Die Kreislaufwirtschaft ist ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Zukunft – auch in der Möbelindustrie. Der Industrieverband Büro und Arbeitswelt e.V. (IBA) und seine Mitglieder setzen sich aktiv für die Entwicklung und Umsetzung kreislauffähiger Konzepte bei Büro- und Objektmöbeln ein, die Ressourcen schonen, Abfall reduzieren und die Lebensdauer von Produkten verlängern sollen.
Partnerschaft und gemeinsame Anstrengungen als Schlüssel zum Erfolg
Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Stakeholdern, insbesondere Herstellern, Zulieferern und Kunden. Gleichzeitig müssen die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen am Markt für kreislauffähige Geschäftsmodelle geschaffen werden. Durch gemeinsame Anstrengungen können innovative Lösungen entwickelt und angewendet werden, die den gesamten Lebenszyklus von Möbeln berücksichtigen – von der Materialauswahl über die Produktion bis hin zur Wiederverwendung und Verwertung der Produkte und Materialien.
Wichtige Aspekte für eine kreislauffähige Möbelindustrie
- Materialwahl: Effiziente Verwendung von recycelten, umweltfreundlichen, schadstoffarmen und sozial fair produzierten Rohstoffen, Komponenten und Produkten.
- Produktdesign: Ermöglichung von dauerhaften Rohstoff-Kreisläufen durch innovatives und ganzheitliches Produktdesign.
- Langlebigkeit und Modularität: Entwicklung von Möbeln mit hoher Qualität, Modularität und einfacher Reparierbarkeit für eine lange Lebensdauer.
- Rücknahme und Wiederverwertung: Etablierung von Programmen zur Rücknahme, Instandsetzung und Wiederverwendung von Möbeln oder Möbelkomponenten.
- Energie- und Transporteffizienz: Nachhaltige Produktionsprozesse mit geringem Energieverbrauch und effizienter Transportlogistik.
In der Branche liegen dafür gute Voraussetzungen vor, denn zahlreiche Aspekte werden schon lange bei vielen Produkten umgesetzt. Langlebigkeit, Modularität, Reparierbarkeit, Zerlegbarkeit und Recyclingfähigkeit gehören regelmäßig dazu.
Aktuell werden in der europäischen Normung und in EU-Projekten weitere Grundlagen und neue Geschäftsmodelle entwickelt, die für den wirtschaftlich sinnvollen Vertrieb von z.B. gebrauchten (reused), instandgesetzten (refurbished) und wiederaufbereiteten (remanufactured) Möbeln für Büros und öffentliche Räume benötigt werden.
Unten werden die Definitionen der „R‑Strategien“, die die wesentlichen Ansätze der Kreislaufwirtschaft darstellen, aus der Sicht der IBA-Mitglieder mit Beispielen erläutert.
Das gemeinsame Ziel
Durch die Umsetzung und Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft in der Büro- und Objektmöbel-Branche sorgen die Mitglieder des IBA für eine positive Zukunftsvision und für ein soziales Wirtschaften im Einklang mit den ökologischen und ökonomischen Grenzen.
Der IBA setzt sich dafür ein, dass nachhaltige und kreislauforientierte Prinzipien zum Standard werden und Unternehmen aktiv zu deren Anwendung und Umsetzung beitragen.
Definitionen
Die nachfolgenden Definitionen geben das Verständnis der „R‑Strategien“ im IBA wieder. Unter „R‑Strategien“ werden Ansätze einer Kreislaufwirtschaft verstanden, die darauf abzielen, die Umweltauswirkungen von Produkten zu vermeiden bzw. zu minimieren. Dabei gilt der Grundsatz der Priorisierung: Niedrigere R‑Strategien sind höheren R‑Strategien vorzuziehen. Somit ist R0 („Refuse“) nach Möglichkeit R9 („Recover“) vorzuziehen. Beim Design von Produkten und Geschäftsmodellen empfiehlt sich ebenfalls ein schrittweises Vorgehen von R0 bis R9. Das Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es insgesamt, R9 zu minimieren und Abfälle durch vorgelagerte Strategien (R0-R8) zu vermeiden.
R0 – Refuse (Vermeiden)
Auf das Produkt kann verzichtet werden, dessen Funktion kann ersetzt werden oder es kann auf Rohstoffe verzichtet werden.
Beispiel 1: Es kann durch die weitere Verwendung eines vorhandenen Bürostuhls auf eine Neuanschaffung verzichtet werden.
Beispiel 2: Es kann auf Einwegverpackung zugunsten von Mehrwegverpackung verzichtet werden.
R1 – Rethink (Überdenken)
Das Produkt wird hinsichtlich seines zirkulären Designs überdacht, bis hin zur tatsächlichen Umgestaltung des Designs und der Konstruktion (Redesign). Die Nutzung des Produkts wird intensiviert, die anderen R‑Strategien werden auf Anwendbarkeit geprüft.
Beispiel 1: Nicht lösbare Materialverbindungen werden durch lösbare ersetzt (z. B. Vermeidung von Verklebungen).
Beispiel 2: Durch Ansätze wie Office-Sharing wird die Nutzungsintensität von Büromöbeln erhöht.
Beispiel 3: Möbel werden so konstruiert, dass sie zerlegbar sind, bzw. die Materialien trennbar sind, und die Einzelteile entsprechend der gültigen Vorschriften entsorgt werden können.
R2 – Reduce (Verringern)
Der Ressourcenverbrauch zur Herstellung oder bei der Nutzung des Produkts wird verringert.
Beispiel 1: Durch Einsatz einer neuen Fertigungstechnologie wird der Energieeinsatz in der Produktion reduziert.
