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Mobiles Arbeiten ist mehr als Homeoffice: Alexandra Bernhardt über Coworking Spaces als professionelle Arbeitsorte

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Alexandra Bernhardt, German Coworking Federation
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
7 Minuten

Mobiles Arbeiten wird in vielen Unternehmen noch immer vor allem mit Homeoffice verbunden. Gleichzeitig gewinnen weitere Arbeitsorte zwischen Unternehmensbüro und privatem Arbeitsplatz an Bedeutung. Coworking Spaces bieten professionelle Infrastruktur, flexible Nutzungsmöglichkeiten und soziale Anbindung. Im Interview mit dem IBA Forum spricht Alexandra Bernhardt von der German Coworking Federation darüber, wie sich Coworking entwickelt hat, welche Nutzergruppen heute dort arbeiten und welche Rolle Coworking Spaces künftig in Workplace-Strategien spielen können.

Frau Bernhardt, wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Wo hat Coworking die deutsche Arbeitskultur bereits sichtbar verändert?

Coworking hat vor allem dazu beigetragen, Arbeit als sozialen Prozess zu begreifen. Es geht nicht nur um einen Schreibtisch oder einen Raum, sondern um Austausch, Zusammenarbeit und darum, voneinander zu lernen. In Coworking Spaces treffen Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen, Branchen und beruflichen Kontexten aufeinander. Dadurch entsteht eine andere Dynamik als in klassischen Organisationsstrukturen. Zudem wurden dort viele Arbeitsformen früh erprobt, die heute auch in Unternehmen diskutiert werden, etwa die flexible Nutzung von Arbeitsplätzen, unterschiedliche Zonen für verschiedene Tätigkeiten oder ein stärker selbstbestimmter Umgang mit Arbeit. Insofern waren Coworking Spaces in vielen Fragen Vorreiter heutiger Workplace-Diskussionen.

Das Bild vom Coworking Space als Ort für Freelancer mit Laptop hält sich hartnäckig. Doch wie sieht die Realität heute aus?

Dieses Bild greift inzwischen deutlich zu kurz. Natürlich nutzen weiterhin Selbstständige, Gründer*innen oder kleinere Teams Coworking Spaces. Gleichzeitig ist die Nutzerstruktur wesentlich breiter geworden. Heute arbeiten dort auch Angestellte, Remote-Beschäftigte, Projektteams oder Mitarbeitende größerer Unternehmen, die wohnortnah arbeiten möchten. Gerade seit der Pandemie ist die Zahl derer gestiegen, die flexibel arbeiten möchten, aber nicht ausschließlich im Homeoffice. Coworking ist damit deutlich vielfältiger geworden.

Ist Coworking somit bereits Teil klassischer Workplace-Strategien?

In Teilen ja, allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt. Größere Unternehmen beziehen Coworking zunehmend in ihre Überlegungen ein, beispielsweise als dezentrale Ergänzung zum Hauptstandort, für regionale Teams oder zur Reduzierung von Pendelwegen. Bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen ist dieses Denken hingegen noch wenig verbreitet. Dort wird mobiles Arbeiten häufig primär mit dem Homeoffice gleichgesetzt. Gerade hier gibt es noch Entwicklungspotenzial, weil Coworking zusätzliche Optionen eröffnen kann.

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Auf dem Wherever Whenever – Work Culture Festival sprechen Sie über mobiles Arbeiten jenseits des Homeoffice. Welche Funktionen erfüllen Coworking Spaces, die das Homeoffice nicht in gleicher Weise leisten kann?

Ein wichtiger Punkt ist die professionelle Infrastruktur. Nicht jede*r verfügt zu Hause über ein separates Arbeitszimmer, ergonomische Ausstattung oder geeignete Räume für Besprechungen. Coworking Spaces bieten diese Voraussetzungen in der Regel standardmäßig. Hinzu kommt die soziale Komponente. Wer ausschließlich zu Hause arbeitet, dem fehlt der Austausch mit anderen jenseits von Arbeitsmeetings und kann sich mitunter sozial isoliert fühlen. Coworking Spaces schaffen Zugang zu einem beruflichen und sozialen Netzwerk. Man arbeitet eigenständig, ist aber dennoch in eine Gemeinschaft eingebunden und hat die Möglichkeit, am gemeinschaftlichen Mittagessen oder an der Netzwerkveranstaltung am Abend teilzunehmen. Außerdem ist die räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben wichtig, die durch die Nutzung von Coworking Spaces geschaffen wird. Für viele Menschen ist es entlastend, einen klaren Arbeitsort zu haben und die Arbeit nicht dauerhaft in den privaten Raum zu verlagern.

Wo sehen Sie die größten Missverständnisse, wenn Unternehmen Coworking in ihre Modelle integrieren möchten?

Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Coworking Spaces nur als Notlösung oder Ausweichort zu betrachten. Dadurch wird ihr Potenzial unterschätzt. Coworking kann Teil einer strategischen Arbeitsortlogik sein – neben Unternehmenssitz und Homeoffice. Ein weiterer Punkt ist die Annahme, dass Coworking automatisch funktioniert. Auch hierfür braucht es klare Regeln, passende Zielgruppen und die Überlegung, welche Tätigkeiten sich eignen. Wichtig ist, die Mitarbeitenden zu begleiten und Hilfestellung zu geben, wenn Coworking Spaces neu genutzt werden. Coworking Spaces sind kein Ersatz für jedes Büro, aber in vielen Konstellationen eine sinnvolle Ergänzung – sei es als Orte für Workshops oder Meetings, damit Fachkräfte in anderen Regionen erreicht werden oder damit es den Mitarbeitenden ermöglicht wird, weniger zu pendeln und wohnortnah zu arbeiten.

