Der digitale Produktpass (DPP) ist nach dem Ökodesign-Regelwerk (ESPR) schon bald in der EU zwingende Voraussetzung, um ein Produkt zu vermarkten – zunächst für Batterien und Textilien und anschließend auch für Möbel. Denn Ziel der EU ist es, natürliche Ressourcen zu schonen, Schadstoffe zu vermeiden und klimafreundlich zu wirtschaften (Circular Economy). Der durch die ESPR eingeführte digitale Produktpass (DPP) gilt als Schlüsselinstrument für diesen Wandel.
Die Folge: In einigen Jahren kann man ohne DPP keine Komponente und kein Möbelstück mehr in der EU vermarkten („no data, no market“). Für viele Unternehmen ist das Thema derzeit noch abstrakt oder vor allem regulatorisch geprägt. Tatsächlich eröffnet der DPP jedoch weit mehr als nur neue Pflichten: Er kann ein strategisches Werkzeug sein, das die Digitalisierung im Lieferketten- und Qualitätsmanagement voranbringt und so Prozesse effizienter macht. Zugleich ermöglicht er neue Geschäftsmodelle und erlaubt es, den Kunden neue Angebote zu machen. Im Rahmen des Projekts R‑evolve hat das Team der Hochschule Darmstadt das Factsheet „The Digital Product Passport in the Furniture Sector“ erstellt, das eine Zusammenfassung der gesetzlichen Anforderungen enthält und die Chancen und Vorteile aufzeigt, die der DPP bietet. Zur Einführung in das Themenfeld gibt dieser Artikel einen Überblick über die wesentlichen Fragestellungen.
Was ist in Zukunft unter der ESPR verpflichtend?
Auf EU-Ebene ist die ESPR der zentrale Baustein des Green Deals. Neben den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung geht es der EU in der Circular Economy Strategy (2020) sowie im Clean Industrial Deal und in der Single Market Strategy (2025) auch darum, die Rohstoffabhängigkeit der europäischen Wirtschaft zu verringern, neue Märkte zu skalieren und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Die ESPR will nachhaltigere Produkte zum Standard im europäischen Binnenmarkt machen. Künftig sollen Produkte langlebiger, reparierbarer, ressourcenschonender und schadstoffärmer sein. Der Datensatz im DPP macht dies deutlich.
Welche konkreten Anforderungen künftig für Möbel gelten, wird in einer produktspezifischen Durchführungsverordnung (Delegated Act) festgelegt. Aus Artikel 5 der ESPR ergibt sich, welche Produktaspekte dabei relevant sein werden. Dazu gehören unter anderem:
- Haltbarkeit und Zuverlässigkeit
- Reparierbarkeit und Wartungsfähigkeit
- Wiederverwendbarkeit und Upgrade-Fähigkeit
- Materialzusammensetzung und Recyclingfähigkeit
- Vorhandensein problematischer Stoffe
- Umwelt- und Klimawirkungen
Für Möbelhersteller bedeutet dies einen grundlegenden Wandel: Nachhaltigkeitsinformationen sind nicht länger freiwillig, sondern werden zunehmend zur Voraussetzung für den Zugang zum EU-Markt. Besonders relevant ist dabei, dass die ESPR nicht nur Endprodukte, sondern auch Komponenten umfasst. Unternehmen müssen sich daher frühzeitig mit ihren Lieferketten auseinandersetzen und Datenflüsse systematisch aufbauen.
Welche Rolle soll der DPP spielen?
Der DPP dient innerhalb der ESPR als zentrales Instrument, um produktbezogene Informationen in der gesamten Wertschöpfungskette auszutauschen. Die Europäische Kommission versteht den DPP dabei nicht nur als Informationsspeicher, sondern als digitale Infrastruktur für eine stärker zirkuläre und datenbasierte Produktwirtschaft. Eine Standardisierung der Datenstruktur ermöglicht es, die Daten automatisiert zu erheben, weiterzugeben und zu verarbeiten – kurz: Es entsteht eine einheitliche Datenstruktur. Einmal etabliert, stärkt sie das Qualitäts- und Lieferkettenmanagement. Innovative Unternehmen können Alleinstellungsmerkmale erlangen und neue Geschäftsmodelle entwickeln.
