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Cognitive Environments: Neue Perspektiven für die Gestaltung von Arbeitsumgebungen

Workplace of Tomorrow

Junge Menschen, die im Büro arbeiten.Bild: iStock @skynesher
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
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Wie können Bürogebäude konzentriertes Arbeiten, Kooperation und mentale Entlastung gleichermaßen unterstützen? Forschungsansätze zu sogenannten Cognitive Environments zeigen, wie räumliche Gestaltung, Technologie und Organisation zusammenspielen können.

Das Konzept der „Cognitive Environments“

Durch die zunehmende Verbreitung hybrider Arbeitsmodelle verändert sich die Rolle des Büros grundlegend. Viele Tätigkeiten lassen sich heute auch außerhalb des Unternehmensstandorts erledigen. Damit stellt sich immer dringlicher die Frage, welche Qualitäten Arbeitsgebäude künftig bieten müssen, um als Arbeitsort relevant zu bleiben. In der arbeitswissenschaftlichen und architektonischen Forschung gewinnt in diesem Zusammenhang das Konzept der „Cognitive Environments“ an Bedeutung. Gemeint sind Arbeitsumgebungen, die sich gezielt darauf ausrichten, die kognitiven Prozesse der Nutzer zu unterstützen. Untersucht wird, wie räumliche Gestaltung, digitale Systeme und organisatorische Rahmenbedingungen zusammenwirken können, um konzentriertes Arbeiten, Zusammenarbeit und Erholung im Arbeitsalltag zu erleichtern. Ein zentraler Forschungsakteur in diesem Feld ist das Fraunhofer IAO, das sich im Rahmen von Studien und Projekten wie „Office 21“ mit intelligenten Arbeitsumgebungen und der Zukunft von Büro- und Arbeitswelten beschäftigt. Die dort entwickelten Konzepte zeigen, dass Arbeitsgebäude künftig nicht nur als Infrastruktur für Arbeitsplätze verstanden werden, sondern zunehmend als Umgebungen, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Arbeitsprozesse aktiv beeinflussen können.

Was Cognitive Environments auszeichnet

Cognitive Environments beschreiben Arbeitsumgebungen, die das Verhalten und bestimmte Bedürfnisse von Menschen im Raum erfassen und darauf reagieren können. Technologisch geschieht dies über Sensorik und digitale Gebäudesysteme, die beispielsweise Belegung, Lichtverhältnisse oder Luftqualität messen und Komfortparameter automatisch anpassen können. Im Mittelpunkt steht jedoch weniger die Technologie selbst als vielmehr die Frage, wie Menschen Informationen verarbeiten und unter welchen Bedingungen mentale Überlastung entsteht. Aus dieser Perspektive werden Arbeitsumgebungen so gestaltet, dass sie unterschiedliche kognitive Anforderungen unterstützen können, etwa konzentrierte Einzelarbeit, kreative Zusammenarbeit oder informellen Austausch. Auch digitale Interfaces spielen dabei eine Rolle. Ziel ist es, Informationsflüsse so zu strukturieren, dass sie Orientierung bieten und Komplexität reduzieren, statt zusätzliche Reize zu erzeugen. Raumgestaltung, Möblierung, Beleuchtung, Akustik und digitale Systeme werden dabei zunehmend als zusammenhängendes System betrachtet.

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Kognitive Belastung als Planungsfaktor

Parallel zur Entwicklung solcher Konzepte wächst die Forschung zur kognitiven Belastung am Arbeitsplatz. Arbeits- und kognitionspsychologische Untersuchungen zeigen, dass dauerhafte Unterbrechungen, visuelle Unruhe, Lärm oder permanente digitale Benachrichtigungen die begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen erheblich beanspruchen können. Studien zu Arbeitsunterbrechungen und mentaler Beanspruchung deuten darauf hin, dass häufige Kontextwechsel und unerwartete Störungen die kognitive Last erhöhen, Fehler begünstigen und die Leistung bei komplexen Aufgaben beeinträchtigen können. Neuroergonomische Forschung mit mobilen EEG‑Verfahren zeigt zudem, dass sich mentale Beanspruchung, Stress und Aufmerksamkeit in Arbeitssituationen objektiv erfassen lassen und je nach Aufgabenanforderung und Umgebungsbedingungen deutlich variieren. Ergebnisse aus Labor- und Feldstudien zum Bürokontext weisen darauf hin, dass erhöhte Reizdichte und häufige Unterbrechungen die subjektive Arbeitsbelastung erhöhen und die kognitive Kontrolle erschweren können. Cognitive Environments greifen diese Erkenntnisse auf und versuchen, räumliche, organisatorische und digitale Bedingungen so zu gestalten, dass Phasen konzentrierter Arbeit ebenso möglich sind wie Austausch oder Regeneration.

