Kreislaufwirtschaft muss ökologisch sinnvoll sein, aber auch wirtschaftlich funktionieren. Genau hier setzt der Circular Economy Business Case Calculator an, den das Wuppertal Institut im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts R‑evolve entwickelt hat. Das Excel-basierte Tool unterstützt Unternehmen dabei, die wirtschaftliche Tragfähigkeit zirkulärer Geschäftsmodelle zu bewerten und unterschiedliche Szenarien zu vergleichen.
Im IBA Nachhaltigkeitskreis stellten Niklas Hoffmann und Martin Perau vom Wuppertal Institut den Calculator kürzlich vor. Im Gespräch mit dem IBA Forum erklären sie, welche Fragen Unternehmen damit beantworten können, warum gerade die Logistik für die Wirtschaftlichkeit zirkulärer Geschäftsmodelle entscheidend sein kann und welche Erkenntnisse sich aus unterschiedlichen Szenarien gewinnen lassen.
Herr Hoffmann, Herr Perau, warum braucht es überhaupt einen Business Case Calculator für Kreislaufwirtschaft?
Martin Perau: Im R‑evolve-Projekt beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Transformation zur Kreislaufwirtschaft in der Möbelbranche gelingen kann. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die ökonomische Perspektive. Zirkuläre Geschäftsmodelle müssen schließlich nicht nur ökologisch sinnvoll sein, sondern sich für Unternehmen auch rechnen. Genau dafür haben wir den Circular Economy Business Case Calculator entwickelt. Er soll Unternehmen dabei unterstützen, die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines zirkulären Geschäftsmodells abzuschätzen und unterschiedliche Szenarien durchzuspielen. Dabei verwenden wir bewusst klassische betriebswirtschaftliche Kennzahlen, die aus dem Unternehmens- und Controllingkontext bekannt sind. So bleiben die Ergebnisse nachvollziehbar und lassen sich mit linearen Geschäftsmodellen vergleichen.
Welche zirkulären Geschäftsmodelle lassen sich mit dem Tool untersuchen?
Niklas Hoffmann: Derzeit können sieben unterschiedliche R‑Strategien abgebildet werden: Reuse, Repair, Refurbishment, Remanufacturing, Repurpose und Recycling sowie Mietmodelle im Sinne von Rethink. Teilweise lassen sich diese noch weiter differenzieren. Bei Repair kann beispielsweise unterschieden werden, ob eine Reparatur im eigenen Unternehmen oder durch ein Serviceteam beim Kunden erfolgt. Im Hintergrund bildet das Tool die jeweiligen Material‑, Kosten- und Einnahmeströme ab. Unternehmen geben die Daten ein, die für ihren konkreten Anwendungsfall relevant sind. Daraus werden anschließend die wirtschaftlichen Kennzahlen berechnet.
Wie aufwendig ist es für Unternehmen, die dafür notwendigen Daten zusammenzutragen?
Niklas Hoffmann: Das Tool beginnt mit der Konfiguration des jeweiligen Business Cases. Über einen kurzen Fragebogen wird festgelegt, was betrachtet werden soll und welche R‑Strategie zugrunde liegt. Daraufhin werden nur die Datenfelder angezeigt, die für diesen Fall tatsächlich relevant sind. Uns war wichtig, dass Unternehmen nicht davon abgeschreckt werden, wenn ihnen einzelne Daten noch nicht vorliegen. Nicht jedes Feld muss zwingend ausgefüllt werden. Das Tool zeigt vielmehr, welche Datenpunkte für eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung relevant sein können. Gleichzeitig können zusätzliche Kostenpositionen ergänzt werden, wenn ein Unternehmen Besonderheiten berücksichtigen möchte, die im Modell nicht standardmäßig enthalten sind.
Welche Rolle spielt die Logistik für die Wirtschaftlichkeit?
Niklas Hoffmann: Eine sehr große. Unsere Erfahrungen aus den Pilotprojekten zeigen, dass die Logistik ein zentraler Faktor für die Wirtschaftlichkeit zirkulärer Geschäftsmodelle sein kann. Im Vergleich zu linearen Modellen entstehen zusätzliche und teilweise komplexere Warenströme. Produkte müssen beispielsweise beim Kunden abgeholt, transportiert, geprüft, gegebenenfalls aufbereitet und anschließend wieder ausgeliefert werden. Deshalb lässt sich die Logistik im Calculator unterschiedlich detailliert abbilden. Unternehmen können mit vereinfachten Annahmen arbeiten oder einzelne Kosten genauer erfassen. Das hängt davon ab, wie detailliert sie ihren Business Case untersuchen möchten.
Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie eine solche Berechnung aussehen könnte?
Niklas Hoffmann: Bei der Vorstellung im IBA Nachhaltigkeitskreis haben wir mit einem fiktiven Beispiel zur Rücknahme und zum Refurbishment von Bürostühlen gearbeitet. Ein Unternehmen nimmt gebrauchte Stühle zurück, bereitet sie auf und verkauft sie erneut. Dabei entstehen an unterschiedlichen Stellen Kosten: bei der Rücknahme und Logistik, bei der Prüfung und Aufbereitung, durch Arbeitszeit oder benötigte Ersatzteile und schließlich bei Verpackung und Versand. Gleichzeitig stehen diesen Kosten die erwarteten Verkaufserlöse gegenüber. Das Tool kann dann beispielsweise sichtbar machen, welchen Einfluss höhere oder niedrigere Absatzmengen, unterschiedliche Verkaufspreise oder veränderte Kosten auf die Wirtschaftlichkeit haben. So lassen sich verschiedene Szenarien direkt miteinander vergleichen.
