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Das Büro als Corporate Innovation Hub: Was die aktuelle Fraunhofer-Studie für die Büroplanung bedeutet

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WHAT IF WE FLY. Bild: Interstuhl
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
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Viele Unternehmen diskutieren derzeit erneut darüber, wie viel Präsenz sie von ihren Mitarbeitern im Büro erwarten – oft mit dem Argument, Innovation brauche physische Nähe. Gleichzeitig wächst der Druck, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle schneller weiterzuentwickeln als je zuvor. Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Welche Rolle spielt das Büro tatsächlich für Kreativität und Innovationskraft? 

Genau dieser Frage widmet sich die Studie „Das Büro als Corporate Innovation Hub“ des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Sie untersucht, wie Büropräsenz und Arbeitsumgebung die Kreativität und Innovationsfähigkeit von Beschäftigten in hybriden Arbeitsformen beeinflussen und liefert damit wichtige Hinweise für Unternehmen, Workplace-Strategen, Büroplaner und HR-Verantwortliche.

Präsenz allein macht noch keine Innovation

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass zwischen der Anzahl der Bürotage und der Innovationsfähigkeit kein einfacher direkter Zusammenhang besteht. Wer häufiger im Büro ist, arbeitet also nicht automatisch kreativer oder innovativer. Auf Basis einer Befragung von mehr als 2.000 Beschäftigten identifizierten die Forscher vier Gruppen mit unterschiedlichen Mustern aus Büropräsenz und Innovationsniveau. Für die Praxis besonders spannend ist, dass sich sowohl unter Mitarbeitern mit hoher Präsenz als auch unter Personen mit überwiegend hybriden Arbeitsweisen sehr innovative Gruppen finden, aber auch deutlich weniger innovative. Die entscheidende Erkenntnis lautet daher: Nicht der Arbeitsort allein bestimmt die Innovationskraft, sondern die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird. Wichtiger als reine Anwesenheit sind Arbeitskultur, Führungsverhalten und die Qualität der räumlichen Umgebung. Damit verschiebt sich der Fokus für alle, die Büros planen oder Arbeitswelten verantworten, von der Frage „Wie kriegen wir die Leute zurück ins Büro?“ zu der Frage „Was erleben Menschen, wenn sie im Büro sind, und wofür lohnt sich dieser Weg?“.

Abwechslung, Sinn und Lernen als Innovationstreiber

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass bestimmte Erlebensqualitäten der Arbeit stärker mit Kreativität und Innovationsfähigkeit verknüpft sind als der physische Aufenthaltsort. Als besonders einflussreich werden folgende Faktoren genannt:

  • Abwechslung bei der Arbeit, also die Möglichkeit, verschiedene Aufgaben zu übernehmen, Routinen zu durchbrechen und an neuen Themen mitzuwirken.
  • Spaß an der Tätigkeit, verstanden als positive emotionale Beziehung zur eigenen Arbeit und nicht als Unterhaltungseffekt.
  • Engagement für den Erfolg der Organisation, also das Gefühl, mit der eigenen Arbeit einen erkennbaren Beitrag zum Ganzen zu leisten.
  • Die Chance, Neues zu lernen, etwa durch Lernangebote, Projekte mit Explorationsanteil oder Wissensaustausch über Bereichsgrenzen hinweg.

Diese Faktoren wirken sich nachweislich auf Kreativität und Innovationsfähigkeit aus – unabhängig davon, ob im Büro oder im Homeoffice gearbeitet wird. Für Unternehmen ist das eine wichtige Botschaft: Innovation ist keine reine Standortfrage, sondern vor allem eine kulturelle und organisatorische Aufgabe. Planungsverantwortliche sollten Räume daher so konzipieren, dass sie Abwechslung, Sinnstiftung und Lernen im Arbeitsalltag sichtbar und erlebbar machen.

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Was innovative Teams im Büro anders erleben

Das physische Büro bleibt trotz allem ein wichtiger Baustein im Innovationssystem eines Unternehmens – allerdings nicht so, wie reine Präsenzdiskussionen suggerieren. Die Studie zeigt, dass besonders innovative Gruppen ihre Büroflächen in zwei Dimensionen deutlich positiver bewerten: als geeigneten Ort für kreative Zusammenarbeit und als guten Rahmen für bereichsübergreifende Begegnungen. Wo Mitarbeiter das Büro als hilfreichen Ort für gemeinsame Ideenarbeit, Austausch und spontane Zusammenarbeit erleben, sind die Innovationswerte spürbar höher. Wo Flächen hingegen überwiegend als Schreibtischlandschaft für Routinetätigkeiten wahrgenommen werden, bleibt das Innovationsniveau niedriger – selbst bei hohen Präsenzquoten. Für die Büroplanung ist das eine klare Aussage: Nicht die Fläche an sich schafft Mehrwert, sondern das Nutzungserlebnis. Entscheidend ist, ob die Flächen tatsächlich für kollaborative, explorative Arbeit genutzt werden oder in der Praxis doch hauptsächlich für stille Einzelarbeit.