Vom Raumtyp zum kognitiven Modus

Aus der Forschung zu Cognitive Environments lassen sich mehrere Gestaltungsprinzipien ableiten. Ein erster Aspekt betrifft den Wechsel vom klassischen Raumdenken hin zu kognitiven Modi. Statt primär in Raumtypen wie Einzelbüro, Open Space oder Meetingraum zu denken, rückt die Frage in den Fokus, welche mentalen Aktivitäten unterstützt werden sollen. Cognitive Environments schaffen hierfür deutlichere Profile: akustisch und visuell beruhigte Zonen für anspruchsvolle Fokusarbeit, aktivierende Settings mit visuellen Anreizen und flexibler Möblierung für Co‑Creation sowie bewusst reizärmere Bereiche, in denen das Gehirn herunterfahren kann. Verschiedene Untersuchungen aus Arbeits- und Umweltpsychologie legen nahe, dass passende Umgebungen Kreativität, Problemlösefähigkeit und Wohlbefinden positiv beeinflussen können.

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Technologie als unterstützendes System

Ein zweites Prinzip beschreibt den Einsatz von Technologie als unterstützendes System. Sensorik kann beispielsweise Daten über Temperatur, Luftqualität oder Licht liefern und damit helfen, Komfortparameter automatisch anzupassen. Entscheidend ist dabei die Akzeptanz der Nutzer. Forschung und Praxis zeigen, dass Transparenz und Kontrollmöglichkeiten wesentliche Voraussetzungen dafür sind, dass solche Systeme positiv bewertet werden. Beschäftigte müssen nachvollziehen können, welche Daten erhoben werden und welche Funktionen automatisiert ablaufen. Erst wenn der Nutzen unmittelbar erlebt wird – etwa durch bessere Luftqualität, weniger Blendung oder angenehmere Temperaturen – werden solche Systeme als Unterstützung wahrgenommen und nicht als Eingriff.

Kognitive Vereinfachung statt digitaler Verdichtung

Ein weiterer Ansatzpunkt liegt in der Gestaltung digitaler Arbeitsumgebungen. Viele Technologien erhöhen zunächst die Komplexität des Arbeitsalltags, etwa durch parallele Kommunikationskanäle und häufige Benachrichtigungen. Cognitive Environments verfolgen daher das Ziel, digitale Systeme so zu gestalten, dass sie Informationsflüsse strukturieren und die kognitive Belastung reduzieren. Dies kann etwa durch kontextbezogene Informationsdarstellungen, reduzierte Benachrichtigungen während konzentrierter Arbeitsphasen oder klar strukturierte Interfaces geschehen. Raumgestaltung und digitale Werkzeuge werden so aufeinander abgestimmt, dass sie Konzentration und Orientierung unterstützen, statt zusätzliche Ablenkungen zu erzeugen.

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Neurodiversität als Planungsaufgabe

Zunehmend berücksichtigt die Arbeitsplatzforschung auch neurodiverse Bedürfnisse. Studien und Praxisberichte zeigen, dass Menschen unterschiedlich auf Reize wie Geräusche, visuelle Eindrücke oder soziale Interaktionen reagieren. Während einige Beschäftigte stimulierende Umgebungen bevorzugen, benötigen andere stärker reizreduzierte Arbeitsbereiche. Cognitive Environments tragen dieser Vielfalt Rechnung, indem sie unterschiedliche Zonen und Optionen anbieten. Variierbare Beleuchtung, akustisch differenzierte Räume oder Rückzugsmöglichkeiten können dazu beitragen, unterschiedliche Anforderungen besser abzubilden und sowohl neurotypische als auch neurodivergente Personen zu unterstützen.

