Sebastian Hölzlein, Mitgründer und Geschäftsführer von Alpha IC, hat mit RESI ein ambitioniertes Pilotprojekt umgesetzt. Im Interview spricht er über seine Vision, moderne Arbeitsräume, Unternehmenskultur und darüber, warum Lowtech ein wichtiger Baustein für zukunftsfähiges Bauen sein könnte.
Herr Hölzlein, was war der Leitgedanke für RESI?
RESI steht für Responsibility, Excellence, Sustainability und Innovation. Diese vier Begriffe spiegeln wider, was wir mit dem Projekt erreichen wollten: ein Gebäude, das ökologisch, funktional und sozial nachhaltig ist. Uns ging es darum, zu zeigen, dass man auch mit reduzierter technischer Komplexität, also mit einer Lowtech-Strategie, ein modernes und zukunftsfähiges Bürohaus realisieren kann. RESI ist für uns ein Pilotprojekt, das verschiedene Ansätze zusammenführt – von der Kreislaufwirtschaft bis hin zu einer neuen Form der Arbeitswelt.
Wie spiegeln sich die Werte, für die RESI steht, im Projekt wider?
RESIs Werte ziehen sich durch alle Entscheidungen, die wir getroffen haben. „Responsibility“ bedeutet für uns, Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes zu übernehmen, etwa indem wir auf recyclingfähige Materialien setzen und einen Gebäuderessourcenpass führen. „Excellence“ steht für Qualität und Klarheit in der Gestaltung, von der Architektur bis zu den Arbeitsplätzen. „Sustainability“ ist der Kern. Das Ziel einer Netto-Null-Energiebilanz ist nur ein Beispiel. „Innovation“ zeigt sich im Mut, Dinge anders zu machen, wie etwa durch den Lowtech-Ansatz oder die konsequent nutzerzentrierte Gestaltung der Arbeitsumgebung und das vertrauensbasierte flexible Arbeitskonzept.
Ihr Gebäude kommt ohne konventionelle Heizungs- und Kühltechnik aus. Wie funktioniert das?
Das ist der Kern der Lowtech-Strategie. Wir arbeiten mit massiven Speichermaterialien, Recycling-Beton und einer intelligenten Luftführung. Über Nacht wird die warme Luft aus dem Gebäude abgeleitet, wodurch es sich auf natürliche Weise abkühlt. Ein kleines elektrisches Heizregister deckt – als Backup – eventuelle Spitzenlasten im Winter ab. Die ersten Rückmeldungen zeigen, dass wir selbst an sehr heißen Sommertagen stabile Raumtemperaturen von 25 bis 26 C halten können, und das ganz ohne aktive Kühlung.
RESI erreicht eine Netto-Null-Energiebilanz. Wie wird das umgesetzt?
Das gelingt über die großflächige Photovoltaikanlage auf dem Dach. Im Jahresmittel produzieren wir mehr Energie, als wir selbst verbrauchen. Überschüsse werden ins Netz eingespeist, Defizite mit dem eigenen Batteriespeicher kurzfristig ausgeglichen. Wir wollten ein Gebäude, das sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich Sinn ergibt. Dank der geringen Betriebskosten können wir Mietern langfristige Planungssicherheit bieten, was gerade in Zeiten steigender Energiepreise ein echter Vorteil ist.
Auch beim Materialeinsatz setzen Sie auf Nachhaltigkeit. Können Sie das näher erläutern?
Wir haben konsequent wiederverwendete und recycelte Materialien eingesetzt. Ein Beispiel sind die Klinkerriemchen an der Fassade, die dem Gebäude eine zeitlose Optik geben, aber bereits eine Vergangenheit haben. Außerdem dokumentiert ein Gebäuderessourcenpass alle Materialien, damit sie am Ende ihres Lebenszyklus wiederverwertet werden können. Für diesen ganzheitlichen Ansatz haben wir von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen 100 von 100 Punkten in der Bewertung unserer Ökobilanz erhalten.
Gab es besondere Herausforderungen bei diesem Prozess?
Oh ja, vor allem in der Anfangsphase. Die größte Hürde war, alte Denkmuster zu durchbrechen, sowohl bei uns selbst als auch bei Partnern. Ein Büro ohne Heizung? Viele konnten sich das anfangs nicht vorstellen. Auch das Arbeiten mit Recyclingmaterialien war Neuland, weil wir Lieferanten überzeugen mussten, ihre Produktionsprozesse anzupassen. Aber genau diese Auseinandersetzungen haben das Projekt geschärft und unsere Überzeugung gestärkt.
Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist auch die Unternehmenskultur bei Alpha IC. Wie spiegeln sich diese Werte im Gebäude wider?
Wir wollten, dass die Mitarbeitenden RESI als ihre neue Heimat verstehen. Deshalb haben wir sie von Anfang an eingebunden – mit Workshops, Feedbackrunden und gemeinsamen Planungen. Dabei ging es nicht nur um die Verteilung der Arbeitsplätze, sondern auch um Konzepte wie Activity-Based Working. Heute haben wir eine moderne Arbeitsumgebung mit offenen Zonen, Rückzugsbereichen, kreativen Workshop-Flächen und Besprechungsräumen. Jeder kann frei wählen, wo und wie er arbeiten möchte, und kann sich dafür seinen Arbeitsplatz buchen.









