Hybride Arbeit, schwankende Auslastungen und neue Formen der Zusammenarbeit stellen Unternehmen vor wachsende Herausforderungen. Mit dem Konzept des „Liquid Real Estate“ beschreibt Prof. Dr.-Ing. Iñaki Lozano Ehlers einen Ansatz, der Büroflächen nicht mehr als starre Infrastruktur, sondern als dynamisches System versteht. Im Interview erklärt er, warum sich Arbeitswelten künftig kontinuierlich an veränderte Anforderungen anpassen müssen und welche Rolle dabei Daten, Nutzerbedürfnisse und Workplace Experience spielen.
Herr Lozano Ehlers, wenn Sie „Liquid Real Estate“ jemandem erklären müssten, der den Begriff noch nie gehört hat: Wie würden Sie ihn beschreiben?
Liquid Real Estate beschreibt einen Paradigmenwechsel im Corporate Real Estate Management. Bislang betrachten wir Gebäude und Arbeitsflächen häufig als statische Infrastruktur. In einer Arbeitswelt, die von hybrider Zusammenarbeit, wechselnden Teamkonstellationen und komplexeren Aufgaben geprägt ist, reicht dieses Verständnis jedoch nicht mehr aus. Liquid Real Estate versteht Immobilien als adaptive Systeme, die sich an tatsächliche Nutzung, veränderte Anforderungen und die Bedürfnisse der Menschen anpassen. Entscheidend ist dabei, dass Mitarbeitende sowohl in ihren fachlichen Teams Wissen aufbauen und teilen als auch kurzfristig in multidisziplinären Projektteams zusammenarbeiten können, ohne dass Unternehmen dafür zusätzliche Parallelstrukturen oder doppelte Flächen vorhalten müssen.
Warum braucht es diesen Ansatz gerade jetzt?
Die vergangenen Jahre haben deutlich gemacht, dass die Auslastung von Büroflächen heute erheblichen Schwankungen unterliegt. Viele Unternehmen erleben einen regelrechten „Occupancy Rollercoaster“: An manchen Tagen sind die Flächen überfüllt, an anderen weitgehend leer. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Zusammenarbeit, Innovation und Nutzererlebnis. Die Herausforderung besteht darin, Angebot und Nachfrage von Raum besser zu synchronisieren. Genau hier setzt Liquid Real Estate an.
Was unterscheidet diesen Ansatz vom klassischen Corporate Real Estate Management?
Traditionell werden Flächen in langen Zyklen geplant. Ein Gebäude wird errichtet, eine Arbeitsumgebung gestaltet und anschließend über viele Jahre weitgehend unverändert betrieben. Liquid Real Estate verfolgt einen anderen Ansatz. Die Arbeitsumgebung wird nicht als fertige Lösung verstanden, sondern als System, das sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der Unterschied liegt daher nicht nur in flexibleren Flächen, sondern in einer anderen Logik der Organisation: Räume werden nicht mehr dauerhaft einzelnen Bereichen oder Teams zugeordnet, sondern können sich entlang von Projektphasen, Teamkonstellationen und wechselnden Arbeitsbedarfen selbst organisieren. Mitarbeitende können in einer Woche stärker im Projektteam arbeiten und in der nächsten wieder enger mit ihrem fachlichen Team zusammenkommen. Entscheidungen basieren dabei stärker auf tatsächlicher Nutzung, Nutzerfeedback und Daten.
Sie sagen, dass Immobilien adaptiver werden müssen. Bedeutet das, dass sich Büros ständig verändern?
Nicht unbedingt. Ein häufiges Missverständnis besteht darin, dass sich die physische Arbeitsumgebung permanent umbauen müsste. Tatsächlich geht es vielmehr darum, die Nutzung von Flächen flexibel an veränderte Anforderungen anzupassen. Das Gebäude selbst bleibt weitgehend bestehen. Was sich verändert, ist die Art und Weise, wie Räume genutzt, organisiert und gesteuert werden.
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren bereits in neue Arbeitswelten investiert. Warum reicht das aus Ihrer Sicht häufig noch nicht aus?
Viele Unternehmen haben ihre Büros modernisiert, neue Flächentypologien eingeführt oder hybride Arbeitsmodelle etabliert. Das sind wichtige Schritte. Dennoch wird häufig noch in relativ statischen Kategorien gedacht. Die Arbeitswelt wird geplant, umgesetzt und anschließend mehrere Jahre weitgehend unverändert betrieben. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch darin, dass sich Organisationen heute kontinuierlich verändern. Teams entstehen und lösen sich auf, Geschäftsmodelle entwickeln sich weiter, technologische Möglichkeiten verändern die Zusammenarbeit. Arbeitsumgebungen müssen deshalb stärker als lebendige Systeme verstanden werden. Ich sage oft: „Immobilien sind per Definition unbeweglich. Organisationen sind es nicht.“ Genau diese Spannung müssen wir künftig besser auflösen.
Im Zentrum Ihres Ansatzes steht das Framework FLOW. Was verbirgt sich dahinter?
FLOW ist das operative Framework von Liquid Real Estate. Es beschreibt die Prinzipien, nach denen ein zukunftsfähiger Workplace gestaltet und weiterentwickelt werden sollte. Die vier Dimensionen stehen für Flexibility, Learning, Open und Well-being.
Flexibility beschreibt die Fähigkeit, sowohl in fachlichen Teams als auch in multidisziplinären Projektteams wirksam arbeiten zu können. Es geht um räumliche, zeitliche und organisatorische Beweglichkeit: Mitarbeitende sollen je nach Aufgabe, Projektphase und Teamkonstellation die passende Arbeitsumgebung nutzen können.