Mit dem DPP sind Informationen über Produkte während ihres gesamten Lebenszyklus digital verfügbar – von der Herstellung der Materialien und Bauteile über die Gebrauchsphase (einschließlich Wartung und Reparatur) bis hin zur Wiederverwendung und zum Recycling. Der DPP soll dabei den unterschiedlichen Akteuren jeweils ermöglichen, auf die für sie wirklich relevanten Produktinformationen zuzugreifen. Nach dem „Need to know“-Grundsatz gibt es verschiedene Zugriffslevel.
Für Möbelhersteller könnte der DPP künftig beispielsweise Informationen zur Zusammensetzung von Materialien, Komponenten, Ersatzteilen, Reparaturanleitungen bereitstellen. Dadurch lassen sich Produkte einfacher reparieren, warten, wiederverwenden und recyceln. Aussagen zu Umweltwirkungen („Fußabdruck“), ohne durch Angaben im DPP belegt zu sein, sind nicht mehr zulässig.
Gleichzeitig soll der DPP den Austausch von Produktdaten in der Lieferkette standardisieren und digitalisieren. Nachhaltigkeits- und Produktinformationen, die heute häufig manuell angefragt oder in unterschiedlichen Systemen verwaltet werden, sind dann deutlich effizienter verfügbar. Der DPP enthält dabei nicht nur statische Produktdaten, sondern erfasst perspektivisch den gesamten Lebenszyklus eines Produkts.
Welche strategischen und operativen Chancen bietet der DPP für Möbelunternehmen?
Obwohl viele den DPP bislang primär als regulatorische Herausforderung wahrnehmen, liegen die eigentlichen Potenziale deutlich breiter. Unternehmen, die frühzeitig beginnen, ihre Datenstrukturen und Prozesse entsprechend aufzubauen bzw. anzupassen, können erhebliche strategische Vorteile erzielen.
Ein zentraler Vorteil liegt in der effizienteren Organisation von Lieferketten. Die mit dem DPP verknüpfte Standardisierung verringert den Managementaufwand in Bezug auf Produkt- und Nachhaltigkeitsdaten erheblich: Zukünftig lassen sich Daten automatisiert in der Lieferkette austauschen. Insbesondere Möbelhersteller mit komplexen Zulieferstrukturen können so Daten konsistent und stets aktuell verfügbar machen. Gleichzeitig verbessert dies z. B. für das Qualitätsmanagement die Rückverfolgbarkeit von Materialien und Komponenten.
Darüber hinaus eröffnet der DPP neue Möglichkeiten für serviceorientierte Geschäftsmodelle. Wenn Informationen zu Ersatzteilen, kompatiblen Komponenten oder Wartungsanleitungen digital verfügbar sind, lassen sich Reparatur‑, Wartungs- und Aufbereitungsservices effizienter und kundenorientierter anbieten. Dadurch entstehen zusätzliche Möglichkeiten für Ersatzteilmanagement, Wartungsverträge oder Second-Life-Angebote. Gerade im Büromöbelbereich können solche Services die Kundenbindung stärken und zusätzliche Umsätze generieren.
Auch zirkuläre Geschäftsmodelle wie Leasing- oder Furniture-as-a-Service-Modelle profitieren von einer besseren digitalen Rückverfolgbarkeit und Zustandsdokumentation. Der DPP kann damit zu einem wichtigen Enabler für die Circular Economy werden, indem Hersteller Produkte schon in der Entwicklungsphase so gestalten, dass sie sich einfacher reparieren, wiederverwenden, aufbereiten oder recyceln lassen.
