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Creative Leadership: Künstlerisches Denken als Paradigma moderner Führung

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Bild mit Papiervögeln, das für Transformation und Erfolg steht. Quelle: https://www.istockphoto.com/de/foto/transformieren-und-erfolgreich-sein-gm1473750158-503805386
Dr. Ulrike Lehmann Dr. Ulrike Lehmann ·
8 Minuten

Kreativität zählt heute zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen. Doch welche Bedeutung hat sie für Führung? Ulrike Lehmann plädiert in ihrem Gastbeitrag für einen Perspektivwechsel und erläutert, warum Neugier, Experimentierfreude und der konstruktive Umgang mit Unsicherheit zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Geschäftswelt des 21. Jahrhunderts konfrontiert Führungskräfte mit beispiellosen Herausforderungen. Digitale Transformation, demografischer Wandel, Klimakrise und eine zunehmend vernetzte, aber unvorhersagbare globale Wirtschaft haben die Spielregeln fundamental verändert. In diesem Kontext erweisen sich traditionelle Managementansätze als zunehmend inadäquat.

Planung, Kontrolle und reine Effizienzoptimierung stoßen an ihre Grenzen, wenn Märkte unvorhersehbar, Systeme komplex und Sicherheiten brüchig geworden sind. Während das klassische Management versucht, die Vergangenheit zu verlängern und Mitarbeiter den Satz aussprechen: „Wir machen das so, wie wir es immer schon gemacht haben“, nutzt Creative Leadership die Gegenwart, um eine neue Zukunft zu entwerfen und Innovationen zu ermöglichen.

Die Unternehmensberaterin Constanze Holzwarth bringt diese Problematik auf den Punkt: „Manager müssen heute ihre Denkmuster, Lösungsansätze und Strategien aus der Vergangenheit überdenken und erkennen, welche sich überholt haben. Viele Erfolgsrezepte der Vergangenheit sind inzwischen kontraproduktiv.“

Die Führungskultur wandelt sich von VUCA zu BANI – von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität hin zu einer Welt, die brüchig, ängstlich, nichtlinear und unverständlich geworden ist.

Neue Führung braucht das Land

Gerade inmitten dieser vielen Unsicherheiten liegt eine Chance im Change: der Mut, Führung neu zu denken. An dieser Stelle setzt das Konzept des Creative Leadership an. Es lädt dazu ein, Führung nicht länger als die Verwaltung von Stabilität zu verstehen, sondern als die kreative Gestaltung von Wandel. Daher ist mehr Kreativität auch ein Mehrwert und ROI für Unternehmen.

In „The Future of Jobs Report“ (World Economic Forum 2025) zählt Kreativität, wie bereits in den Jahren zuvor, zu den fünf wichtigsten Soft Skills. Kreativität ist heute mehr denn je kein Talent, sondern eine Haltung. Sie ist die Voraussetzung für Innovationen. Sie ist kein Nice-to-have, sondern ein Must-have. Unternehmen, die sich zu sehr auf Effizienzoptimierung konzentrieren und dabei Exploration und Kreativität vernachlässigen, laufen daher Gefahr, von agileren Wettbewerbern überholt zu werden. Gerade der Erfolg der digitalen Transformation wird durch menschliche Kooperation und Kreativität entschieden, nicht durch Technologie allein.

Durch die zunehmende Präsenz von Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotern fühlen sich viele Menschen nicht mitgenommen, nicht mehr gebraucht. Sie lehnen daher in ihrem Überlebenskampf die Wege zu Neuerungen ab, empfinden Veränderungen als Bedrohung, haben Angst und suchen nach Stabilität, Sicherheit, Vertrautheit. Zögerlichkeit und Angst sind jedoch die größten Verhinderer von Innovationen. Das Gefühl der Überforderung wächst und die Innovationskraft schwindet.