Learning steht für kontinuierliche Weiterentwicklung und Lifelong Learning. Arbeitsumgebungen müssen Lernmöglichkeiten im Alltag schaffen – durch Begegnung, Austausch, Feedback, Daten und neue Formen des gemeinsamen Arbeitens.
Open bedeutet Offenheit gegenüber anderen Perspektiven, Stakeholdern und Netzwerken. Das Büro wird zu einem Ort, an dem interne und externe Akteure zusammenkommen können – etwa Mitarbeitende, Kunden, Partner, Studierende, Lieferanten oder weitere Gruppen.
Well-being stellt sicher, dass das Büro einen spürbaren Mehrwert für die Mitarbeitenden bietet. Es geht nicht nur um Effizienz, sondern auch um Zugehörigkeit, Gesundheit, Energie, soziale Verbindung und eine Arbeitsumgebung, in der Menschen gerne zusammenkommen.
Welche Rolle spielen Daten in diesem Zusammenhang?
Daten bilden die Grundlage, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Viele Unternehmen verfügen heute bereits über große Mengen an Informationen, nutzen diese jedoch nur begrenzt. Entscheidend ist nicht die Menge der Daten, sondern die Fähigkeit, daraus Erkenntnisse abzuleiten. Daten helfen dabei zu verstehen, wie Flächen tatsächlich genutzt werden, wo Engpässe entstehen und welche Bedürfnisse Mitarbeitende haben.
Künstliche Intelligenz spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Wo sehen Sie ihren größten Nutzen?
KI kann Muster erkennen, Entwicklungen prognostizieren und Entscheidungsprozesse unterstützen. Sie kann beispielsweise helfen, Flächenbedarfe besser vorherzusagen oder Nutzungsszenarien zu simulieren. Gleichzeitig sollte KI immer ein unterstützendes Instrument bleiben. Die Verantwortung für Entscheidungen liegt weiterhin bei den Menschen. Es geht nicht darum, den Workplace zu automatisieren, sondern ihn intelligenter zu gestalten.
Viele Unternehmen verfügen zwar über Daten, treffen Entscheidungen aber weiterhin aus dem Bauch heraus. Wie gelingt der Übergang zu einem datenbasierten Workplace Management?
Der erste Schritt besteht darin, eine klare Datenstrategie zu entwickeln. Unternehmen müssen definieren, welche Fragen sie beantworten möchten und welche Informationen dafür tatsächlich relevant sind. Ebenso wichtig ist eine gute Governance. Daten allein erzeugen noch keinen Mehrwert. Erst wenn sie systematisch ausgewertet und in Entscheidungen übersetzt werden, entsteht ein echter Nutzen.
Wie verändert Liquid Real Estate das Verständnis vom Büro und wofür kommen Menschen künftig überhaupt noch ins Büro?
Das Büro verliert zunehmend seine Funktion als Ort individueller Routinearbeit. Dafür gewinnen andere Aufgaben an Bedeutung wie Zusammenarbeit, Lernen, Innovation, kultureller Austausch und soziale Interaktion. Menschen kommen künftig weniger ins Büro, weil sie dort einen Schreibtisch benötigen, sondern weil sie dort Dinge erleben können, die anderswo nicht oder nur schwer möglich sind. Das bedeutet auch, dass Workplace Experience an Bedeutung gewinnt. Mitarbeitende vergleichen das Büro heute nicht mehr mit dem Büro von gestern, sondern mit den Erfahrungen, die sie an anderen Orten machen, zum Beispiel zu Hause, in Hotels, Coworking-Spaces oder kulturellen Einrichtungen. Die Qualität der Erfahrung wird damit zu einem strategischen Faktor für Arbeitgeberattraktivität, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur.
Welchen Mindshift wünschen Sie sich von der Branche?
Wir sollten aufhören, Immobilien ausschließlich als physische Objekte zu betrachten. Gebäude sind wichtig, aber sie sind nur ein Teil des Systems. Entscheidend ist die Frage, welchen Beitrag Arbeitsumgebungen zur Wertschöpfung, zur Unternehmenskultur und zur Nutzererfahrung leisten. Wenn wir Immobilien stärker als strategische Plattformen verstehen, eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten für Corporate Real Estate und Workplace Management.
Herr Lozano Ehlers, vielen Dank für das Gespräch.
Prof. Dr.-Ing. Iñaki Lozano Ehlers gilt als international anerkannter Experte für Workplace Strategy, Corporate Real Estate und kulturelle Transformation. Nach seiner Tätigkeit als Senior Researcher am Fraunhofer IAO gründete er die Beratung BICG. BICG bringt dabei die Erfahrung aus über 27 Jahren Beratungspraxis, mehr als 500 Projekten in mehr als 35 Ländern und Transformationsvorhaben mit rund 2 Mio. betroffenen Mitarbeitenden ein. Die internationale Perspektive und die multidisziplinäre Arbeitsweise von BICG bilden eine wichtige Grundlage, um Transformationsprojekte (u.a. Future Work Projekte, neue Konzepte wie Liquid Real Estate) nicht nur strategisch zu beschreiben, sondern auch in großen Organisationen wirksam umzusetzen. Weitere Informationen: https://bicg.com/de/ und https://www.linkedin.com/in/inaki-lozano-ehlers/.
Titelbild: © Iñaki Lozano Ehlers