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R‑evolve: Warum der Digitale Produktpass Governance braucht

Nachhaltigkeit

R-evolve Update zum Thema Digitaler Produktpass
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
6 Minuten

Die Diskussion um den Digitalen Produktpass ist in der Büromöbelbranche längst angekommen. Im Rahmen des EU-Projekts R‑evolve, über das im IBA Forum bereits mehrfach berichtet wurde, verschiebt sich der Fokus nun von der grundsätzlichen Idee hin zur konkreten Ausgestaltung. Im aktuellen Projekt-Update geht es um das sogenannte DPP Governance Framework. Es adressiert die Frage, wie sich Daten so organisieren lassen, dass sie in der gesamten Wertschöpfungskette nutzbar, verlässlich und vertrauenswürdig sind. Damit rückt weniger die Technik als vielmehr die praktische Umsetzung in den Vordergrund.

Vom Zukunftsbild zur Umsetzungsfrage

Ausgangspunkt ist ein Szenarioprozess, in dem zwei mögliche Zukunftsbilder für die europäische Möbelbranche entwickelt wurden: „Europe Leads the Way“ und „Patchwork of Unfinished Change“. Während das erste Szenario eine erfolgreiche Transformation durch Regulierung, Innovation und Zusammenarbeit beschreibt, steht das zweite für fragmentierte Fortschritte und verpasste Chancen. Als strategische Orientierung für R‑evolve wurde das positive Szenario gewählt. Es macht deutlich, dass eine kreislauforientierte Möbelwirtschaft nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch koordinierte Schritte, langfristige Investitionen und eine gemeinsame Infrastruktur entsteht. Hier kommt der Digitale Produktpass ins Spiel. Er soll die verlässliche Informationsbasis schaffen, auf der zirkuläre Geschäftsmodelle überhaupt erst aufbauen können, und zwar von langlebigen und reparierbaren Produkten über After-Sales-Services und Wiederverwendung bis hin zu Wiederverkauf, Ersatzteilmanagement und Materialrecycling. Die wichtigste Erkenntnis: Nahezu alle zirkulären Geschäftsmodelle sind in der einen oder anderen Form auf belastbare DPP-Daten angewiesen.

Governance statt reine Technikfrage

Im Projekt wird klar zwischen DPP-System und DPP-Daten unterschieden. Das System meint die technische Seite wie Datenträger, Register, Schnittstellen, Interoperabilität und Speicherstrukturen. Die Daten betreffen hingegen die inhaltliche Ebene und Fragen wie: Welche Informationen werden benötigt? Wer liefert sie? Wer darf darauf zugreifen? Und wie wird sichergestellt, dass sie korrekt, vollständig und aktuell sind? Genau hier setzt das Governance Framework an. Es fragt nach den Bedürfnissen der verschiedenen Akteure und nach den Regeln, die nötig sind, damit ein Digital Product Passport (DPP) in der Praxis funktioniert. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Daten digital abzubilden. Sie besteht vielmehr darin, diese Daten so zu organisieren, dass Unternehmen, Dienstleister, öffentliche Beschaffer, Marktüberwachung und Kunden sie sinnvoll nutzen können. Vertrauen ist dabei eine Grundvoraussetzung. Denn wer Daten bereitstellt, muss sicher sein können, dass sensible Informationen geschützt bleiben und nur nach dem Need-to-know-Prinzip zugänglich sind. Wer Daten nutzt, muss sich darauf verlassen können, dass sie aktuell, vollständig und belastbar sind. Ohne diese wechselseitige Vertrauensbasis bleibt der Digitale Produktpass ein formales Instrument mit begrenztem Nutzen für die Kreislaufwirtschaft. Gerade für Hersteller von Büro- und Objektmöbeln wird deutlich: Der Digitale Produktpass lässt sich nicht einfach überstülpen. Er verlangt nach abgestimmten Datenprozessen für Entwicklung, Einkauf, Produktion, Vertrieb und Services sowie nach klaren Verantwortlichkeiten für Inhalt und Qualität der Daten.

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Hürden in der praktischen Umsetzung

Derzeit stehen einer breiten Umsetzung mehrere Hindernisse entgegen. Dazu zählen die Fragmentierung der Möbelbranche, begrenzte Transparenz in vorgelagerten Lieferketten, unklare Grundsätze für Data Stewardship, offene Fragen zu Zugriffsrechten und Vertraulichkeit sowie eine generelle Zurückhaltung, Daten über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus zu teilen. Diese Punkte machen deutlich, dass eine isolierte Einführung des DPP nicht möglich ist. Unternehmen benötigen klare Prozesse, verlässliche Datenstrukturen und tragfähige Vereinbarungen mit Lieferanten und Partnern. Auch vertragliche Regelungen spielen eine wichtige Rolle. Wenn bestimmte Informationen nicht automatisch aufgrund von regulatorischen Vorgaben bereitgestellt werden, müssen Unternehmen sie gegebenenfalls über Lieferantenverträge absichern. Gleichzeitig zeigen Studien zu neuen Bürokonzepten und hybrider Arbeit, dass strukturierte, verlässliche Daten eine zentrale Grundlage für Planung, Steuerung und Transparenz in der gesamten Wertschöpfungskette sind.