Der Mehrwert des Büros im hybriden Arbeiten

Mit der zunehmenden Verbreitung hybrider Arbeitsmodelle stellt sich die Frage, welchen spezifischen Mehrwert Büroarbeitsplätze künftig bieten sollen. Viele Tätigkeiten lassen sich heute auch außerhalb des Unternehmensstandorts erledigen. Bürogebäude müssen daher verstärkt jene Qualitäten bieten, die im Homeoffice nur eingeschränkt vorhanden sind, etwa vielschichtige Zusammenarbeit, spontane Begegnungen, räumlich differenzierte Konzentrationszonen und eine professionelle Infrastruktur. Cognitive Environments setzen genau hier an. Sie betrachten das Büro nicht primär als Ort individueller Bildschirmarbeit, sondern als Arbeitsumgebung, die verschiedene Formen der Zusammenarbeit, konzentriertes Arbeiten und den informellen Austausch unterstützt. Durch räumliche Differenzierung, technische Infrastruktur und intelligente Gebäudesysteme lassen sich diese Aktivitäten gezielt ermöglichen und gleichzeitig Komfort sowie Energieeffizienz verbessern.

Was das für Planung und Organisation bedeutet

Für Planung und Betrieb von Bürogebäuden bedeutet dies eine Verschiebung der Perspektive. Neben Flächeneffizienz, Gestaltung und Kosten gewinnen zunehmend Fragen der kognitiven Nutzung an Bedeutung. Welche Arbeitsprozesse finden im Gebäude statt? Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Raumstruktur, Akustik oder Licht? Digitale Gebäudetechnologien und Sensorik können zusätzliche Erkenntnisse darüber liefern, wie Räume tatsächlich genutzt werden und welche Bereiche besonders stark oder nur selten frequentiert sind. Solche Daten eröffnen neue Möglichkeiten, Arbeitsumgebungen kontinuierlich weiterzuentwickeln und Planungsentscheidungen stärker an realen Nutzungsmustern auszurichten. Arbeitsumgebungen werden damit zunehmend als Systeme verstanden, in denen räumliche Gestaltung, Technologie und organisationale Rahmenbedingungen zusammenwirken. Das Büro ist somit nicht nur ein Ort der Arbeit, sondern auch gestaltete Infrastruktur und im besten Fall eine kognitive Ressource für die Menschen, die dort tätig sind.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Stolze, D. (2023): Cognitive Environments. Potenziale kognitiver Umgebungen in der Post‑Covid‑Zeit. Fraunhofer IAO / Fraunhofer Verlag, Stuttgart.
  • Fraunhofer IAO (2021): Cognitive Environments – das mitdenkende Bürogebäude. Blogbeitrag / Office‑21.
  • Fraunhofer IAO (2023): Das smarte Büro von morgen. Projekt- und Konzeptkommunikation.
  • Wascher, E. et al. (2021): Neuroergonomics on the Go: An Evaluation of the Potential of Mobile EEG for Workplace Assessment and Design. Human Factors 65(1), 86–106.
  • Doost, E. Z. et al. (2023): Mental workload variations during different cognitive office tasks and social media interruptions. Applied Ergonomics.
  • Rick, V. B. et al. (2024): Work interruptions of office workers: The influence of the complexity of primary work tasks on the perception of interruptions. Work.
  • GPH Journal (2025): The Impact of Workplace Environment on Concentration and Cognitive Performance.
  • Fraunhofer IAO (2026): Work Forward: Neurodiverse Workspaces. Veranstaltungs- und Forschungsformat zu neurodiversen Arbeitswelten.
  • Haworth (2025): Designing Workspaces That Embrace Neurodiversity. Unternehmensstudie / Whitepaper.
  • JLL (2025): From stress to success with data-driven office design – A Neuroscience Study into Workplace Design in Tokyo.
  • Aktuelle Studien zu Office‑Design, psychosozialem Arbeitsumfeld und Gesundheit, z.B. Office Design’s Impact on Psychosocial Work Environment and Emotional Health (2024).

 

Titelbild: iStock @skynesher