Gerechtigkeit zeigt, dass Räume aktiv zur Reproduktion oder zur Reduktion sozialer Ungleichheiten beitragen. Entscheidend ist dabei, dass unterschiedliche Bedürfnisse von Anfang an mitgedacht und nicht erst nachträglich berücksichtigt werden. Dabei ist klar, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Das Spannungsfeld zwischen genormten Raumbedingungen und individuellen Anpassungen bleibt bestehen – insbesondere angesichts des aktuellen Trends zur Flächenreduzierung. Zudem entsteht Inklusion nicht nur durch räumliche Anpassungen. Denn erst im Zusammenspiel von Raum, Organisation und Kultur werden Arbeitsumgebungen geschaffen, die Vielfalt tatsächlich ermöglichen. Wesentlich ist dabei eine Arbeitskultur, die Komfort ebenso wie sein Fehlen ernst nimmt und beides als Anlass für organisationales Lernen versteht.

Dr Ann Sophie Lauterbach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Organisation und Management an der Technischen Universität Dresden. Als Expertin für evidenzbasierte Arbeitsplatzgestaltung begleitet sie Organisationen bei der Umgestaltung von Büro- und Arbeitswelten und bringt dabei ein Auge für Details und zwischenmenschliche Herausforderungen mit. Ihre Arbeit rund um den gesunden Arbeitsplatz wird geleitet von Erkenntnissen aus der Organisationspsychologie, Ergonomie sowie der Managementforschung und kann unter anderem in praxisnahen Fachmedien wie der Zeitschrift für Führung und Organisation und PERSONALquarterly (Haufe) gelesen werden. Gemeinsam mit Amelie Marie Fischer schreibt sie für das IBA Forum die Reihe „Die Raumdenkerinnen“, in der sie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Handlungsempfehlungen für Praktiker:innen kombiniert. Weitere Informationen: https://www.linkedin.com/in/ann-sophie-lauterbach/

Amelie Marie Fischer ist Doktorandin im Bereich Management und Organizational Behavior an der Universität Konstanz sowie Beraterin mit Schwerpunkt Organisationskultur und Transformation. Als Engaged Scholar am Future of Work Lab forscht sie zu hybriden Arbeitsformen und zukunftsfähigen Arbeitsumgebungen. Ihre Arbeit verbindet interdisziplinäre wissenschaftliche Expertise mit praktischer Erfahrung aus Politik, Mittelstand und Beratung. Ein besonderes Anliegen ist es ihr, Forschung und Praxis zu verknüpfen, um dysfunktionale Muster in Organisationen aufzubrechen und neue Formen der Zusammenarbeit in virtuellen wie physischen Räumen zu ermöglichen. Dabei versteht sie Bürogestaltung nicht nur als Designfrage, sondern als lebendigen Prozess, der Räume mit Bedeutung füllt. Gemeinsam mit Dr. Ann Sophie Lauterbach schreibt sie für das IBA Forum die Reihe „Die Raumdenkerinnen“, in der sie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Handlungsempfehlungen für Praktiker:innen verbindet. Weitere Informationen: https://www.linkedin.com/in/amelie-fischer/

Titelbild: Dr. Ann Sophie Lauterbach und Amelie Marie Fischer