Kartenschatten

Newsroom

Das Büro unter Druck: Büroinfrastruktur, Homeoffice-Wunsch und Präsenzkultur

Workplaces

Coworking-Situation. PIXEL von Bene
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
5 Minuten

Die neue Sonderauswertung der Konstanzer Homeoffice-Studie liefert der Büromöbelbranche eine Botschaft, die nachdenklich stimmen sollte: Nicht der Renovierungsstand eines Büros entscheidet darüber, ob Beschäftigte lieber vor Ort oder von zu Hause arbeiten, sondern ob der Arbeitsplatz einen individuellen Rückzugsraum bietet.

Ob sich Investitionen in neue Büroflächen auszahlen, wird in vielen Unternehmen zunehmend kritisch hinterfragt, vor allem, wenn Beschäftigte trotz frisch gestalteter Büros lieber im Homeoffice bleiben. Die aktuelle Sonderauswertung der Konstanzer Homeoffice-Studie liefert dazu belastbare Daten. Für die 19. Befragungswelle wurden 1.017 Beschäftigte mit Homeoffice-Möglichkeit befragt, repräsentativ nach Alter und Geschlecht für die entsprechende Erwerbsbevölkerung in Deutschland. Im Zentrum stand erstmals die physische Büroinfrastruktur: Büroform, Desksharing, Begegnungsflächen – und ihr Zusammenhang mit dem Wunsch nach Homeoffice. Die Ergebnisse liefern der Möbel- und Planungsbranche konkrete Ansatzpunkte, an denen Investitionen tatsächlich wirken.

Klassische Büroformen dominieren, aktivitätsbasierte Konzepte bleiben Nische

Die deutsche Bürolandschaft ist überwiegend klassisch möbliert. 49 Prozent der Befragten teilen sich ein Büro mit zwei bis neun festen Plätzen, 29 Prozent haben ein Einzelbüro. Flexible, aktivitätsorientierte Büros, die je nach Tätigkeit unterschiedliche Zonen und Möblierungen bereitstellen, kommen dagegen nur auf 6 Prozent, obwohl gerade diese Konzepte, wie unsere Daten zeigen, messbare Vorteile bieten. Beim Arbeitsplatzmodell dominiert weiterhin der feste, persönlich zugewiesene Schreibtisch (76 Prozent); 24 Prozent teilen sich den Arbeitsplatz im Desksharing, vor allem in großen, offenen Büroformen.

Fehlende Begegnungsflächen im Büro sind messbar spürbar

Arbeitgeber begründen den Ruf nach mehr Büropräsenz meist mit dem Austausch und der Unternehmenskultur. Doch 35 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem Büro keine Begegnungs- oder Interaktionsflächen vorhanden sind – ein Anteil, der seit 2022 (damals 33 Prozent) eher gestiegen als gesunken ist. In flexibel-aktivitätsorientierten Büros sind es dagegen nur 14 Prozent. Diese Büroform hängt zudem mit etwas höherer kollegialer Unterstützung sowie geringerer Erschöpfung und Einsamkeit zusammen. Bei der berichteten subjektiven Leistung der Mitarbeitenden zeigen sich dagegen kaum Unterschiede. Für die Büromöbelbranche ist das ein handfestes Argument: Gut gestaltete Begegnungs- und Rückzugszonen sind kein Komfortextra, sondern zahlen sich nachweislich auf das Wohlbefinden der Nutzenden aus.

Lesen Sie auch

Palmberg, Co-Area Bild mit P5 Regalen.
Workplace Design Soziale Interaktion im Büro: Welche Rolle Raumgestaltung für Beziehungen spielt

Desksharing ohne Kompensation treibt ins Homeoffice

Der deutlichste Befund betrifft den Zusammenhang zwischen dem Arbeitsplatzmodell und der Homeoffice-Präferenz. Beschäftigte im Desksharing wünschen sich im Schnitt 3,40 Homeoffice-Tage pro Woche, Beschäftigte mit festem Platz nur 2,59 Tage. Ein Drittel der Desksharing-Nutzenden möchte sogar komplett von zu Hause aus arbeiten; bei festem Arbeitsplatz sind es nur 15 Prozent. Auch die Bürogröße wirkt in dieselbe Richtung: Im Einzelbüro liegt der gewünschte Homeoffice-Anteil bei 2,34 Tagen, in Großraumbüros mit mehr als 24 Plätzen bei 3,56 Tagen. Desksharing und offene Großraumkonzepte sind also nicht per se das Problem, aber ohne kompensierende Elemente wie persönlichen Stauraum, Territorialsignale oder Rückzugsmöglichkeiten verstärken sie den Wunsch, dem Büro fernzubleiben.

Renovierung ist nicht der Hebel

Besonders relevant für die Branche: Der Renovierungsstand des Büros macht kaum einen Unterschied. Wer in einem in den letzten sechs Jahren renovierten Büro arbeitet, wünscht sich im Schnitt 2,7 Homeoffice-Tage, wer in einem älteren Büro arbeitet, 2,9 Tage – ein eher kleiner Unterschied. Entscheidend scheint also nicht zu sein, ob ein Büro neu möbliert wurde, sondern ob es einen individuellen, persönlichen Arbeitsplatz bietet. Neue Möbel allein lösen das Präsenzproblem der Unternehmen nicht. Ein richtiges, ganzheitliches Konzept dahinter schon eher.

Was das für Hersteller und Planende bedeutet

Für Büromöbelhersteller und Planungsbüros bieten die Daten drei Ansatzpunkte. Erstens: Der Wunsch nach einem individuellen, persönlichen Arbeitsplatz ist in der deutschen Arbeitskultur weiterhin fest verankert. Desksharing-Konzepte brauchen deshalb durchdachte Kompensation, etwa durch persönlichen Stauraum, Buchungssysteme mit Wiedererkennungswert oder klar zugeordnete Zonen. Zweitens: Begegnungs- und informelle Interaktionsflächen sind bei einem Drittel der Unternehmen schlichtweg nicht vorhanden. Hier liegt ein deutliches ungenutztes Marktpotenzial, zumal der Effekt auf das Wohlbefinden und den Zusammenhalt empirisch belegt ist. Drittens: Das Verkaufsargument sollte sich von reiner Modernisierung hin zu einem klaren Nutzenversprechen verschieben. Ein Büro muss sich für Beschäftigte und Unternehmen lohnen, nicht nur neu aussehen.

Lesen Sie auch

Febrü Flexrack
Workplace of Tomorrow Was Menschen von Gebäuden erwarten und warum Anpassungsfähigkeit zur Grundanforderung wird

Zur Studie:
Die Konstanzer Homeoffice-Studie untersucht seit Frühjahr 2020 unter Leitung von Prof. Dr. Florian Kunze (Universität Konstanz, Future of Work Lab) fortlaufend, wie sich mobiles und hybrides Arbeiten in Deutschland entwickelt. Die aktuelle Sonderauswertung zur Büronutzung basiert auf der 19. Befragungswelle mit 1.017 Teilnehmenden und ist Teil des vollständigen Ergebnisreports „Das Büro unter Druck: Büroinfrastruktur, Homeoffice-Wunsch und Präsenzkultur in Deutschland 2026“ (Juni 2026).

Die Autoren: 
Prof. Dr. Florian Kunze ist Inhaber des Lehrstuhls für Organizational Behavior und Leiter des Future of Work Lab an der Universität Konstanz sowie Principal Investigator am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Amelie Marie Fischer ist PhD-Forscherin im Bereich Organizational Behavior an der Universität Konstanz und Beraterin für Organisationskultur und Transformation.

Titelbild: © Bene