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Vom Lernraum zur Arbeitswelt: David Thornburgs Modelle und ihre Relevanz für die Büroplanung

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IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
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Die Modelle archetypischer Lernräume des US-amerikanischen Bildungsforschers David Thornburg werden inzwischen auch außerhalb des Bildungsbereichs diskutiert. In seinem Essay Campfires in Cyberspace und später im Buch From the Campfire to the Holodeck beschreibt er Räume nicht anhand ihrer Grundrisse oder Möblierung, sondern anhand ihrer sozialen Funktion. Im Mittelpunkt stehen dabei Orte für Wissensvermittlung, individuelle Reflexion und informellen Austausch.

Gerade dieser Perspektivwechsel macht Thornburgs Modelle auch für moderne Büro- und Arbeitswelten interessant. Denn angesichts hybrider Arbeit, sinkender Präsenzquoten und veränderter Erwartungen an das Büro stellt sich heute stärker denn je die Frage, welche Aufgaben physische Arbeitsorte künftig erfüllen sollen. Klassische Schreibtischflächen verlieren in vielen Unternehmen an Bedeutung, während Kommunikationszonen, Rückzugsräume und soziale Treffpunkte wichtiger werden. Thornburgs Archetypen liefern dafür einen wertvollen Denkrahmen. Sie helfen, Büroflächen als Lern‑, Kommunikations- und Interaktionsökosystem zu verstehen, und nicht als reine Ansammlung von Arbeitsplätzen.

Thornburgs Archetypen: Campfire, Cave und Watering Hole

Im Zentrum des Modells stehen drei grundlegende Raumtypen: das Lagerfeuer (Campfire), die Höhle (Cave) und die Wasserstelle (Watering Hole). Thornburg nutzt bewusst Bilder aus vorindustriellen Lebenswelten, um universelle menschliche Situationen zu beschreiben. Das Campfire steht für Orte, an denen Wissen geteilt wird. Eine Person erklärt, erzählt, präsentiert oder vermittelt Inhalte an eine Gruppe. Früher war dies das Lagerfeuer, heute kann es ein Seminarraum, ein Hörsaal, eine Townhall-Fläche oder ein Workshopraum im Unternehmen sein. Die Cave beschreibt den Rückzug. Hier wird nachgedacht, geschrieben, reflektiert oder konzentriert gearbeitet. Es sind Situationen, in denen Menschen Distanz zu Reizen, Unterbrechungen und sozialer Beobachtung benötigen. Das Watering Hole schließlich meint Orte des ungeplanten Austauschs. Dort begegnen sich Menschen zufällig, stellen Fragen, teilen Erfahrungen oder entwickeln im Gespräch neue Ideen. Es sind jene sozialen Zwischenräume, in denen Wissen oft informell entsteht. In späteren Weiterentwicklungen ergänzt Thornburg das Modell um die vierte Dimension Life oder The World, reale Umgebungen, in denen Wissen angewendet wird. Für Unternehmen wären das Projektarbeit, Kundenkontakt, Werkstätten, Innovationslabore oder operative Prozesse, also jene Orte, an denen Ideen den Schritt in die Praxis machen.

Warum Thornburgs Ansatz heute wieder relevant ist

Die Stärke des Modells liegt darin, Lernen und Wissensarbeit nicht an einen festen Arbeitsplatz zu binden, sondern als Abfolge verschiedener Situationen zu verstehen. Arbeit verläuft als Wechsel zwischen Input, Fokus, Austausch und Anwendung. Genau dieses Verständnis prägt viele aktuelle Diskussionen über hybride Modelle und tätigkeitsbasierte Bürokonzepte. Zahlreiche Studien zeigen, dass konzentrierte Einzelarbeit weiterhin unverzichtbar bleibt, spontane Begegnungen Innovation fördern und soziale Bindung nur begrenzt digital entsteht. Auch die „New Work Order“-Studie Die Macht des Raums von Birgit Gebhardt beschreibt das Büro als Lernwelt, Bühne und Kulturraum. Dabei greift sie auf ähnliche raumpsychologische und lernraumbezogene Logiken zurück. Ein einzelner Standardarbeitsplatz kann diese Anforderungen kaum erfüllen. Vor diesem Hintergrund wirkt Thornburgs Modell erstaunlich zeitgemäß. Es liefert eine einfache Sprache für ein komplexes Phänomen: die Notwendigkeit, unterschiedliche Arbeitsmodi räumlich abzubilden.

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Vom Grundriss zum Raumökosystem

Überträgt man Thornburgs Modell auf die Büroplanung, verändert sich der Blick auf Flächen grundlegend. Statt einer homogenen Landschaft aus Arbeitsplätzen, Besprechungsräumen und Verkehrsflächen entsteht ein Gefüge unterschiedlicher Raumqualitäten. Campfire-Situationen finden sich heute in Workshopräumen, auf Projektflächen, in Townhall-Zonen oder Besprechungsräumen mit Präsentationstechnik. Caves lassen sich als Fokusräume, Bibliothekszonen, akustisch geschützte Nischen oder kleine Rückzugsräume realisieren. Watering Holes entstehen an den sozialen Knotenpunkten einer Organisation, etwa in zentralen Kaffee- und Küchenbereichen, offenen Lounges, Treppenräumen mit Aufenthaltsqualität oder bewusst gestalteten Zwischenzonen, die weder reiner Flur noch klassischer Meetingraum sind. Damit verschiebt sich die zentrale Planungsfrage weg von „Wie viele Schreibtische brauchen wir?“ hin zu „Welche Situationen wollen wir ermöglichen?“