Beispiel 2: Durch Einsatz einer neuen Technologie für die elektrische Höhenverstellung eines Tisches wird der Strombedarf in der Nutzung reduziert.
Beispiel 3: Durch Einsatz einer neuen Technologie wird die Menge des eingesetzten Materials im Produkt ohne qualitative Abstriche reduziert.
Beispiel 4: Durch Einsatz von Mehrwegverpackungen, in Zusammenarbeit mit den Lieferanten, wird Abfall verringert. Einwegverpackungen werden gezielt an den Hersteller zurückgeführt, der diese dann wieder in den Produktionsprozess zurückführt.
R3 – Reuse (Wiederverwenden)
Das Produkt oder eine Komponente wird unverändert wiederverwendet.
Beispiel 1: Ein Bürodrehstuhl wird unverändert einem anderen Nutzer übergeben. Dies kann im eigenen Unternehmen oder an Dritte sein, direkt oder über einen Wiederverkauf.
Beispiel2 : Möbelrückläufer aus Reklamationen, Messe, Ausstellungsstücke, Showroom, etc., werden nicht zu Abfall, sondern zerlegt, die Komponenten geprüft und dem Produktionsprozess zurückgeführt.
R4 – Repair (Reparieren)
Ein defektes Produkt oder eine defekte Komponente wird repariert und kann die vorgesehene Verwendung weiter erfüllen.
Beispiel 1 : Eine beschädigte Tischplatte wird gegen eine neue, unbeschädigte Tischplatte ausgetauscht.
Beispiel 2: Eine beschädigte Komponente einer Armlehne wird ausgetauscht, sodass die Armlehne wieder vollständig funktionsfähig ist.
Beispiel 3: Das Möbel ist so konzipiert, dass Verschleißteile einfach getauscht werden können.
R5 – Refurbish (Instandsetzen)
Das gebrauchte Produkt oder eine Komponente wird „aufgearbeitet“ und kann seinen ursprünglichen Zweck weiter erfüllen. Ziel ist das Sicherstellen der Funktionsfähigkeit, potenziell ergänzt um die optische Aufbesserung.
Beispiel: Ein Bürodrehstuhl wird in größerem Umfang instandgesetzt. Dazu wird die Polsterung erneuert, bei Bedarf werden Bezüge ausgetauscht. Der Stuhl bleibt im Wesentlichen erhalten.
R6 – Remanufacture (Wiederaufarbeiten)
Es wird ein neues Produkt aus gebrauchten und ggf. neuen Komponenten hergestellt. Die Basis kann ein standardisierter, meist industriell ausgeführter Prozess sein.
Beispiel: Ein neuer Bürodrehstuhl wird aus alten und neuen Komponenten gebaut. Dabei erhält das Produkt eine neue visuelle Identität.
R7 – Repurpose (Umnutzen)
Gebrauchte Komponenten werden für andere Funktionen in neuen Produkten umfunktioniert.
Beispiel: Eine gebrauchte Tischplatte wird neu konfektioniert und kommt in einer Schrankwand zum Einsatz.
R8 – Recycle (Recyceln)
Materialien werden stofflich verwertet und werden damit zu einem Sekundärrohstoff, sogenanntes Rezyklat, welches in neuen Produkten eingesetzt werden kann. Es gibt bei Rezyklaten eine Unterscheidung zwischen Post-Consumer (Material ist bereits bei Endverbrauchern in Nutzung gewesen) und Post-Industrial (Abfälle aus Herstellungsprozessen, meist sortenrein).
Beispiel: Kunststoffe werden stofflich recycelt und können als Kunststoffrezyklat in neuen Produkten eingesetzt werden.
R9 – Recover (u.a. Energierückgewinnung)
Die Materialien werden energetisch verwertet oder über chemische Verfahren, z.B. Depolymerisation, Pyrolyse, in andere Stoffe umgewandelt, welche stofflich verwertet oder als Sekundärbrennstoffe genutzt werden können.
Beispiel 1: Der PU-Schaum eines Bürodrehstuhls wird chemisch so zerlegt, dass daraus neuer Ausgangsstoff für neues Polyurethan gewonnen wird.
Beispiel 2: Rückführung von Abwärme, von z. B. Kompressoren, mittels Wärmetauscher in den Produktionsprozess, z. B. Beheizung einer Presse oder anderer Produktionsprozesse, die Wärme benötigen, oder Beheizung von Produktionshallen.
Abgrenzung der Definitionen untereinander
Eine Abgrenzung der einzelnen R‑Strategien untereinander ist nicht immer eindeutig möglich. So kann der gleiche Vorgang je nach Kontext als R4 (Repair), R5 (Refurbish) und R6 (Remanufacture) bezeichnet werden. Dies kann an folgendem Beispiel verdeutlicht werden:
- der Tausch einer beschädigten Tischplatte, zur Wiederherstellung der Funktion im regulären Nutzungszeitraum beim Kunden, ist als Reparatur einzuordnen (R4)
- der Tausch einer alten, beschädigten Tischplatte, zur Verlängerung der Nutzungsdauer beim Kunden, und zusammen mit einer Reinigung, Prüfung und Wartung, ist als Refurbishment einzuordnen (R5)
- der Tausch einer alten, beschädigten Tischplatte, zur Wiederinverkehrbringung des Tisches an einen Dritten, kann als Refurbishment eingeordnet werden, oder als Remanufacturing, wenn z.B. eine neue, größere Tischplatte mit neuen Kabeldurchlässen montiert wird und somit ein neues Produkt entsteht. (R5/R6)