Was bedeutet das für die Büroplanung?

Wenn das Büro als Corporate Innovation Hub verstanden wird, verändern sich die Anforderungen an Flächen, Ausstattung und Nutzungskonzepte grundlegend. Im Mittelpunkt stehen drei Funktionen: Orte für kreative Zusammenarbeit, Räume für Begegnung über Bereichsgrenzen hinweg und ein Büro, das Lernen sichtbar ermöglicht. Es braucht Bereiche, in denen Teams gemeinsam denken, entwickeln und visualisieren können. Dabei ist weniger wichtig, dass diese Flächen im Raumprogramm auftauchen, sondern dass sie im Alltag tatsächlich zugänglich sind und kulturell akzeptiert werden. Wenn kreative Zonen permanent belegt, als „verlängertes Großraumbüro“ zweckentfremdet oder hierarchisch blockiert sind, verlieren sie ihre Wirkung. Ebenso wichtig sind Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Zentrale Treffpunkte, offene Lounges, gemeinschaftliche Café-Bereiche, Coworking-Zonen oder interne Eventflächen schaffen Orte, an denen Teams, Abteilungen und Hierarchieebenen ins Gespräch kommen. Damit entstehen genau jene Schnittstellen, an denen häufig neue Ideen entstehen. Büroplaner müssen daher entscheiden, wo im Grundriss diese Schnittstellen physisch verankert werden und wie Wegeführung, Sichtbeziehungen und Aufenthaltsqualität solche Begegnungen begünstigen. Parallel dazu sollten Bürokonzepte Vielfalt statt Monostruktur fördern. Unterschiedliche Settings für konzentrierte Arbeit, Austausch, Lernen und Regeneration erlauben eine variablere Strukturierung des Arbeitstags und durchbrechen monotone Routinen. So wird das Büro auch zum Lernort: Lernlounges, kleine Bibliotheken, Schulungsräume oder sichtbare Wissensformate machen Weiterentwicklung im Alltag greifbar und schaffen Räume, in denen informelles und formelles Lernen zusammenfinden. Für Bestandsflächen bedeutet das nicht zwingend einen kompletten Umbau. Oft lassen sich durch Zonierung, neue Möblierung, veränderte Belegungsregeln oder eine andere Bespielung von Flächen bereits spürbare Effekte erzielen. Entscheidend ist, dass Flächenkonzept, Nutzungsszenarien und kulturelle Signale zusammenpassen und dass klar ist, wofür welche Fläche gedacht ist.

Präsenz braucht einen klaren Zweck – und Führung

Die Studie ordnet die Debatte um Rückkehrpflichten und Präsenzquoten in einen größeren Zusammenhang ein. Reine Anwesenheitsvorgaben greifen zu kurz, wenn unklar bleibt, wofür die gemeinsame Zeit im Büro eigentlich genutzt werden soll. Für HR und Führungskräfte stellt sich daher nicht nur die Frage nach der „richtigen“ Quote, sondern auch nach der Qualität der gemeinsamen Zeit vor Ort. Führungskräfte entscheiden maßgeblich darüber, ob die Bürozeit für Routinetätigkeiten „verbraucht“ wird oder ob sie gezielt für Zusammenarbeit, Innovation und soziale Verbindung reserviert wird. Eine gute Flächenplanung kann dieses Vorgehen unterstützen, indem sie passende Angebote schafft und die Nutzung erleichtert. Sie kann Führung, klare Vereinbarungen im Team und ein gemeinsames Verständnis von Innovation jedoch nicht ersetzen. Es lohnt sich daher für Workplace-Strategen und HR, Flächenplanung und Führungsentwicklung stärker zusammenzudenken und etwa Pilotflächen mit begleitenden Teamvereinbarungen, Lernangeboten und Feedbackschleifen zu kombinieren.

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Fazit: Das Büro gewinnt als Innovationsort an Bedeutung

Weder das Homeoffice noch das Büro sind per se innovativ. Ausschlaggebend sind die Organisation der Arbeit und die Qualität der Räume, in denen sie stattfindet. Gerade in hybriden Modellen verliert das Büro als Ort individueller Routinetätigkeit an Bedeutung, gewinnt aber als Raum für Zusammenarbeit, Lernen und kreative Entwicklung. Wer Büroflächen strategisch plant und konsequent auf diese Funktionen ausrichtet, betrachtet das Büro nicht länger als reinen Kostenfaktor, sondern als strategische Ressource für Innovation – und damit als echten Wettbewerbsvorteil. Die Fraunhofer-Studie eröffnet Büroplanern, Workplace-Strategen und HR somit eine klare Perspektive: Es geht weniger darum, wie viel Präsenz „richtig“ ist, sondern vielmehr darum, wie Räume und Rahmenbedingungen gestaltet werden müssen, damit die gemeinsame Zeit im Büro die Innovationskraft tatsächlich stärkt.