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Zirkuläres Bauen im Büro: Vom Konzept zur gelebten Praxis

Nachhaltigkeit

KI-generiertes Bild zum Thema Zirkuläres Bauen
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
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Die Diskussion um Klimaschutz, Ressourcenknappheit und neue Arbeitsformen rückt den Gebäudebestand von Unternehmen zunehmend in den Fokus. Besonders Büro- und Verwaltungsgebäude stehen dabei im Zentrum, da sie sich vergleichsweise gut für zirkuläre Strategien eignen.

Doch was genau ist zirkuläres Bauen?

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) definiert zirkuläres Bauen als Ansatz, bei dem Akteure der Bau- und Immobilienwirtschaft den Gebäudebestand als wertvolle Materialquelle wahrnehmen, bestehende Materialströme intensiv nutzen und eine langfristige Verwendung in geschlossenen Kreisläufen anstreben, sodass im Idealfall kein Abfall entsteht. Zentrale Elemente sind aus DGNB-Sicht der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, die lebenszyklusorientierte Planung, eine rückbau- und recyclingfreundliche Ausführung sowie der Verzicht auf kritische Inhaltsstoffe. Mithilfe des DGNB-Systems für Rückbau und der entwickelten Zirkularitätsindizes lässt sich heute nicht nur der Neubau, sondern auch der Rückbau von Gebäuden systematisch hinsichtlich der Kreislauffähigkeit bewerten. Damit wird deutlich: Zirkuläres Bauen umfasst den gesamten Lebenszyklus vom ersten Entwurf über Umbauten im Bestand bis hin zur Demontage und Weiterverwendung von Bauteilen.

Zirkularität beginnt im Bestand und im Entwurf

Aktuelle Forschung zu europäischen Beispielprojekten zeigt, dass sich CO₂-Emissionen und Primärrohstoffe besonders dann einsparen lassen, wenn nicht neu gebaut, sondern vorhandene Strukturen weiterentwickelt werden. Während sich durch Materialwahl und Konstruktion relevante Einsparungen erzielen lassen, liegt der größte Hebel dort, wo Planung und Entwurf, also in sehr frühen Projektphasen, einen späteren Umbau, eine spätere Umnutzung und bei sich änderndem Bedarf Flächenreduktion ermöglichen. In Fachdebatten und jüngeren Praxisbeispielen wird deshalb betont, dass zirkuläre Architektur nicht beim Material, sondern bei der Aufgabenstellung beginnt. Was wird wirklich gebraucht, was ist bereits vorhanden und welche zukünftigen Nutzungen müssen mitgedacht werden? Diese Perspektive erweitert das Verständnis vom zirkulären Bauen. Sie lenkt den Fokus weg von der rein technischen Optimierung in Bezug auf Recyclingquoten und CO₂-Bilanz und hin zu einer Entwurfs- und Planungskultur, die Bestandserhalt und Umbaufähigkeit systematisch priorisiert.

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Drei Dimensionen zirkulärer Architektur

In der Praxis hat sich ein Verständnis von Zirkularität herausgebildet, das drei Dimensionen umfasst: eine konstruktiv-technische, eine materialästhetische und eine soziofunktionale. In der konstruktiv-technischen Dimension geht es um reversible, modulare und sortenrein trennbare Systeme, also um Konstruktionen, die demontierbar und wiederverwendbar sind und gleichzeitig im Alltag robust funktionieren. Die materialästhetische Dimension betrachtet, wie gealterte oder bereits genutzte Materialien atmosphärisch überzeugend in Entwürfe integriert werden können, beispielsweise durch Patina, Nutzungsspuren und sichtbare Fügungen. Die soziofunktionale Dimension versteht Gebäude als wandelbare Strukturen, deren Grundrisse und Systeme auf Umnutzbarkeit, Aneignungsfähigkeit und Flächeneffizienz ausgelegt sind, um lange Nutzungslaufzeiten zu ermöglichen. Gerade im Kontext von Büro- und Arbeitswelten lassen sich diese drei Dimensionen unmittelbar beobachten, beispielsweise in flexiblen Grundrissen, modularen Systemen und einer Gestaltung, die Veränderung sichtbar zulässt.

Studienlage: Bürogebäude als zirkuläre Materialbank

Eine Analyse von 65 europäischen Projekten zeigt, dass zirkuläre Strategien wie der Erhalt von Tragstrukturen, die Wiederverwendung von Bauteilen oder der Einsatz von Recyclingmaterialien einen erheblichen Beitrag zur Dekarbonisierung des Gebäudebestands leisten können. In vielen der untersuchten Fälle wurden Büro- und Verwaltungsgebäude so umgestaltet, dass die Bestandsstrukturen erhalten blieben und die Innenräume in neue Arbeitswelten transformiert wurden, mit deutlich geringerem Ressourceneinsatz als bei einem Neubau. Parallel dazu entwickelt die DGNB Qualitätsstandards und Zirkularitätsindizes, mit denen sich der Grad der Zirkularität von Bauwerken systematisch erfassen lässt. Projekte, die weitreichende zirkuläre Lösungen umsetzen, profitieren in der DGNB-Zertifizierung von zusätzlichen Erfüllungspunkten. Dies ist ein Signal an Bauherren, Investoren und Nutzer, dass sich Zirkularität messbar in der Gesamtperformance von Gebäuden niederschlägt.

