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Wie sieht das Büro der Zukunft aus, wenn der Mensch nur der Copilot ist?

WW – Work Culture Festival

Gerda Karal und Shahin Farahzadi
IBA Redaktionsteam IBA Redaktionsteam ·
7 Minuten

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt und damit auch die Anforderungen an das Büro. Wenn KI künftig Routinen übernimmt, Analysen erstellt, Varianten simuliert und Entscheidungen vorbereitet, stellt sich die Frage, welche Aufgaben dem Menschen bleiben und welchen Raum er dafür braucht. Für Gerda Karal und Shahin Farahzadi steht fest: Das Büro wird nicht überflüssig. Aber seine Rolle verändert sich.

Beim Wherever Whenever – Work Culture Festival 2026 sprechen Gerda Karal von LEPEL & LEPEL und Shahin Farahzadi von one.vision darüber, was diese Entwicklung für die Zukunft des Büros bedeutet. Im Vorfeld ihres Vortrags haben wir ihnen sieben Fragen gestellt. Ihre Antworten lesen Sie hier.

Ihr Vortrag trägt den Titel „Wie sieht das Büro der Zukunft aus, wenn du nur der Copilot bist?“. Wer sitzt künftig eigentlich am Steuer – der Mensch oder die KI?

Gerda Karal: Wenn irgendwann die KI am Steuer sitzt und wir nur noch danebensitzen, haben wir vorher schon etwas falsch gemacht. Sie wird uns wahrscheinlich sehr viel Arbeit abnehmen. Sie kann analysieren, simulieren, Varianten bauen und uns Dinge vorschlagen, für die heute ganze Teams Stunden oder Tage brauchen. Aber sie weiß nicht, wo wir als Unternehmen hinwollen und welche Welt wir eigentlich gestalten möchten. Das Spannende ist deshalb nicht, wer auf den Knopf drückt. Spannend ist, wer die Richtung vorgibt. Wenn plötzlich hundert gute Möglichkeiten vor mir liegen, brauche ich jemanden, der erkennt, welche davon wirklich gut ist. Geschmack, Erfahrung, Urteilskraft und Verantwortung werden dadurch nicht weniger relevant, sondern wertvoller.

Viele Unternehmen diskutieren über KI-Tools. Sie sprechen von einer veränderten Logik der Arbeit. Was ist der Unterschied?

Shahin Farahzadi: Wenn ich mit KI meine Mails 30 % schneller schreibe und danach dieselben Meetings mache, habe ich noch keine neue Arbeitswelt geschaffen. Interessant wird es, wenn wir uns fragen, was wir mit der Zeit anfangen, die wir zurückbekommen. Welche Aufgaben braucht es überhaupt noch? Welche Entscheidungen können früher getroffen werden? Welche Teams müssen wirklich zusammensitzen? Und wofür möchten wir Menschen künftig ins Büro holen? Dann reden wir nicht mehr über ein neues Tool. Dann verändert sich die Organisation. Und genau das hat Konsequenzen für die Architektur. Wenn sich Arbeit verändert, können wir nicht einfach den alten Grundriss beibehalten und irgendwo noch ein neues digitales Tool ergänzen.

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Wenn Routinen, Analysen und sogar Entscheidungsvorlagen zunehmend automatisiert werden: Welche Aufgaben machen das Büro künftig überhaupt noch relevant?

Shahin Farahzadi: Ein Büro muss heute seinen Arbeitsweg verdienen. Wenn ich zu Hause konzentrierter arbeiten kann, brauche ich keinen Schreibtisch in der Stadt, an dem ich dasselbe mit mehr Ablenkung mache. Ich komme ins Büro, weil dort etwas passiert, das es zu Hause weniger gibt. Ich treffe Menschen, bekomme zufällig etwas mit, wir diskutieren, verwerfen etwas, zeichnen gemeinsam, lachen, streiten uns vielleicht auch einmal und kommen am Ende auf eine Idee, die vorher keiner von uns hatte. Das Büro verliert seine Selbstverständlichkeit und gewinnt dadurch an Bedeutung. Bei LEPEL & LEPEL sprechen wir seit vielen Jahren davon, Beziehungen zu bauen. Ich glaube, genau das wird künftig noch wörtlicher zu verstehen sein. Das Büro ist nicht mehr der Ort, an dem Arbeit kontrolliert wird. Es ist der Ort, an dem Beziehung, Kultur und gemeinsame Ideen entstehen.

Sie sagen, das Büro werde strategischer. Woran erkennt man ein strategisches Büro und woran eines, das noch in alten Mustern denkt?