Watering Holes: Orte, an denen Kultur sichtbar wird

Im Unternehmenskontext verdienen die Watering Holes besondere Aufmerksamkeit. Viele Organisationen stellen fest, dass sich Kultur, Zugehörigkeitsgefühl und informelles Lernen in rein digitaler Zusammenarbeit deutlich schwerer entwickeln. Virtuelle Meetings eignen sich hingegen hervorragend für Abstimmungen und die Weitergabe von Informationen. Für zufällige Begegnungen, schwache Signale, spontane Ideen oder beiläufiges Vertrauen sind sie jedoch weniger gut geeignet. Hier gewinnt das Büro eine neue Rolle, aber nicht primär als Ort der Pflichtpräsenz, sondern als sozialer Resonanzraum. In diesem Verständnis sind Watering Holes mehr als schöne Ecken im Grundriss. Vielmehr sind sie Ankerpunkte im hybriden Alltag, Orte bereichsübergreifender Kontakte und Katalysatoren für Kultur. Entscheidend ist allerdings ihre Qualität. Ein Kaffeeautomat im Durchgang schafft beispielsweise noch keinen Begegnungsort. Erst Aufenthaltsqualität, Sichtbarkeit, passende Möblierung, angenehme Akustik und eine sinnvolle Einbindung in Wegebeziehungen machen aus einer Fläche ein echtes Watering Hole.

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Offenheit braucht Rückzug

Ein weitverbreitetes Missverständnis moderner Bürokonzepte besteht darin, anzunehmen, Kommunikation lasse sich allein durch offene Grundrisse erzeugen. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig das Gegenteil mit fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, sinkender Zufriedenheit und mangelnder Konzentration. Zudem verlagert sich die Kommunikation ins Digitale oder nach außen. Thornburgs Modell macht deutlich, warum ein Gleichgewicht so wichtig ist. Wer Watering Holes stärkt, ohne genügend Caves anzubieten, überfordert viele Beschäftigte. Wer ausschließlich Fokusräume plant, verliert an sozialer Dynamik. Wer nur Campfire-Settings schafft, produziert vor allem Frontalformate. Eine gute Büroplanung sollte daher die Aspekte Austausch, Fokus, gemeinsames Lernen, Anwendung und soziale Verbindung in ein stimmiges Verhältnis bringen, abgestimmt auf Branche, Tätigkeiten, Kultur und Präsenzmuster.

Möblierung als Verhaltensarchitektur

Die Übertragung von Thornburgs Lernräumen auf Bürokonzepte hat auch Auswirkungen auf die Möblierung. Möbel sind nicht nur Ausstattung, sie prägen Verhalten. Ein hoher Stehtisch begünstigt beispielsweise kurze, spontane Gespräche. Ein Sofa hingegen lädt zu längeren, informellen Begegnungen ein. Akustisch geschützte Sitzecken wiederum fördern vertrauliche Gespräche oder konzentriertes Arbeiten. Mobile Präsentationselemente erleichtern informelle Campfire-Situationen. Ein und derselbe Grundriss kann je nach Einrichtung völlig unterschiedlich wirken: als Durchgangszone, als Treffpunkt oder als produktiver Fokusbereich. Möblierung wird damit zu einem strategischen Instrument. Sie macht sichtbar, wofür ein Ort gedacht ist, senkt Nutzungsschwellen und übersetzt Raumkonzepte in gelebte Praxis.

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Was Unternehmen daraus ableiten können

Thornburgs Modell bietet vielen Unternehmen eine pragmatische Möglichkeit, den eigenen Bestand zu betrachten. Es wirft Fragen auf wie: Wo finden bei uns Campfire-Situationen statt? Haben wir ausreichend Caves für konzentrierte Aufgaben? Wo entstehen echte Watering Holes, die von verschiedenen Bereichen genutzt werden? An welchen Stellen fehlen heute noch geeignete Räume für hybride Zusammenarbeit? Gerade bei Flächenreduktion, Reorganisation oder der Einführung neuer Arbeitsmodelle kann dieser Blick helfen, die Qualität der Arbeitserfahrungen zu verbessern.

Fazit: Büroplanung als Gestaltung von Lern- und Arbeitskultur

Thornburgs Archetypen entstanden im Kontext von Schulen und Hochschulen. Ihre Relevanz reicht heute jedoch weit darüber hinaus. Denn auch in Büros werden ähnliche Fragen diskutiert. Wo entsteht Wissen? Wie wird es geteilt? Wann braucht es Rückzug, wann Sichtbarkeit und Begegnung? Wer Büroplanung strategisch versteht, kann Thornburgs Modell als wertvolles Denkwerkzeug nutzen. Der Fokus verschiebt sich dabei vom einzelnen Arbeitsplatz hin zu einem abgestimmten Gefüge unterschiedlicher Situationen. So wird das Büro zum Lernraum, Kulturträger und sozialen Knotenpunkt und gewinnt gerade in der hybriden Arbeitswelt eine neue, eigenständige Bedeutung.

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