Sie brauchen Ziele, für die es sich lohnt, nach vorn zu blicken und mitanzupacken. Insofern wird ein humanzentrierter und ethischer Führungsstil gebraucht, der von Empathie getragen ist und den Einzelnen mit seinen Bedürfnissen, Neigungen, Fähigkeiten und Kompetenzen im Blick hat. Führung neu denken heißt, einen Führungsstil zu entwickeln, der sowohl die wichtigsten Soft Skills als auch Kreativität und Innovationen im Blick hat.

Unternehmen, die innovativ werden und sein wollen, brauchen ein Klima, das nicht defizitgesteuert ist und Angst schürt, sondern ressourcenorientiert vorgeht. Welche Ressourcen und Potenziale hat mein Mitarbeiter? Welche Ressourcen und Potenziale hat das Unternehmen? Welche können noch aufgebaut und verbessert werden? In einem Klima, das den Einzelnen wertschätzt und ihn in seinem Wesen respektiert, kann eine Kultur des Mutes wachsen. Denn Mut ist die Voraussetzung für Kreativität, und Kreativität ist die Voraussetzung für Innovationen.

Es braucht eine Führung, die das Andersdenken und Hinterfragen zulässt, die die Ideen der Mitarbeiter ernst nimmt und wertschätzt.

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Lernen von Künstlern – und Kindern

Das künstlerische Paradigma – geprägt von radikaler Neugier, Offenheit, Experimentierfreude und dem Vertrauen in den schöpferischen Prozess – wird zum entscheidenden Schlüssel für eine zukunftsfähige Führungskultur. Was Künstlerinnen und Künstler seit je beherrschen – das Navigieren im Unbekannten und das Denken in Paradoxien –, müssen wir heute in die Boardrooms und Werkshallen tragen. Nichtlineares Denken ist das, was Künstler jeden Geschlechts bestens beherrschen.

Die Kunst zeigt uns, dass Innovation nicht im Perfektionismus entsteht, sondern im Ausprobieren, im Scheitern, im Mut, neu zu beginnen. Sie erinnert uns daran, dass Originalität und Transformation Hand in Hand gehen.

Kaum eine andere Branche ist so kreativ und innovativ wie die Kunstwelt. Künstler schaffen per se täglich neue Bilder, sie sind Originale, sie sind einzigartig. Daher ist die Kunst so anschlussfähig zur Wirtschaft.

Pablo Picasso kann hier als Symbolfigur und Rollenmodell für ein Denken gesehen werden, das vertraute Grenzen überschreitet und den Blick auf das Unmögliche richtet, um Neues möglich zu machen. Seine formale Vielseitigkeit und stilistische Erneuerungsfähigkeit machen ihn bis heute zu einer Schlüsselfigur und Ikone der Moderne. Er bewies mit seiner Kunst, dass er den Mut hatte, Regeln zu brechen, Neues zu wagen und sich nicht von Regelwerken beirren zu lassen. Und der Erfolg gab ihm Recht. Daher steht er hier Pate für einen neuen Führungsstil: die künstlerische Führung in Zeiten von Unsicherheit, Komplexität und Wandel.

Die Strategie des Creative Leadership propagiert einen Paradigmenwechsel von der kontrollierten Verwaltung hin zur kreativen Gestaltung, von der linearen Planung hin zum experimentellen Prozess, von der hierarchischen Kontrolle hin zur inspirierenden Führung. Dieser Ansatz basiert auf der fundamentalen Erkenntnis, dass die Komplexität und Unvorhersagbarkeit der modernen Wirtschaftswelt Führungsqualitäten erfordern, die traditionell eher Künstlern als Managern zugeschrieben werden.

Kreativität ist keine angeborene Begabung und unveränderliche Größe weniger Auserwählter oder Genies, sondern eine Fähigkeit, die in jedem Menschen angelegt ist – sie kann trainiert und gefördert werden!

Mut und Neugier sind Kernkompetenzen von Künstlern – und Kindern. Sie sind die Pioniere des Unmöglichen. Sie wagen, was andere für verrückt halten, experimentieren ohne Garantie auf Erfolg und transformieren das Unbekannte in neue Realitäten.

