Heute Morgen schreibe ich aus einer Bäckerei in Campeche, Florianópolis. Zuvor saß ich noch im tropischen Garten, in dem ich meinen Kaffee getrunken habe, doch zum Arbeiten bin ich hierhergekommen. Nur um festzustellen, dass ich meine AirPods vergessen habe. Plötzlich war es unmöglich, die Gespräche um mich herum auszublenden: Musik, Straßenlärm, Menschen am Telefon, private Meetings, die sich ganz selbstverständlich im öffentlichen Raum abspielen. In der Sprache der Arbeitswelt könnte man sagen: der lauteste Co-Working-Space, den ich finden konnte.
Doch was mich wirklich beschäftigt hat, war nicht der Lärm selbst, sondern das, was er sichtbar macht. Räume prägen Verhalten und Verhalten ist immer auch ein Ausdruck von Kultur. In einer Welt, die zunehmend internationaler, multikultureller und neurodiverser wird, stellt sich daher eine grundlegende Frage: Wie gestalten wir Räume, die tatsächlich für unterschiedliche Körper, unterschiedliche Wahrnehmungen und unterschiedliche Formen des Miteinanders funktionieren?
Viele unserer heutigen Arbeitsumgebungen basieren noch immer auf einer stillschweigenden Annahme: dass Menschen auf ähnliche Weise wahrnehmen, reagieren und funktionieren. Doch diese Vorstellung entspricht längst nicht mehr der Realität. Arbeitswelten sind heute geprägt von kultureller Vielfalt, unterschiedlichen Lebensrealitäten und einer wachsenden Sensibilität für neurodiverse Bedürfnisse. Was die einen als lebendig und inspirierend empfinden, kann andere überfordern und stressen.
Dennoch werden Büros weiterhin als standardisierte, offene Strukturen konzipiert, mit dem Anspruch, Kommunikation zu fördern und Zusammenarbeit zu stärken. In der Praxis jedoch entsteht oft das Gegenteil: Reizüberflutung, mangelnde Konzentration und ein permanenter Zustand unterschwelliger Anspannung. Die Frage ist daher nicht mehr, wie wir effizientere Arbeitsräume gestalten, sondern ob unser grundlegendes Verständnis von Arbeitsumgebung überhaupt noch zeitgemäß ist.
Vielleicht liegt die Herausforderung also nicht nur in der Gestaltung einzelner Räume, sondern im zugrunde liegenden Paradigma. Über Jahrzehnte wurden Architektur und Innenarchitektur stark vom Prinzip „Funktion bestimmt die Form“ geprägt, ein Ansatz, der seit der Moderne und dem Bauhaus die Gestaltung unserer gebauten Umwelt maßgeblich beeinflusst hat. Dieses Denken war eine notwendige Antwort auf die Industrialisierung und hat eine klare, funktionale Sprache hervorgebracht.
Doch heute, da wir die Auswirkungen unserer gebauten Umwelt auf Körper und Geist immer besser verstehen, zeigt sich die Begrenzung dieses Ansatzes. Räume erfüllen nicht nur Funktionen, sie wirken. Sie beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie wir denken und wie wir miteinander interagieren.
Vielleicht haben wir zu lange Räume entworfen, die funktionieren sollten, ohne zu hinterfragen, wie sie sich tatsächlich anfühlen. Es scheint an der Zeit, das Prinzip weiterzudenken: nicht nur Form follows function, sondern vielmehr Function follows effect.
Diese Perspektive verschiebt den Fokus grundlegend. Nicht mehr die reine Nutzung steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Wirkung ein Raum auf den Menschen haben soll – und wie seine Gestaltung gezielt dazu beitragen kann, diese Wirkung zu unterstützen.
In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff des biophilen Designs häufig missverstanden. Allzu oft wird er auf sichtbare Elemente reduziert: Pflanzen, natürliche Materialien oder bestimmte Farbwelten. Doch das greift zu kurz.