Welche Ergebnisse erhalten Unternehmen am Ende?
Niklas Hoffmann: Wir arbeiten mit etablierten wirtschaftlichen Kennzahlen wie Net Present Value, Internal Rate of Return und Payback Period. Vereinfacht gesagt beantworten sie drei Fragen: Wie viel Geld kann mit dem Business Case verdient werden? Welche Rendite ist zu erwarten? Und wie lange dauert es, bis sich die anfängliche Investition amortisiert hat? Zusätzlich zeigt das Tool den Cashflow und schlüsselt auf, an welchen Stellen die wesentlichen Kosten entstehen. Das ist besonders interessant, weil Unternehmen dadurch nicht nur sehen, ob ein Geschäftsmodell wirtschaftlich funktioniert, sondern auch, wo sie ansetzen können, um es zu verbessern.
Was könnte das beim Refurbishment eines Bürostuhls konkret bedeuten?
Niklas Hoffmann: Wenn die Analyse beispielsweise zeigt, dass ein großer Teil der Kosten bei der eigentlichen Aufbereitung entsteht, kann man genauer hinschauen: Liegt es am hohen Personaleinsatz? Werden viele Ersatzteile benötigt? Könnte ein höherer Automatisierungsgrad helfen? Auch die ursprüngliche Produktgestaltung kann eine Rolle spielen. Wenn ein Stuhl von Beginn an so konstruiert wird, dass er langlebig ist, leichter repariert oder demontiert werden kann, können bei einem späteren Refurbishment möglicherweise weniger Ersatzteile und weniger Arbeitszeit notwendig sein. Damit verbindet die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung letztlich auch unterschiedliche Phasen des Produktlebenszyklus.
Lassen sich mit dem Calculator auch unterschiedliche Strategien vergleichen, beispielsweise eigene Reparatur und externe Reparatur?
Niklas Hoffmann: Ja. Unterschiedliche Konstellationen können jeweils berechnet und anschließend miteinander verglichen werden. Innerhalb einer einzelnen Konfiguration können derzeit allerdings nicht mehrere R‑Strategien gleichzeitig gegenübergestellt werden. Ein Refurbishment-Case und ein Remanufacturing-Case würden beispielsweise separat berechnet. Die Ergebnisse basieren jedoch auf vergleichbaren Kennzahlen und können deshalb anschließend einander gegenübergestellt werden. Auch die Frage, ob eine Reparatur intern durchgeführt oder extern vergeben wird, lässt sich grundsätzlich mit dem Tool untersuchen.
Wie belastbar sind die Berechnungen bereits? Wurde das Tool mit Unternehmen getestet?
Martin Perau: Im Rahmen von R‑evolve haben wir bereits mit sieben Unternehmen beziehungsweise sieben Business Cases gearbeitet. Die Unternehmen waren dabei unterschiedlich weit: Teilweise wurden konkrete Geschäftsmodelle mit einer spezifischen Fragestellung untersucht, teilweise befanden sich die Ansätze noch in einem frühen Stadium. Das Feedback aus diesen Pilotanwendungen fließt kontinuierlich in die Weiterentwicklung ein. Das Tool ist also kein abgeschlossenes Ergebnis. Genau deshalb ist für uns auch die Anwendung durch weitere Unternehmen interessant.
Kann der Calculator auch genutzt werden, wenn ein Unternehmen noch gar keinen fertigen Business Case hat?
Martin Perau: Ja, genau darin sehen wir einen wichtigen Nutzen. Das Tool kann auch eine Art Spielwiese sein. Unternehmen können unterschiedliche Annahmen treffen und prüfen, unter welchen Bedingungen ein Geschäftsmodell wirtschaftlich werden könnte. Was passiert beispielsweise, wenn sich der Absatz verändert? Wie wirken sich höhere Kosten aus? Oder welcher Preis wäre notwendig, damit sich ein Modell trägt? Im Moment können dabei bis zu fünf Jahre betrachtet werden. Dadurch lassen sich auch Geschäftsmodelle abbilden, die eine gewisse Anlaufphase benötigen und erst später von Skaleneffekten profitieren.
Wie geht es mit dem Circular Economy Business Case Calculator weiter?
Niklas Hoffmann: Wir entwickeln das Tool kontinuierlich weiter. Zum Zeitpunkt der Vorstellung arbeiten wir bereits an der nächsten Version, in die weitere Erkenntnisse aus den Pilotprojekten einfließen. Perspektivisch möchten wir zusätzliche Funktionalitäten ergänzen, mit denen sich beispielsweise veränderte Rahmenbedingungen und ihr Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit noch besser abschätzen lassen. Wichtig ist uns vor allem, dass der Calculator tatsächlich genutzt wird. Deshalb freuen wir uns über Rückmeldungen aus der Praxis. Und zwar sowohl darüber, was gut funktioniert, als auch darüber, was Unternehmen noch fehlt. Nur so können wir das Tool weiter verbessern.
Herr Hoffmann und Herr Perau, vielen Dank für das Gespräch.