10.11.2020
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Hybrides Arbeiten

Von der Utopie zur Praxis

Wichtiger Bestandteil des IBA Forums ist die zentrale Bühne. Dort diskutierten Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer IAO und Technologiebeauftragter des Landes Baden-Württemberg, sowie Hendrik Hund, Unternehmer und Vorsitzender des IBA, am 30.10.2020 darüber, was die Etablierung des Homeoffices für die Arbeitswelt bedeutet.

Beide Gesprächspartner waren sich einig, dass die Arbeit im Homeoffice eine Bereicherung für die Arbeitswelt sei. Prof. Dr. Wilhelm Bauer verwies dazu auf eine Befragung, die das Fraunhofer IAO zu Beginn des ersten Lockdowns gestartet hatte. Demnach habe der Umzug ins Homeoffice in den meisten Unternehmen sehr gut funktioniert. Allerdings sei diese Erfahrung auch durch ein sehr hohes Aktivitätsniveau der Beschäftigten geprägt gewesen. Diese hätten sich deutlich stärker für ein gutes Funktionieren der Arbeit im Homeoffice engagiert, als auf Dauer erwartet werden könne. Um die Beschäftigten während der zweiten Corona-Welle und darüber hinaus bei deren Arbeit im Homeoffice zu unterstützen, seien nun die Führungskräfte gefragt.

Dabei gelte es auch das Gemeinschaftserlebnis der Beschäftigten im Homeoffice im Blick zu behalten. Im Rahmen der IAO-Befragung sei die Anpassung der Mitarbeiterführung als eine der dringlichsten Aufgaben genannt worden.
Darüber hinaus müsse die Ausstattung der Arbeitsplätze im heimischen Umfeld verbessert werden. „Gute Arbeitsplätze werden auch im Homeoffice gebraucht”, so Bauer. Deren Ausstattung sei im Übrigen eine Sache für Profis.

Prof. Dr. Wilhelm Bauer:
Prof. Dr. Wilhelm Bauer: "Gute Arbeitsplätze werden auch im Homeoffice gebraucht." Lupe_grau

Weitgehende Übereinstimmung herrschte auch bei der Frage, wie viel Homeoffice die Arbeitswelt verträgt. Letztendlich, so Bauer und Hund, sei es nicht die Frage, ob künftig 20, 40 oder gar 50 % der Arbeitszeit im Homeoffice stattfinde, vielmehr ginge es darum, die jeweils beste Konstellation zu finden. In seinem eigenen Unternehmen beobachtet Hendrik Hund, dass manche Mitarbeiter gut und gerne im Homeoffice arbeiten, andere kämen lieber ins Büro.

Insgesamt sei es aber keine Option, dass alle dauerhaft zu Hause arbeiten, weil trotz moderner Kommunikationstechnik der Austausch darunter leide und neue Mitarbeiter sich unter diesen Voraussetzungen schwertun, Teil des Teams zu werden. Dass ausschließliches Arbeiten im Homeoffice womöglich noch weitreichendere Folgen haben könnte, gibt Prof. Dr. Bauer anhand einer älteren Studie zu bedenken. Diese führte 85 % aller bahnbrechenden Innovationen auf einen engen, persönlichen Dialog von Menschen zurück. 

Hendrik Hund:
Hendrik Hund: "Es tut nicht gut, wenn Mitarbeiter nur noch im Homeoffice arbeiten." Lupe_grau

Inwiefern digital gestützte Teamprozesse das persönliche Treffen künftig ersetzen können und ob die jüngeren Arbeitnehmer das gemeinsame Arbeiten vor Ort auf Dauer weniger vermissen werden als ihre älteren Kollegen, sei derzeit völlig offen. Seine Erwartung: Digitalisierung und persönliches Miteinander werden zu zwei gleichberechtigten Seiten einer Medaille.

Unternehmen sind damit nicht nur gefordert, die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter im Homeoffice zu professionalisieren, sie stehen auch vor der Herausforderung, die Büros zu verändern. Hier gelte es vor allem den Teamspirit und die zufälligen Begegnungen, die im Homeoffice fehlen zu fördern. Gebraucht würden sogenannte „Wir-Räume”. Ob darüber hinaus mehr Unternehmen auf Desksharing setzen werden, um Flächen effizienter nutzen zu können oder ob veränderte Hygieneanforderungen dies verhindern werden, sei derzeit noch völlig offen.

Gesprächsleitung: Maxim Nopper-Pflügler, Redaktion Personalmagazin
Gesprächsleitung: Maxim Nopper-Pflügler, Redaktion Personalmagazin Lupe_grau

Ohnehin, so die Warnung von Prof. Dr. Bauer, sollten sich die Entscheidungsträger nicht zu früh festlegen. Viele Entwicklungen stünden erst am Anfang. In jedem Fall, auch hier waren sich die beiden Diskussionsteilnehmer einig, werde es einen Qualitätswettbewerb zwischen Homeoffice und Büro geben, in den möglicherweise auch andere Arbeitsorte einbezogen werden, wie z. B. Satelliten- oder Nachbarschaftsbüros. Auch eine Stärkung ländlicher Gebiete sei durch die Zunahme der Arbeit im Homeoffice denkbar.

Das Video steht wie alle anderen bisherigen Beiträge zum Thema Homeoffice als Video-Mitschnitt im Media Center des IBA Forums zur Verfügung.