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Zirkuläre Strategien im Corporate-Real-Estate-Kontext

Berichte aus dem europäischen Immobiliensektor zeigen, dass zirkuläre Strategien zunehmend Teil von Corporate-Real-Estate-Strategien werden. Dazu gehören flexible, nutzungsneutrale Flächenkonzepte, adaptive Gebäudehüllen sowie Modelle, bei denen nicht mehr der Besitz von Flächen, sondern ihre leistungsfähige Nutzung im Vordergrund steht. Der Vorteil: Gebäude, die auf Veränderung ausgelegt sind, lassen sich leichter an neue Arbeitsmodelle, Mieterstrukturen oder organisatorische Entwicklungen anpassen und damit länger wirtschaftlich sinnvoll betreiben. Für Unternehmen reduziert dies das Leerstandsrisiko und schafft Spielräume, um Arbeitswelten im Rhythmus von Kultur- und Organisationsentwicklung weiterzuentwickeln, ohne jedes Mal tief in die Substanz eingreifen zu müssen.

Zirkularität im Büroalltag: Innenausbau und Möblierung

Sehr konkret wird die Kreislaufidee in Büroinnenräumen. Der Report State of the Circular Workplace definiert den zirkulären Arbeitsplatz als eine Umgebung, in der Ressourcen möglichst lange auf einem hohen Nutzungsniveau gehalten und Abfälle weitgehend vermieden werden. Dazu zählen die Wiederverwendung und das Refurbishing von Büroeinrichtungen, Rücknahme- und Servicemodelle sowie digitale Prozesse, die Bestände erfassen und für geeignete Zweitnutzungen identifizieren. In der Praxis zeigt sich dies in modularen, demontierbaren Innenausbauten und Möbelsystemen, die mehrfach umziehen und in verschiedenen Konfigurationen genutzt werden können. Ein Bericht zur Kreislaufwirtschaft im Möbelsektor schon aus dem Jahr 2017 belegt, dass Remanufacturing und Wiederverwendung nicht nur Abbruchabfälle reduzieren, sondern auch einen beträchtlichen Teil der in Möbeln gebundenen Emissionen einsparen können. Ergänzend hat die DGNB ein eigenes Zertifizierungssystem für Innenräume entwickelt, das speziell für Ausbauten in Büro- und Verwaltungsgebäuden gilt. Es bewertet Ausbauprojekte – unabhängig davon, ob sie in Neu- oder Bestandsgebäuden stattfinden – anhand von Kriterien wie Rückbau- und Recyclingfreundlichkeit, Materialgesundheit, Flexibilität und Nutzerkomfort und macht damit auch auf Innenraumebene transparent, wie konsequent zirkuläre Prinzipien umgesetzt werden.

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Wandel von Rollenbildern und Kompetenzen

Die Umsetzung zirkulärer Konzepte verändert auch die Rollen der am Bau Beteiligten. Planer berichten, dass sie zunehmend Aufgaben übernehmen, die nicht zum klassischen Berufsbild gehören: von der Kuration und Bewertung von Reststoffen über das Management von Materialströmen bis hin zur Entwicklung lösbarer Verbindungstechniken von Baumaterialien im Sinne von „Design for Disassembly“. Gleichzeitig gewinnt die frühe Phase der Bedarfsklärung an Gewicht: In einer vorgeschalteten „Leistungsphase 0“ wird systematisch hinterfragt, ob ein Neubau notwendig ist oder ob sich die Ziele nicht besser mit Umbau, Umnutzung und Flächeneffizienz erreichen lassen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass zirkuläres Bauen nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische und kulturelle Herausforderung darstellt. Es erfordert neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Planern, Ausführenden und Nutzern sowie eine hohe Bereitschaft, mit Pilotprojekten Erfahrungen zu sammeln.

Vom Konzept zur Infrastruktur: Zweitnutzung von Büromöbeln als nächster Schritt

Damit zirkuläre Strategien im Büroalltag Wirkung entfalten können, ist es nicht ausreichend, Produkte zirkulär zu gestalten. Entscheidend ist, dass es Prozesse und Infrastrukturen gibt, die den Übergang in weitere Nutzungsphasen verlässlich organisieren. Gerade bei Büroausstattungen entstehen heute noch viele Einzellösungen. Räumungsprojekte werden ad hoc organisiert, Bestände werden nur teilweise erfasst und der tatsächliche Verbleib der Möbel bleibt oft unklar. Zirkuläre Arbeitswelten benötigen deshalb Strukturen, die eine planbare Zweitnutzung ermöglichen und den Übergang von der Erst- zur Weiternutzung von Büroausstattung als standardisierten, digital unterstützten Prozess abbilden sowie die beteiligten Marktakteure vernetzen. Damit wird Zirkularität im Bereich Büromöbel von einer konzeptionellen Forderung zu einer praktischen Infrastruktur, von der Unternehmen, Hersteller und Dienstleister gleichermaßen profitieren und zu einem weiteren Baustein auf dem Weg zu zirkulären Arbeitswelten.

Quellen und weiterführende Literatur

 

Titelbild: KI-generiert