Klar umrissene Anwendungsfälle für den Start

Zur weiteren Ausarbeitung hat R‑evolve Modellstudien entwickelt, die wesentliche Kreislaufpfade der Möbelbranche abbilden. Dazu gehören Produktstrategien, die die Langlebigkeit und Upgradefähigkeit berücksichtigen, lebensdauerverlängernde Services, Wiederverwendung und Wiederverkauf sowie Materialrecycling. Ergänzend werden Querschnittsthemen wie Umweltleistungsdaten, strategische Vorbereitung und Compliance, Marktüberwachung sowie die Perspektive von Kunden und öffentlichen Beschaffern betrachtet. Dabei geht es nicht darum, von Beginn an einen maximal komplexen Datensatz zu definieren. Vielmehr soll ein handhabbarer, nützlicher und überprüfbarer Ausgangspunkt geschaffen werden, der sich später weiterentwickeln lässt. Für Unternehmen bietet das die Möglichkeit, mit klar umrissenen Anwendungsfällen zu starten, etwa mit DPP-Daten für ein bestimmtes Produktsegment, und daraus Schritt für Schritt zu lernen.

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Testen, lernen, skalieren

Das Governance Framework wird im Projektverlauf schrittweise weiterentwickelt. Eine erste Fassung ist bereits erstellt, weitere Versionen folgen im Zusammenhang mit Interviews, Workshops und Pilotanwendungen. Sechs Unternehmen testen derzeit die Umsetzung digitaler Produktpässe in unterschiedlichen Produkt- und Anwendungskontexten, unter anderem für Küchen, Sitzmöbel, Schul- und Büromöbel sowie Polstermöbel. Perspektivisch sollen mindestens 15 weitere Unternehmen das Governance Framework im Rahmen der großflächigen Pilotanwendung erproben. Besonders wichtig ist dabei der Lerneffekt aus der Praxis. Bereits das Simulation Game im R‑evolve-Workshop im Herbst 2025 in Kopenhagen hat gezeigt, dass automatisierte IT-Prozesse, transparente Stücklisten, gut strukturierte Lieferantenverträge, klare Verantwortlichkeiten und Capacity Building zentrale Erfolgsfaktoren sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, sondern auch innerhalb der Organisationen selbst nötig ist. Das heißt, Entwicklung, Einkauf, Vertrieb, Nachhaltigkeits- und IT-Teams müssen beim DPP enger zusammenarbeiten als bisher.

Fazit: Der Digitale Produktpass braucht gemeinsame Regeln

Der Digitale Produktpass hat das Potenzial, für die Möbelbranche zu einem entscheidenden Baustein der Kreislaufwirtschaft zu werden. Er macht Produktinformationen verfügbar, unterstützt zirkuläre Geschäftsmodelle und kann Qualität, Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit sichtbarer machen. Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, sind jedoch mehr als rein technische Lösungen erforderlich. Entscheidend sind gemeinsame Regeln, klare Verantwortlichkeiten und eine Governance, die Datenqualität, Vertrauen und Zusammenarbeit sicherstellt. Für die Unternehmen im Umfeld des IBA bietet das Governance Framework von R‑evolve eine wichtige Orientierungshilfe. Es zeigt, welche Rollen, Datenschnittstellen und Kooperationsformen benötigt werden, um aus dem Digitalen Produktpass ein tragfähiges Fundament für zirkuläre Geschäftsmodelle zu machen. R‑evolve leistet hier einen wesentlichen Beitrag, indem das Projekt den DPP nicht nur als digitales Werkzeug, sondern als Infrastruktur für eine zukunftsfähige, kreislauforientierte Möbelwirtschaft versteht.

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R‑evolve ist ein EU-Projekt im Rahmen von Horizon Europe (HORIZON-CL6-2024-CircBio-01–3) zur Kreislaufwirtschaft in der Möbelbranche; Ergebnisse u. a. aus einem Innovation Camp in Kopenhagen fließen in Pilotprojekte und die Vorbereitung künftiger ESPR-Vorgaben ein. Weitere Informationen: https://www.ifz.at/projekt/r‑evolve-den-wandel-der-moebelindustrie-richtung-kreislaufwirtschaft-einleiten und https://r‑evolve.eu/.
 

Titelbild: iStock @ismagilov