Kartenschatten

Newsroom

Prof. Dr. Olaf-Axel Burow zum Gamechanger KI – Teil 1: Was Lernen künftig bedeutet

Lernwelt Büro

Dr. Olaf-Axel Burow
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
5 Minuten

Der Hype um ChatGPT beeinflusst nicht nur die Arbeitswelt. Auch in der Schule wird KI zu disruptiven Veränderungen führen. Ein Gespräch mit Professor Dr. Olaf-Axel Burow über den Gamechanger KI.

Herr Professor Dr. Burow, revolutioniert Künstliche Intelligenz den Bildungsbereich?

 

Künstliche Intelligenz wird eine große Auswirkung auf den Bildungsbereich haben. Das Smartphone löste die erste Revolution aus und KI tritt in seine Fußstapfen. Momentan findet ein rasanter technologischer Wandel statt, der auf ein Bildungssystem trifft, das relativ starr und wenig bewegungsfähig ist. Allerdings läuft die Entwicklung über die Schüler, weil sie ja zu Millionen inzwischen Künstliche Intelligenz nutzen, und das wird das Bildungssystem unter Druck setzen. Wir müssen künftig also das Lernen verändern. Die Schule, so wie wir sie organisiert haben, läuft nach dem Modell des Industrialismus: Fließbandpädagogik, für alle zur gleichen Zeit das Gleiche. Aber dieses Modell hat ausgedient. Wir müssen Lernsysteme entwickeln, die nicht auf reinen Unterricht setzen, sondern auf das Lernen. Wir werden künftig wohl mehr selbstgesteuerte Lernvorgänge haben, die von digitalen Systemen unterstützt werden. Sowie Pädagogen, die keine Unterrichtsbeamten mehr sind, sondern die die Schüler coachen, Lernberatung anbieten und kreative Unterrichtsmaterialien entwickeln. Durch den Einsatz der digitalen Intelligenz können Lehrkräfte dann endlich das machen, wofür sie eigentlich zuständig sind: nämlich Beziehungsarbeit, Beratung und Unterstützung, Talent- und Neigungserkennung.

Lesen Sie auch

Studio Snoop Tilly Talbot, 2480x1650
Workspaces of Tomorrow Neue Kollegin KI: Ein Gastbeitrag von Janina Poesch

Welchen Benefit bringen ChatGPT und Co. in der Schule?

 

KI-Tools entlasten, wenn sie gut eingesetzt werden, von Routinetätigkeiten und stärken die Eigentätigkeit der Schüler mittels digitaler Assistenten – mittelfristig vermutlich Chatbots –, die wissen, wo die Stärken und Schwächen des Einzelnen liegen und ihn unterstützen, Tipps geben und auch fordern. Natürlich wird es wichtig werden, eine Regulierung einzuführen, damit alles transparent und kontrolliert ist. Denn im Moment gehören die Systeme privaten Firmen, die nicht kontrolliert werden und die ihre eigenen Interessen in die KI einspeisen. Sofern die Regulierung gelingt und Prozesse datentechnisch gut begleitet werden, sehe ich im Bereich der KI-Tools große Chancen für Schule und Co.

Wie wird Lernen in Zukunft vonstattengehen?

 

Lernen wird viel stärker personalisiert, neigungsorientiert, im eigenen Tempo stattfinden und es wird sehr viel binnendifferenzierter und selbstbestimmter sein. Außerdem werden wir uns von der Idee verabschieden müssen, alle zur gleichen Zeit das Gleiche zu tun. Ich glaube auch, dass zentrale Prüfungen geändert werden müssen. Natürlich brauchen wir eine Prüfung von Basiskompetenzen, aber wir müssen den Lernstoff reduzieren, weil wir ja von Wissen umstellt sind. Wenn ich eine Frage habe, gebe ich einen Suchbefehl ein und mit den neuen Systemen erhalte ich gleich eine komplexe Antwort. Da muss man dann aber auch in der Lage sein, kritisch einzuschätzen, was das für eine Quelle ist und wie seriös sie ist. Solche Dinge werden viel wichtiger werden, wohingegen das Auswendiglernen und reine Reproduzieren von Wissen an Bedeutung verlieren wird. Hier wird es insgesamt einen stärkeren Kreativitätsschub geben.

Lesen Sie auch

Prof. Dr. Olaf-Axel Burow
Lernwelt Büro Gamechanger KI: Interview mit Prof. Dr. Burow (Teil 2)

Welche Skills benötigen wir, um uns den Anforderungen, die die KI mit sich bringt, stellen zu können?

 

Neben der Sicherstellung der Basiskompetenzen müssen wir Talent- und Neigungsprofile viel stärker fördern. Jeder, der die Schule verlässt, sollte künftig ein Talent- und Neigungsportfolio erhalten, wo seine Spezifität, die nicht vergleichbar ist, und seine Einzigartigkeit herauskommen. Gerade die Einzigartigkeit ist das, was Menschen ausmacht, und es ist gut, dass es hier Diversität gibt. Der deutsche Soziologe und Kulturwissenschaftler Stefan Reckwitz sagte einmal „Wir haben seit den 70er-Jahren den Übergang vom industriellen Kapitalismus zum kulturellen Kapitalismus. Im industriellen Kapitalismus ging es um Massenproduktion, für alle zur gleichen Zeit das Gleiche. Im kulturellen Kapitalismus geht es um Einzigartigkeit.“ Das heißt, wenn Sie heute etwas können, das jeder kann, sind Sie uninteressant. Sie müssen etwas Besonderes können. Und die digitalen Systeme werden uns darin unterstützen, mehr freie Zeit zu haben, uns von Routinen zu entlasten, um uns damit zu beschäftigen, was wirklich wichtig ist, nämlich persönlich bedeutsames Lernen und Kreativität. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur noch hinter Flachbildschirmen sitzen. Es wird mehr selbstorientiertes Lernen geben, das von digitalen Medien unterstützt wird, sowie Lernen durch Erleben, in physischen Räumen, in denen Menschen gemeinsam lernen.

Zitat Symbol

Wenn man eine respektvolle, wertschätzende Arbeitskultur schafft und ansprechende Umgebungen positiv designt, dann reguliert sich das System von selbst.“ Prof. Dr. Burow

Olaf-Axel Burow ist Lehrer, Gestaltpädagoge und Professor für Allgemeine Pädagogik. Seit über 40 Jahren lehrt, forscht und publiziert er zu Fragen der Zukunftsgestaltung. Unter anderem die Bücher „Team-Flow“, „Bildung 2030. Sieben Trends, die die Schule revolutionieren“, „Führen mit Wertschätzung“ und „#Die Zukunft der Schule: Sieben Gestaltungsoptionen“. Im Januar 2024 erscheint sein Buch „Gamechanger KI. Manifest für leidenschaftliche Bildung“. Mehr Informationen unter www.olaf-axel-burow.de oder www.if-future-design.de.

Titelbild: Professor Dr. Olaf-Axel Burow