Gerda Karal: Für uns beginnt ein gutes Büro nicht mit dem Möbelplan. Wenn die erste Frage lautet, wie viele Schreibtische wir auf einen Quadratmeter bekommen, optimieren wir sehr früh möglicherweise das Falsche. Wir wollen zuerst verstehen, wie ein Unternehmen eigentlich arbeitet. Wo entstehen gute Entscheidungen? Wo treffen sich Menschen? Wer braucht Ruhe? Welche Teams müssen sich häufiger begegnen? Wie soll sich das Unternehmen für Mitarbeitende und Gäste anfühlen? Erst danach wird daraus Raum. Ein strategisches Büro ist für uns gebaute Unternehmensstrategie. Man kann darin im besten Fall spüren, wie eine Organisation denkt und wie sie als Gemeinschaft miteinander umgehen möchte.

Welche räumlichen Qualitäten werden in Zukunft wichtiger sein: Konzentration, Kreativität, Begegnung oder etwas ganz anderes?

Gerda Karal: Eigentlich alle. Die wichtigere Fähigkeit eines Büros wird sein, zwischen diesen Zuständen wechseln zu können. Wir denken dabei gerne eher an eine gute Stadt als an eine klassische Bürofläche. Eine Stadt hat lebendige Plätze, ruhige Straßen, Orte für Begegnung, Orte zum Essen, Rückzugsorte und manchmal auch überraschende Ecken, die gar nicht komplett vorprogrammiert sind. Warum sollte ein guter Arbeitsort weniger vielfältig sein? Dazu kommt etwas, das bei all der Technik gerne vergessen wird: Wir erleben Räume mit unserem Körper. Licht, Akustik, Materialien, Temperatur, Gerüche und Bewegung prägen, wie wir uns fühlen und wie wir arbeiten. Je digitaler unsere Arbeit wird, desto interessanter finden wir deshalb Räume, die sich sehr real anfühlen.

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Viele Unternehmen verfügen bereits über Büroflächen. Was können sie heute tun, um bestehende Arbeitswelten schrittweise auf die neue Realität vorzubereiten?

Shahin Farahzadi: Erst einmal nicht alles herausreißen. Wir würden zuerst beobachten. Welche Flächen funktionieren wirklich? Welche Besprechungsräume sind ständig voll? Wo sitzt nie jemand? Wo bleiben Menschen nach einem Meeting noch 20 Minuten stehen, obwohl dieser Ort dafür überhaupt nicht gedacht war? Darin stecken unglaublich viele Informationen. Dann kann man sehr gezielt eingreifen und ausprobieren. Vielleicht braucht eine Fläche weniger feste Arbeitsplätze und einen wirklich guten Projektraum. Vielleicht fehlt eine Rückzugsmöglichkeit. Vielleicht ist eine große Konferenzzone eigentlich komplett falsch programmiert. Wir mögen dabei den Gedanken des Prototyps. Eine Veränderung ausprobieren, beobachten, lernen und anschließend weiterentwickeln. Ein Büro muss heute nicht für die nächsten 20 Jahre fertig sein. Es sollte in 20 Jahren noch veränderbar sein.

Welcher Irrtum über das Büro der Zukunft wird uns in fünf Jahren am meisten überraschen?

Gerda Karal: Dass das Büro der Zukunft futuristisch aussehen muss. Ich glaube eher an das Gegenteil. Vielleicht werden wir in fünf Jahren weniger sichtbare Technologie sehen als heute, weil die wirklich gute Technologie irgendwann im Hintergrund verschwindet. Gleichzeitig werden Materialität, Atmosphäre, Essen, Begegnung, Natur, Bewegung und echte menschliche Nähe wichtiger. Das Büro der Zukunft muss nicht aussehen wie ein Raumschiff. Vielleicht sieht es sogar menschlicher aus als das Büro von heute.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Wherever Whenever – Work Culture Festival 2026 Vom 27. bis 30. Oktober 2026 bringt das Wherever Whenever – Work Culture Festival erneut Entscheidungsträger und Visionäre aus aller Welt auf der ORGATEC zusammen.

Gerda Karal ist Innenarchitektin bdia und geschäftsführende Gesellschafterin von LEPEL & LEPEL. Ihr Schwerpunkt liegt auf identitätsstiftender Innenarchitektur und der Gestaltung moderner Arbeitswelten, die Funktionalität, Identität und Nachhaltigkeit miteinander verbinden. Als DGNB Registered Professional beschäftigt sie sich zudem intensiv mit klimafreundlichem Planen und Bauen. Weitere Informationen: lepel-lepel.de

Shahin Farahzadi ist Architekt und Chief Strategy Officer bei one.vision. Sein Schwerpunkt liegt auf BIM, Künstlicher Intelligenz und digitaler Generalplanung. Dabei verbindet er strategische Projektentwicklung, datenbasierte Planung und digitale Technologien mit dem Ziel, Planungsprozesse transparenter und verlässlicher zu gestalten. Weitere Informationen: https://one.vision/

 

Titelbild: ©Shahin Farahzadi, ©Gerda Karal