Die Kolumne für das IBA Forum von Dr. Daniel Dettling, einem der profiliertesten Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum, beschäftigt sich im Februar 2026 mit dem Thema Kreislaufwirtschaft:
Unser Land ist bei Rohstoffen, besonders bei Energie und Hochtechnologie, so abhängig von Importen wie kaum ein anderes Land. Bei seltenen Erden sind wir zu zwei Dritteln abhängig von China, bei Gas, Öl und Kohle zu fast 100 % von anderen Ländern. Jährlich bezahlt die EU fast 800 Milliarden Euro für den Import von Öl, Kohle, seltenen Erden und anderen Rohstoffen, 50 % mehr als die USA. Europa ist abhängig geworden von Rohstoffimporten aus autoritären und fragilen Staaten.
Der Kreislaufwirtschaft gehört die Zukunft. Eine Recyclingquote von 90 % ist möglich. Das Einsparpotenzial einer effizienten Nutzung von Rohstoffen ist enorm: Allein für Deutschland beträgt es jährlich 80 Millionen Tonnen weniger Material, 75 Milliarden kWh weniger Strom und 60 Millionen Tonnen weniger CO2. Die Kreislaufwirtschaft wird zum neuen Wohlstands- und Jobmotor.
Die Stromversorgung wird digitaler, dezentraler und intelligenter. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz lösen eine Nachhaltigkeitsrevolution aus. Digitalisierung, Dekarbonisierung und Dematerialisierung gehen Hand in Hand.
Die Kreislaufwirtschaft ersetzt das Verschwendungsprinzip
Der digitale und technologische Fortschritt befördert den Trend zu einer stärker dematerialisierten Wirtschaft. Dematerialisierung bedeutet weniger Ressourcenverbrauch und mehr Wohlstand, weil die Wertschöpfung bei einer stärker geistigen Arbeitsgesellschaft höherwertig sein wird. Die Digitalisierung ermöglicht zudem einen Einsparfaktor von 10 und mehr beim Ressourcenverbrauch. Ein Smartphone beinhaltet heute eine Reihe von Geräten in einem: Diktiergerät, Stoppuhr, Wecker, Kamera, Gesundheitsanwendungen. Mit digitaler Unterstützung werden in etlichen Industrien 3‑D-Druckverfahren Häuser, menschliche Herzen und sogar Motoren besser und billiger produzieren. Beim 3‑D-Druck entsteht fast kein Abfall, sodass das Verfahren weitgehend ressourcenschonend abläuft. 3‑D führt somit zu einer erheblichen Reduzierung der Materialverschwendung.
Reduce, Reuse, Recycle
Im Unterschied zum linearen »Wegwerf-Kapitalismus« zielt eine Kreislaufwirtschaft darauf ab, Güter und Rohstoffe möglichst lange Zeit im Wirtschaftssystem zu halten und wiederzuverwerten. Besonders groß ist das Potenzial, wenn das Recycling bereits bei der Produktentwicklung mitgedacht wird. Schuhe, Sitze, Kleidung – es gibt kaum ein Produkt, das nicht kompostierbar ist. Moderne Abfallwirtschaft setzt auf eine umfassende Kreislaufwirtschaft. Ökopioniere wie Michael Braungart sind optimistisch, dass die Kreislaufwirtschaft bis 2050 die lineare Verschwendungswirtschaft ersetzt. Die alte Philosophie des Verbrauchens, Verbrennens und Vergrabens wird durch eine neue grüne Philosophie ersetzt: Reduce, Reuse und Recycle (Reduzieren, Wiederverwenden, Recyclen).
Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz fördern auch den Zusammenhalt in einer Demokratie. Gesellschaften, die sich dem Ziel einer ressourceneffizienten Zero-Waste-Zukunft verpflichtet haben, sind engagierter und glücklicher.
Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und Gründer des Instituts für Zukunftspolitik (www.institut-zukunftspolitik.de). Dort erschien vor Kurzem das Buch „Eine bessere Zukunft ist möglich – Ideen für eine Welt von morgen“.
Titelbild: Dr. Daniel Dettling (Foto: Laurence Chaperon)
IBA Forum-Gastbeitrag