Sie setzen vollständig auf Vertrauen statt auf Anwesenheitspflicht. Wie funktioniert das in der Praxis?
Wir machen keinerlei Vorgaben, wie oft jemand im Büro sein muss. Arbeits- und Bürozeiten basieren zu 100 % auf Vertrauen. Interessanterweise kommen die Menschen gerade deshalb sehr gern und häufiger ins Büro, weil sie sich dort wohlfühlen und die Begegnung schätzen. Das zeigt, dass eine wertebasierte Führung, die Eigenverantwortung und Wertschätzung in den Mittelpunkt stellt, nachhaltiger wirkt als starre Regeln.
Was bedeutet das für die Rolle des Büros im Arbeitsalltag?
Das Büro ist nicht mehr nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Ort der Begegnung und der Zusammenarbeit. Wir wollten eine Umgebung schaffen, die Teamarbeit fördert, gleichzeitig auch individuelle Arbeitsweisen unterstützt. RESI ist so konzipiert, dass es inspirierend und flexibel zugleich ist. Ein Ort, an dem Menschen gern zusammenkommen.
RESI ist nicht nur Ihr Unternehmenssitz, sondern auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Warum war Ihnen das wichtig?
Wir sehen RESI als Teil der Stadtgesellschaft. Im Erdgeschoss gibt es ein öffentliches Café und externe Firmen können Büroflächen anmieten. Außerdem planen wir, den Platz vor dem Gebäude für kulturelle Veranstaltungen und Community-Events zu nutzen. Das passt zum Charakter des Kulturquartiers Lagarde, das historische Bauten mit neuen Projekten und Start-ups verbindet.
Was macht den Standort Lagarde Campus besonders?
Der Platz der Menschenrechte 1 ist nicht nur eine Adresse, sondern ein Statement. Hier entsteht ein Kulturquartier, das Arbeit, Begegnung und Stadtleben verbindet. Unser öffentliches Café, die Eventflächen und die offene Gestaltung sind Teil dieser Vision. Wir wollen nicht nur ein Bürohaus betreiben, sondern einen Ort, der auch im Quartier wirkt.
Welche Rolle spielt der Austausch mit Start-ups und Technologieunternehmen in diesem Kontext?
Das Umfeld hier ist von Innovation geprägt und wir wollen aktiv dazu beitragen. Der Dialog mit jungen Unternehmen bringt neue Impulse, sowohl für unsere Arbeitsweise als auch für nachhaltige Technologien. RESI soll ein Ort sein, an dem dieser Austausch stattfindet: eine Art Plattform, die verschiedene Akteure zusammenbringt.
Ein auffälliges Element ist das Graffiti „Human Rights Square“ im Eingangsbereich. Was hat es damit auf sich?
Das Graffiti greift den Standort am Platz der Menschenrechte auf. Es ist ein visuelles Statement, das Werte sichtbar macht, ohne belehrend zu wirken. Für uns ist es ein Symbol dafür, dass Verantwortung und Haltung Teil unserer Arbeit sind.
Was war Ihr größtes Learning aus RESI?
Dass radikale Einfachheit oft der beste Weg ist. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, Komplexität zu reduzieren – sei es bei der Technik oder im Bauprozess. Und dass Transparenz der Schlüssel ist: Wir haben alle Kosten offengelegt, um zu zeigen, dass nachhaltiges Bauen nicht zwangsläufig teurer sein muss.
RESI gilt als Vorbild. Was können andere Bauherren daraus lernen?
Mutig zu sein. Man muss nicht alles eins zu eins kopieren, aber RESI zeigt, dass auch mittelständische Unternehmen ambitionierte Klimaziele erreichen können, wenn man konsequent denkt.
Sehen Sie RESI als Modell für andere Projekte?
Ich glaube, RESI kann Impulse geben. Es zeigt, dass Lowtech und Kreislaufprinzipien auch bei modernen Bürogebäuden funktionieren können und wirtschaftlich leistbar sind. Aber natürlich stellt sich die Frage, wie solche Konzepte in anderen Klimazonen oder bei größeren Nutzungsstrukturen umgesetzt werden können. Wir lernen hier jeden Tag dazu und verstehen RESI als Experiment, das wachsen und sich weiterentwickeln darf.
Wie sehen Sie die Zukunft des Bauens?
Ich glaube, wir werden mehr Lowtech-Gebäude sehen, die robuster und einfacher sind. Digitalisierung und KI können das ergänzen, aber nicht ersetzen. Wir müssen Gebäude entwerfen, die auch in 50 Jahren noch funktionieren, ohne dass die Technik überholt ist. Nachhaltigkeit bedeutet für mich Langlebigkeit, sowohl bei Materialien als auch bei Konzepten.
Wird Lowtech Ihrer Meinung nach zum neuen Hightech?
Das ist vielleicht etwas zugespitzt formuliert, aber ich denke, wir müssen umdenken. Statt immer mehr Technik einzubauen, sollten wir stärker auf die Intelligenz von Architektur, Materialität und Nutzerverhalten setzen. Lowtech ist dabei kein Rückschritt, sondern ein anderer Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit und Effizienz.
Herr Hölzlein, vielen Dank für das Gespräch.