Biophiles Design ist keine Stilfrage, sondern eine Haltung. Es beschreibt ein Verständnis dafür, wie eng der Mensch mit seiner Umwelt verbunden ist und wie sensibel unser Körper auf räumliche Reize reagiert. Licht, Akustik, Materialien, Proportionen und räumliche Abfolgen sind nicht neutral: Sie beeinflussen unseren Zustand, häufig auf einer unbewussten Ebene.
Gestaltung wird aus dieser Perspektive zu einer Form der Regulation. Räume können Anspannung verstärken oder reduzieren, Orientierung geben oder verunsichern, Nähe fördern oder Distanz schaffen. Biophiles Design bedeutet daher, Räume so zu entwickeln, dass sie den Menschen in seiner physiologischen und emotionalen Balance unterstützen, nicht nur funktional, sondern ganzheitlich.
Diese Überlegungen gewinnen an Bedeutung, wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir in gebauten Räumen verbringen. Ein Großteil unseres Alltags findet in Innenräumen statt, oft für viele Stunden. Die Qualität dieser Räume bleibt daher nicht ohne Einfluss auf unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit.
Räume, die auf die Bedürfnisse des menschlichen Körpers abgestimmt sind, können Stress reduzieren, die Konzentration fördern und ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung schaffen. Gleichzeitig wird deutlich, dass Gestaltung allein nicht ausreicht. So sorgfältig ein Raum auch entwickelt sein mag: Er kann den direkten Kontakt zur natürlichen Umwelt nicht vollständig ersetzen. Tageslicht, frische Luft, Bewegung im Freien und bewusste Pausen bleiben essenzielle Bestandteile eines gesunden Alltags.
Erst im Zusammenspiel von räumlicher Gestaltung und individuellen Routinen entsteht eine nachhaltige Wirkung. Für Unternehmen bedeutet das, Arbeitsumgebungen nicht nur funktional oder ästhetisch zu denken, sondern als integralen Bestandteil von Gesundheit, Kultur und langfristiger Leistungsfähigkeit zu begreifen. Wer in die Qualität von Arbeitsräumen investiert, investiert letztlich in die Menschen selbst, in ihre Fähigkeit, fokussiert zu arbeiten, sich zu regenerieren und ihr Potenzial langfristig zu entfalten.
Diese Perspektive führt zu einer grundlegenden Neubewertung dessen, was wir unter guter Gestaltung verstehen. Es geht nicht mehr nur darum, Räume zu schaffen, die funktionieren oder visuell überzeugen, sondern darum, Räume zu schaffen, die den Menschen in seiner ganzen Komplexität mitdenken.
Dabei rückt auch die Verbindung zum Kontext stärker in den Vordergrund. Räume entstehen nicht im Vakuum, sondern sind Teil kultureller, sozialer und geografischer Zusammenhänge, die ihre Wirkung maßgeblich prägen. Biophiles Design bedeutet daher nicht nur die Integration natürlicher Elemente, sondern auch das bewusste Aufgreifen von Identität, Geschichte und lokaler Realität.
Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel für die Arbeitswelten der Zukunft: nicht in standardisierten Lösungen, sondern in einem tieferen Verständnis dafür, wie Räume, Menschen und Kultur miteinander verwoben sind. Was würde sich verändern, wenn wir Räume nicht mehr danach gestalten, wie sie aussehen oder funktionieren sollen, sondern danach, wie sie sich für die Menschen, die sie nutzen, tatsächlich anfühlen?
Andressa Luz ist Interior-Designerin und Expertin für biophiles Design und international tätig. Sie ist die Gründerin des Biophilic Lab™, einer interdisziplinären Plattform und Community, die sich der Entwicklung von Räumen widmet, die Gesundheit, Wohlbefinden und menschliches Erleben in den Mittelpunkt stellen. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Verbindung von Gestaltung, Wahrnehmung und Natur, um Räume zu schaffen, die den Menschen auf körperlicher und emotionaler Ebene nachhaltig unterstützen. Weitere Informationen: www.andressaluz.com,hello@biophiliclab.com, @andressaluz.id
Titelbild: Office Design, Lisbon 2026 — Luz Interior Design, Creative Direction: Andressa Luz
Andressa Luz