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Warum viele Büros weder KI-ready noch human-ready sind

WW – Work Culture Festival

Architekturpsychologin und Workplace-Strategin Manuela Lieber
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
5 Minuten

Künstliche Intelligenz verändert derzeit nicht nur Prozesse, sondern die Art, wie Menschen arbeiten, entscheiden und zusammenarbeiten. Doch viele Arbeitsumgebungen sind noch immer für eine Arbeitswelt konzipiert, die zunehmend verschwindet. Architekturpsychologin und Workplace-Strategin Manuela Lieber erklärt, warum die KI-Transformation auch eine Raumtransformation ist und welche Anforderungen künftig an Arbeitsumgebungen gestellt werden.

Frau Lieber, Sie sagen, viele Büros seien heute weder KI-ready noch human-ready. Was meinen Sie damit?

Viele Unternehmen investieren derzeit massiv in KI-Technologien, arbeiten aber weiterhin in Arbeitsumgebungen, die weder auf konzentriertes Denken noch auf die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI ausgelegt sind. KI-ready bedeutet für mich, dass Menschen nahtlos zwischen Fokusarbeit, dem Dialog mit KI-Systemen und kollaborativen Entscheidungsprozessen wechseln können. Human-ready bedeutet, dass Arbeitsumgebungen die neuropsychologischen Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen – also Sicherheit, Orientierung, Zugehörigkeit und die Möglichkeit, konzentriert zu arbeiten. Das Problem ist: Die meisten Büros erfüllen heute keines von beidem. Sie wurden für administrative Bildschirmarbeit entwickelt. Die Arbeit verändert sich jedoch grundlegend, unsere Räume dagegen häufig nicht.

Welche Veränderungen beobachten Sie bereits heute im Arbeitsalltag durch KI?

Die größte Veränderung besteht darin, dass Arbeit dialogischer wird. Menschen tippen nicht mehr nur Informationen in Systeme ein. Sie sprechen mit KI-Anwendungen, entwickeln Ideen gemeinsam mit ihnen, reflektieren Ergebnisse und treffen Entscheidungen auf einer neuen Grundlage. Dadurch entstehen völlig neue Anforderungen an Arbeitsumgebungen. Es wird mehr gesprochen, mehr diskutiert und mehr gemeinsam gedacht. Gleichzeitig nimmt die Informationsdichte weiter zu. Aufmerksamkeit wird damit zu einer der wichtigsten Ressourcen überhaupt. Hinzu kommt, dass KI zunehmend Routinetätigkeiten übernimmt. Für Menschen bleiben vor allem die anspruchsvolleren Aufgaben: bewerten, priorisieren, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Genau diese Tätigkeiten benötigen Umgebungen mit hoher kognitiver Qualität. KI wirkt dabei wie ein Beschleuniger. Gute Arbeitsumgebungen werden wirksamer, schlechte werden schneller zum Problem. Wenn heute bereits Fokusräume fehlen, Austauschflächen nicht funktionieren oder die technische Infrastruktur nicht auf moderne Arbeitsweisen ausgerichtet ist, werden diese Defizite im KI-Zeitalter noch deutlicher. Wir brauchen deshalb künftig weniger Flächen für reine Verwaltung und mehr Räume für Deep Work, Mensch-KI-Kollaboration und hochwertige Zusammenarbeit.

Welche Rolle spielt die Architekturpsychologie dabei?

Die Architekturpsychologie beschäftigt sich mit der Frage, wie Räume unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen. Räume wirken auf uns, auch wenn wir diese Wirkung oft nicht bewusst wahrnehmen. Licht, Akustik, Materialien, Farben oder Raumproportionen beeinflussen beispielsweise unser Stressniveau und damit auch unsere Leistungsfähigkeit. Im KI-Zeitalter wird dieses Wissen noch wichtiger. Wenn die Anforderungen an unsere Aufmerksamkeit und unsere kognitive Leistungsfähigkeit steigen, müssen wir besser verstehen, welche Umgebungen Menschen unterstützen und welche sie unbewusst belasten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur: Welche Technologie nutzen wir? Sondern auch: Unter welchen räumlichen Bedingungen können Menschen ihr Potenzial überhaupt entfalten?

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Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Defizite heutiger Büros?

Viele Büros sind weder für konzentriertes Arbeiten noch für echte Erholung ausgelegt. Besonders problematisch sind permanente Unterbrechungen durch schlechte Akustik, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und monotone, reizarme Umgebungen. Hinzu kommt ein Planungsfehler, den ich in vielen Organisationen beobachte. Büroflächen werden häufig unter dem Blickwinkel von Quadratmetern, Auslastungsquoten oder Möblierung betrachtet. Die eigentliche Frage müsste jedoch lauten: Welche Tätigkeiten werden hier ausgeübt und welche Bedingungen benötigen Menschen, um diese Tätigkeiten erfolgreich auszuführen? Genau diese Perspektive fehlt oft.

Wie sieht aus Ihrer Sicht ein erfolgreiches KI-Büro in fünf Jahren aus?

Ein erfolgreiches KI-Büro erkennt man nicht zwangsläufig an mehr Technologie. Man erkennt es daran, dass Menschen dort besser denken, entscheiden und zusammenarbeiten können – sowohl mit anderen Menschen als auch mit KI-Systemen. Es bietet aktivitätsbasierte Arbeitsumgebungen für unterschiedliche Anforderungen, berücksichtigt aber gleichzeitig konsequent neuropsychologische Faktoren. Denn auch im KI-Zeitalter bleibt unser Gehirn ein biologisches System. Es reagiert auf Stress, Reizüberflutung und Unterbrechungen genauso wie heute. Unternehmen sollten deshalb nicht allein von Tätigkeiten ausgehen, sondern stärker vom Menschen und seinen Bedürfnissen. Arbeitsumgebungen müssen sowohl unterschiedliche Persönlichkeitstypen als auch die Unternehmenskultur, die Arbeitsweisen und die neuropsychologischen Anforderungen berücksichtigen. Die Zukunft gehört deshalb nicht den technischsten oder schönsten Büros, sondern den wirksamsten. Denn am Ende entscheidet nicht die beste KI über den Unternehmenserfolg, sondern die Qualität der Entscheidungen, die Menschen mit ihrer Hilfe treffen.

Frau Lieber, vielen Dank für das Gespräch.

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Manuela Lieber ist Betriebswirtin, Architekturpsychologin und Workplace-Strategin. Sie verbindet Erfahrungen aus internationalen Unternehmen mit Erkenntnissen aus Neuropsychologie, Architektur und Organisationsentwicklung. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Arbeitsumgebungen gestaltet werden müssen, damit Menschen konzentriert, gesund und leistungsfähig arbeiten können. Auf dem Wherever Whenever – Work Culture Festival spricht sie über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Arbeitsweisen und darüber, warum viele Büros heute weder KI-ready noch human-ready sind.

Titelbild: ©Manuela Lieber