Pablo Picasso sagte einmal: „Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ Diese Aussage fasst ein zentrales Problem moderner Führung zusammen: die Tendenz, mit zunehmendem Alter und wachsender Verantwortung risikoaverser und weniger experimentierfreudig zu werden. Und Picasso hatte noch eine andere Botschaft: „Der Hauptfeind der Kreativität ist der gesunde Menschenverstand.“ Er betonte, dass Kunst nicht durch Regeln definiert ist, sondern durch die kontinuierliche Neuerfindung und das Brechen bestehender Formen. 

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Der Mut zum ersten Strich

Führungskräfte und Manager können sich künstlerisches Denken aneignen und Kreativität trainieren. Der Anfang eines Bildes gleicht dem Anfang, etwas Neues zu erfinden und Creative Leadership zu erlernen.

Die Metapher des „ersten Strichs“ auf der weißen Leinwand veranschaulicht eine fundamentale Führungsaufgabe. Übertragen auf die Führungspraxis bedeutet dies: Wer macht wann wie und wo den ersten Strich? Wer wagt den ersten Schritt in unbekanntes Terrain? Diese Fragen sind nicht trivial, denn sie berühren fundamentale Aspekte wie Risikobereitschaft, Verantwortungsübernahme und Innovationskultur.

Der erste Strich erfordert Mut, den Horror Vacui zu überwinden – die Angst vor der Leere. In Unternehmen manifestiert sich diese Angst oft als Lähmung angesichts komplexer Entscheidungssituationen. Teams verharren in endlosen Analyseschleifen, weil sie hoffen, durch mehr Daten die Unsicherheit zu reduzieren. Die künstlerische Herangehensweise akzeptiert hingegen, dass in komplexen Situationen niemals alle Informationen verfügbar sind, und Künstler entwickeln die Fähigkeit, trotz Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben.

Im kreativen Prozess sind Fehler keine Mängel, sondern notwendige Schritte auf dem Weg zu einer besseren Lösung. Auch Zufall, interdisziplinäres Denken, ein vielfältiges Team und künstlerische Kreativtechniken helfen bei der Umsetzung.

Stellen Sie sich vor, die weiße Leinwand ist Ihre Zukunft, die Sie nun frei gestalten können. Welches Gefühl stellt sich jetzt bei Ihnen ein? Mut und Freiheit oder Angst, Unsicherheit und Verzweiflung?

Mein persönlicher Wunsch ist, dass wir eine Arbeitswelt schaffen, in der eine neue Vision Wirklichkeit wird: dass Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht wegen der Künstlichen Intelligenz entlassen, sondern sie wegen ihrer künstlerischen Intelligenz fördern und halten. Wenn uns dieser Paradigmenwechsel gelingt, entfachen wir ein Feuerwerk an Ideen, das weit über die nächste Quartalsbilanz hinausreicht. Damit sind Innovationen garantiert.

Dr. Ulrike Lehmann ist Kunsthistorikerin, Kunstpädagogin, Art und Agile Coach. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Impulse Kunst für Führung, Innovation und Zusammenarbeit in Organisationen liefern kann. Als Speakerin, Autorin und Beraterin begleitet sie Unternehmen dabei, kreative Denkprozesse anzustoßen, Perspektivwechsel zu ermöglichen und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Dabei setzt sie unter anderem auf Kunstbetrachtungen, Workshops und interdisziplinäre Formate an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Leadership. Lehmann ist Autorin des Buches „Wirtschaft trifft Kunst“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Potenzial künstlerischer Methoden für Veränderungs- und Innovationsprozesse. Ihr aktuelles Buch „Creative Leadership. Was Führungskräfte von Künstlern wie Picasso lernen können“ ist am 31. Mai 2026 im Springer Gabler Verlag erschienen. Mehr Informationen zu Dr. Ulrike Lehmann finden Sie hier.

Titelbild: iStock