Welche Kriterien sind aus Nutzersicht entscheidend für die Qualität eines Coworking Spaces?

Das hängt stark von den individuellen Anforderungen ab. Während manche Menschen Ruhe und konzentrierte Arbeitsbedingungen benötigen, schätzen andere eine lebendigere Atmosphäre. Deshalb ist Passung ein zentrales Kriterium. Natürlich sind auch ergonomische Arbeitsplätze, gute Technik, eine verlässliche Infrastruktur und geeignete Rückzugsmöglichkeiten wichtig. Ebenso relevant ist jedoch die Atmosphäre: Fühlt man sich dort wohl? Passt die Arbeitskultur? Gibt es Möglichkeiten zum Austausch? Viele Spaces bieten Probearbeitstage an. Das ist sinnvoll, da sich die Qualität oft erst im tatsächlichen Nutzungserlebnis zeigt.

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Welche Bedeutung haben Themen wie Ergonomie, Akustik und Möblierung inzwischen für Coworking-Angebote?

Eine deutlich größere als noch in den Anfangsjahren. Die Branche hat sich professionalisiert. Mit einer breiteren Nutzerbasis steigen auch die Erwartungen an die Ausstattung und die Arbeitsqualität. Ergonomische Möbel, höhenverstellbare Tische, gute Akustiklösungen, Telefonboxen oder Rückzugsräume sind heute vielerorts zentrale Themen. Gerade auf offenen Flächen ist die Akustik ein entscheidender Faktor. Zugleich spielt die Gestaltung weiterhin eine wichtige Rolle. Räume sollen funktional sein, aber auch eine hohe Aufenthaltsqualität bieten. Diese Verbindung aus Funktion und Atmosphäre ist für viele Coworking Spaces charakteristisch.

Wo sehen Sie die spannendsten Schnittstellen zwischen Coworking Spaces, klassischen Büros und Workplace-Planung?

Coworking Spaces sind interessante Lernorte für die Frage, wie flexible Arbeitsumgebungen tatsächlich genutzt werden. Dort lässt sich beobachten, welche Zonen funktionieren, wie Menschen zwischen Fokusarbeit und Austausch wechseln und welche Rolle die Gemeinschaft spielt. Umgekehrt bringen klassische Workplace-Planung und die Büromöbelbranche viel Expertise in den Bereichen Ergonomie, Flächeneffizienz, Akustik und systematische Raumgestaltung mit. Daraus ergeben sich sinnvolle Schnittstellen. Besonders spannend ist dabei die Frage, wie Arbeitsorte entstehen, die sowohl produktives Arbeiten als auch Begegnungen ermöglichen.

Welche Themen werden die German Coworking Federation in den kommenden Jahren besonders beschäftigen?

Ein Schwerpunkt wird weiterhin der Austausch innerhalb der Branche sein. Coworking Spaces sehen sich – wie viele andere Arbeitsorte auch – mit wirtschaftlichen, organisatorischen und strategischen Fragen konfrontiert. Vernetzung und Wissenstransfer sind deshalb nach wie vor wichtig, sowohl nach außen als auch nach innen. Entscheidend geprägt werden Coworking Spaces vor allem durch die Menschen, die dort arbeiten und sich treffen, d. h. ihre Communitys. Darüber hinaus geht es um politische und gesellschaftliche Themen wie nachhaltigere Mobilität, wohnortnahes Arbeiten, die Belebung ländlicher Räume oder neue Formen der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Coworking berührt viele dieser Fragen unmittelbar.

Woran würden Sie erkennen, dass Coworking in der deutschen Arbeitskultur wirklich angekommen ist?

Wenn Coworking nicht mehr als Sonderfall betrachtet wird, sondern als eine von mehreren legitimen Arbeitsortoptionen selbstverständlich ist. Und wenn stärker verstanden wird, dass Coworking mehr sein kann als das Bereitstellen von Arbeitsplätzen, nämlich dass Coworking Spaces Orte sind, an denen auch Austausch, Vernetzung, Lernen und Gemeinschaft stattfinden.

Frau Bernhardt, vielen Dank für das Gespräch.

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Dr. Alexandra Bernhardt ist Arbeitssoziologin und Expertin für Coworking und neue Arbeitsorte. Als Vorstandsmitglied der German Coworking Federation engagiert sie sich für die Vernetzung der Coworking-Community und den Austausch zwischen Forschung und Praxis. Sie ist Autorin des Buches Coworking-Atmosphären, das die Rolle räumlicher Atmosphären im Kontext von Coworking-Spaces untersucht. Beruflich arbeitet sie im Projekt ZeTT – Zentrum Digitale Transformation Thüringen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo sie Unternehmen zu mobilem und gesundem Arbeiten berät und Workshops dazu durchführt. Weitere Informationen: alexandrabernhardt.bio.link

Titelbild: re:publica