Nicht zuletzt wird Transparenz zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor. Möbelhersteller, die belastbare Daten zu Materialeinsatz, Produktqualität oder Umweltwirkungen bereitstellen können, schaffen Vertrauen bei Kunden, öffentlichen Beschaffern und Geschäftspartnern: Der DPP unterstützt damit künftig nicht nur die regulatorische Compliance, sondern dient auch als Nachweis für Qualität und Nachhaltigkeit.
Was können Möbelunternehmen bereits heute tun, wenn sie die Vorteile des Datenaustausches über den DPP nutzen wollen?
Viele Unternehmen verfügen bereits über große Mengen relevanter Informationen – diese sind jedoch häufig verteilt, nicht standardisiert oder schwer zugänglich. Will man dies ändern, gilt es, die Lieferanten frühzeitig ins Boot zu holen. Da viele relevante Informationen aus der Lieferkette stammen, sollten Unternehmen frühzeitig klären, welche Daten künftig benötigt werden und wie sie automatisiert bereitgestellt werden können. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen wird dabei der gemeinsame Aufbau von Branchenstandards eine wichtige Rolle spielen.
Auch interne Systeme sind frühzeitig vorzubereiten. ERP‑, PIM- oder PLM-Systeme müssen künftig in der Lage sein, strukturierte Produktdaten automatisiert zu verarbeiten und miteinander zu verknüpfen. Besonders wichtig wird die Integration von Produkt‑, Material- und Nachhaltigkeitsdaten mit Informationen aus dem weiteren Lebensweg eines Produkts.
Darüber hinaus sollten Möbelhersteller den DPP nicht nur aus Compliance-Sicht betrachten, sondern gezielt analysieren, welche neuen Geschäftspotenziale dadurch entstehen können. Unternehmen, die frühzeitig Erfahrungen sammeln und erste datenbasierte Services entwickeln, können sich Wettbewerbsvorteile sichern.
Der DPP als Ausgangspunkt einer digitalen Transformation
Der digitale Produktpass ist weit mehr als ein regulatorisch erzwungenes Datensystem. Richtig eingesetzt, ist er das Fundament einer zirkulären und stärker datengetriebenen Möbelwirtschaft. Möbelhersteller, die frühzeitig beginnen, Datenstrukturen aufzubauen, Lieferketten einzubinden und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, können nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken.
Die kommenden Jahre sind entscheidend: Der DPP ist nicht erst dann relevant, wenn er verbindlich ist – die eigentliche Vorbereitung beginnt bereits heute.
Rebecca Niebler studierte Wirtschaftsingenieurwesen (B. Sc.) an der Hochschule in Karlsruhe und der Universidad de Vigo in Spanien. 2020 schloss sie den Masterstudiengang Risk Assessment and Sustainability Management (RASUM) an der Hochschule Darmstadt ab. Im Mittelpunkt dieses Studiengangs stehen die Entwicklung eines proaktiven Risiko- und Nachhaltigkeitsmanagements für Unternehmen aller Branchen sowie die Initiierung von Veränderungsprozessen. Seit 2018 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse (sofia) an der Hochschule in Darmstadt, u. a. im Projekt R‑evolve, das das Ziel hat, die Kreislaufwirtschaft in der europäischen Möbelindustrie voranzutreiben. Seit 2024 promoviert sie zum Thema „Governance für einen digitalen Produktpass in der Möbelbranche“. In Ihrer Promotion und im R‑evolve-Projekt beschäftigt sie sich mit der Frage, wie der digitale Produktpass (DPP) in der Möbelbranche gestaltet sein muss, damit er Unternehmen bei der Umsetzung zirkulärer Geschäftsmodelle unterstützt und gleichzeitig zur Erreichung der Ziele des europäischen Green Deals beiträgt. Im Fokus stehen dabei sowohl die notwendigen Prozesse in Unternehmen als auch die Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette sowie geeignete regulatorische Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche praktische Umsetzung. Weitere Informationen unter: https://itp.h‑da.de/team/rebecca-blach
Titelbild: KI-generiert unter Verwendung des Produktbilds des Dauphin Drehstuhl sim‑o mit Nackenstütze
Rebecca Niebler